Neuerung für Ticketsünder

Aus Angst vor Rassismus-Vorwürfen: Städte streichen „schwarzfahren“

  • Annabel Schütt
    VonAnnabel Schütt
    schließen

Sollen wir aufhören, von „schwarzfahren“ zu reden? Aus Angst vor Rassismus-Vorwürfen streichen bereits einige Städte den umstrittenen Begriff.

München – Ist der Vorwurf des „Schwarzfahrens“ etwa rassistisch? Eine durchaus berechtigte Frage, wenn man bedenkt, für was für Furore die bundesweiten „Mohren-Apotheken“ oder die erst kürzlich umgesetzte Umbenennung der Afika-Kekse von Bahlsen gesorgt haben. Aus Angst, sich zukünftig mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert zu sehen, streichen München und auch Berlin den Begriff „schwarzfahren“ nun systematisch aus ihrem Wortschatz.

Stadt in Bayern:München
Fläche:310,7 km²
Höhe:519 Meter
Bevölkerung:1,472 Millionen (2019)

Aus Angst vor Rassismus-Vorwürfen: Berlin und München streichen das Wort „schwarzfahren“ aus ihrem Wortschatz

Schon im Zuge zahlreicher Black-Lives-Matter-Demonstrationen hatten Aktivisten gefordert, Begriffe wie „schwarzsehen“, „schwarzfahren“, und „schwarzarbeiten“ ein für alle Mal den Garaus zu machen – offenbar sind es Ausdrücke, in denen das Wort „schwarz“ in einem negativen Kontext auftaucht. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) und die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wollen daher in Zukunft auf Nummer sicher gehen und streichen den Begriff „schwarzfahren“ systematisch aus ihrem Wortschatz – und damit auch aus der Werbung.

Aus Angst vor Rassismus-Vorwürfen streichen München und Berlin „schwarzfahren“ aus ihrem Wortschatz. (24hamburg.de-Montage)

Auf Nachfrage der Bild erklärte die MVG, es handele sich dabei um „Maßnahme für eine zeitgemäßere Kommunikation“. War München zuvor mit Plakaten mit der Aufschrift „Schwarzfahren kostet 60 Euro!“ zugepflastert ist neuerdings „Ehrlich fährt am längsten“ zu lesen. Und auch die BVG will zukünftig nur noch von „Fahren ohne gültigen Fahrschein“ sprechen. Damit gehören Werbetafeln mit der Aufschrift „Wer schwarz fährt, muss Eier haben – oder 60 Euro“ bald endgültig der Vergangenheit an.

Wie rassistisch ist der Begriff „schwarzfahren“ wirklich?

Doch ist „schwarzfahren“ wirklich so rassistisch, wie viele annehmen oder gar vergleichbar mit dem „Kannibalen-Topf“ in einem Schweizer Wellness-Hotel? Sprachwissenschaftler Eric Fuß erklärt, dass „schwarz“ vom jiddischen Wort „shvarts“ kommt, was soviel wie Armut bedeutet. Demnach würde „schwarzfahren“ gar nicht dunkelhäutige Menschen anfeinden, sondern einzig und alleine jene Fahrgäste meinen, die unehrlich sind oder in finanziellen Nöten stecken. Andere wiederum führen die Wendung „schwarzfahren“ auf das Schwarze der Nacht, den Schmuggel und illegale Aktivitäten zurück.

Besonders skurril an dieser Geschichte: Auch die Berliner Verkehrsbetriebe sind felsenfest davon überzeugt, dass „schwarzfahren“ „nichts mit Rassismus zu tun“ habe. Und dennoch wollen sie sich an die Diversity“-Vorgaben des Senats halten: Der fordert bereits seit September 2020 einen Diversity-sensiblen Sprachgebrauch und einen vielfältigen Umgang, unabhängig von der sozialen oder ethnischen Herkunft, dem Geschlecht, der sexuellen Orientierung, des Lebensalters, der Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung.

Ob es nun „Schwarzfahrer“, illegaler Mitfahrer, Beförderungserschleicher oder neuerdings „Ticketsünder“ heißt: Einen Fahrschein sollten man so oder so im Gepäck haben. Sonst nimmt die Reise ein böses Ende, wie bei einem Hamburger, der für das Fahren ohne gültigen Fahrausweis für 134 Tage im Knast gelandet war. * 24hamburg.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Jens Wolf/picture alliance/dpa & Future Image/IMAGO

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare