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Blinder Mann bittet um Sitzplatz – keiner steht in der Bahn für ihn auf

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Von: Annabel Schütt

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Ein blinder Mann versucht, mit seinem Begleithund Kika einen Sitzplatz in einer Bahn zu ergattern – vergebens. Niemand zeigt Empathie oder Anteilnahme.

London – Von einem Tag auf den nächsten steht das Leben von Amit Patel Kopf. Eine Augenkrankheit nimmt dem Familienvater vor einigen Jahren fast seine komplette Sehfähigkeit. Seitdem ist er auf Labrador-Hündin Kika angewiesen, die ihm vor allem draußen nicht von der Seite weicht. Doch Tag ein Tag aus haben er und sein flauschiger Begleiter mit Diskriminierung und Beleidigungen zu kämpfen, wie der Twitter-Account von Blindenhut Kika zeigt.

Hauptstadt des Vereinigten Königreichs:London
Fläche:1.572 km²
Höhe:11 Meter
Bevölkerung:8,982 Millionen (2019)
Errichtungsdatum:50 n. Chr.

Blinder Mann sucht mit Begleithund einen Sitzplatz in der Bahn – doch niemand steht für ihn auf

Schnelles Anfahren und ruckartiges Bremsen: Das Bahnfahren ist für Blinde wahrlich kein Kinderspiel. Diese Erfahrung muss auch der 37-jährigen Engländer Amit Patel Tag ein Tag aus machen. Keratokonus, eine Augenkrankheit, die die Hornhaut verformt und ausdünnt, nahm ihm im Jahr 2012 sein Augenlicht. Heute meistert der ehemalige Arzt gemeinsam mit Blindenhund Kika den Alltag in London. Hierzulande werden Blindenhunde von der Krankenkasse bezahlt – immerhin eine Hilfe für Betroffene.

Doch eines Tages wollte er bei strömenden Regen gemeinsam mit Hund Kika mit der Bahn vom Stadtteil New Eltham im Südosten von London zum Bahnhof Waterloo East fahren. In weiser Voraussicht stieg er am Ende des Bahnsteigs ins Behindertenabteil. Doch was er dann erleben musste, lässt Amit Patel bis heute nicht ruhig schlafen.

„Obwohl ich das Hundekommando ‚Suche einen Sitz!‘ laut ausgesprochen hatte, regte sich keiner der Passagiere und bot mir einen Platz an“, erzählt der blinde Engländer auf Twitter. Keiner der anderen Fahrgäste fühlte sich angesprochen oder wollte aufstehen und das, obwohl genügend „gesunde“ Menschen auf den Plätzen saßen, die eigentlich für Behinderte vorgesehen sind.

Pendler sitzen und stehen in einer Londoner U-Bahn. Blindenhut Kika und der blinde Engländer Amit Patel lächeln in die Kamera. (24hamburg.de-Montage)
Ein blinder Mann versucht, mit Begleithund Kika einen Sitzplatz in einer Bahn zu finden – vergebens. (24hamburg.de-Montage) © PA Wire | Yui Mok/picture alliance/dpa & Twitter-Screenshot/Kika

Für den Familienvater unverständlich: „Menschen können so egoistisch sein. Sie tun so, als ob sie nicht sehen oder hören könnten, wenn ich nach einem Sitzplatz frage.“

„Ich habe es satt, ignoriert zu werden“: Blinder Mann aus England wird auf Twitter zum Sprachrohr für Blinde Menschen

Als wäre das doch nicht schlimm genug, musste Amit Patel sich während der gesamten Fahrt Rücken gegen die Wand lehnen, um nicht hinzufallen. Und auch Labrador-Hündin Kika schlitterte bei jeder Kurve und Bremsung über den nassen Boden. „Es ist beschämend, wenn man sich abmühen muss, etwas zum Festhalten zu finden und gleichzeitig darauf achten muss, dass dein Hund sicher ist. Das sind Momente, in denen ihr Tränen über meine Wangen laufen seht. Das Leben ist schwer genug“, heißt es in dem Twitter-Post.

Gegenüber der britischen Zeitung „Evening Standard“ ließ er seiner Wut und Frustration freien Lauf: „Die Leute verstehen nicht, wie sehr Kika sich anstrengen muss. Stattdessen denken sie: ‚Oh, ein Hund, wie niedlich‘ und sind mit ihren Handys und Kopfhörern beschäftigt. Sie passt jeden Tag auf mich auf und ich fühle mich hilflos. “ „Ich habe es satt, ignoriert zu werden“, stellte er zudem gegenüber der „Mail Online“ fest.

Blindenhund Kika trägt eine Kamera – so dokumentiert der Blinde die Ignoranz der Menschen

Seit diesem Vorfall ist Amit Patel nach und nach zum Sprachrohr für blinde und sehbehinderte Menschen* in London geworden. Immer wieder ist er mit Blindenhund* Kika unterwegs, die bei den gemeinsamen Ausflügen eine GoPro trägt, um die Unmenschlichkeit, die ihnen begegnet, zu filmen. Unmenschliches spielte sich auch in einer Schweizer Tram ab, als ein Toter unbemerkt sechs Stunden lang in einer Straßenbahn durch die Stadt fuhr.

Zuletzt postete die Ehefrau des einstigen Arztes ein Video auf Kikas Twitter-Account, das zeigt, wie ein wütender Mann versuchte, ihn auf einer Rolltreppe zur Seite zu schubsen. Doch Amit gib die Hoffnung nicht, dass behinderte Menschen in dieser Gesellschaft irgendwann besser behandelt werden. Schon seltsam: Der Begriff „Schwarzfahrer“ wird abgeschafft, weil er Menschen ausschließt – zum Helfen reicht die Achtsamkeit wohl aber nur selten. * 24hamburg.de, fnp.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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