1. 24hamburg
  2. HSV

Wüstefeld-Rücktritt: HSV-Desaster beendet – aber mögliches Dilemma eingeleitet

Erstellt:

Von: Jan Knötzsch

Kommentare

Der Rücktritt von Thomas Wüstefeld war richtig. Das Beste für den HSV, wie Präsident Marcell Jansen sagt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Ein Kommentar.

Hamburg - Aufmerksamkeit ist ein Gut, das im Fußball nicht unwichtig ist. Das weiß auch der Hamburger SV. Doch es kommt darauf an, welcher Natur diese Aufmerksamkeit ist. Der HSV hat längst den Glanz und Glamour alter Zeiten verloren, als es im Volksparkstadion noch Bundesliga-Spiele gab. Auf dieses Level und zu dieser Aufmerksamkeit möchte der Zweitligist aus der Hansestadt Hamburg fraglos gern wieder zurück. Sportlich ist er auf einem guten Weg, führt die Mannschaft von HSV-Trainer Tim Walter doch die Tabelle an. Und trotzdem ist dem HSV in den letzten Wochen und Monaten eine Aufmerksamkeit zuteil geworden, auf die der Traditionsverein aus Hamburg gerne verzichtet hätte.

Denn es ist wieder einmal so wie schon so oft: Läuft‘s sportlich, kracht‘s hinter den Kulissen. Zumindest aber gibt‘s beim HSV immer dann Nebenschauplätze, die so überflüssig sind wie ein Schokoladenfleck auf einem weißen Hemd. Da macht der HSV auch anno 2022 keine Ausnahme. Das Desaster trug zuletzt einen Namen: Dr. Thomas Wüstefeld. Der Mann, der dem HSV eigentlich gut zu Gesicht stehen sollte, brachte idem Verein als Finanzvorstand in den Medien mehr Wohl als Wehe ein.

HSV-Rücktritt von Thomas Wüstefeld wendet Schaden vom Verein ab - hinterlässt aber viele Baustellen

Nun ist die Ära Wüstefeld beim HSV beendet, der Medizin-Unternehmer hat auch erklärt, warum es sein HSV-Amt mit sofortiger Wirkung nicht mehr ausfüllen möchte und zurückgetreten ist. In seiner Schusslinie: die Stadt, die dem HSV eine Bürgschaft verwehrt, die der HSV aber für die Sanierung des Volksparkstadions benötigt, und der Aufsichtsrat des HSV, in dem Wüstefeld zu viel Indiskretion herrscht. Zu viele Dinge gerieten zu oft nach außen. Wüstefeld nannte bei seinem Abschied das Wort zwar nicht explizit, doch es ist klar, was der Unternehmer vermutet: einen Maulwurf, der Infos aus dem „Inner Circle“ des HSV durchgesteckt hat, die dann schneller als es Wüstefeld lieb war, in den Medien auftauchten.

Ein Riss über Dr. Thomas Wüstefeld und einer HSV-Flagge im Volksparkstadion
HSV-Vorstand Dr. Thomas Wüstefeld ist zurückgetreten. Einerseits ein Segen für den Verein, andererseits könnte der Abgang zum Fluch für den Zweitligisten werden. © Ulrich Perrey/dpa/Oliver Ruhnke/imago/Montage

In den Medien sah sich der nun ehemalige HSV-Finanzvorstand, so zumindest die Wüstefeldsche Umschreibung dessen, was passiert ist, einer Kampagne ausgesetzt. Die, die gegen ihn waren, versuchten ihm an den Karren zu fahren. Es geht dabei um Unstimmigkeiten in Geschäften seiner Unternehmen, um möglicherweise illegale Geschäfte Thomas Wüstefelds mit Cannabis-Ölen. Und um akademische Titel Wüstefelds, an deren Echtheit nicht wenige Zweifel haben. Auch – oder gerade – weil Dr. Thomas Wüstefeld selbige trotz seiner Ankündigung bisher nicht widerlegt hat. In Hamburg macht im Zusammenhang mit Wüstefeld dem Vernehmen nach bereits der Begriff Hochstapler die Runde.

Nach Aus von HSV-Finanzvorstand Thomas Wüstefeld: Ist Präsident und Aufsichtsrats-Chef Marcell Jansen noch tragbar?

Ob nun zurecht oder nicht – das wird vielleicht die Zeit zeigen. Fakt aber ist: Durch all diese Vorwürfe, die gegen Wüstefeld, der lieber von einer 200-Millionen-Euro-Investition in ein verbessertes HSV-Stadion fabulierte, statt eine Bürgschaft für eine dringend nötige Sanierung im Volkspark aufzutreiben, färbten auch auf den HSV ab. Der Verein stand plötzlich in einem Licht, das er so nicht wollte. In einer Aufmerksamkeit, die den sportlichen Erfolg beiseite stellte und vernebelte. Eine böse Mischung, wenn man bedenkt, dass hinzu auch noch der Streit des HSV vor Gericht mit Ex-Sportdirektor Michael Mutzel kommt. Nun sind weder Mutzel noch Wüstefeld weiter im Amt. Ihre Geschichten aber überlagern weiter das, was eigentlich im Vordergrund stehen sollte: das Sportliche.

24hamburg.de-Newsletter

Im Newsletter von 24hamburg.de stellt unsere Redaktion Inhalte aus Hamburg, Norddeutschland und über den HSV zusammen. Täglich um 8:30 Uhr landen sechs aktuelle Artikel in Ihrem Mail-Postfach – die Anmeldung ist kostenlos, eine Abmeldung per Klick am Ende jeder verschickten Newsletter-Ausgabe unkompliziert möglich.

HSV-Präsident Marcell Jansen sprach nach dem Rücktritt von Thomas Wüstefeld, in dessen Amtszeit ein Sponsor den Abschied vom HSV ankündigte, davon, dass der Wüstefeld-Abschied das Beste für den HSV wäre. Richtig. Denn damit hat das Desaster, das Wüstefelds Wahrnehmung beim HSV umgab, ein Ende. Der Verein kommt zumindest in diesem Punkt gut aus der Sache heraus, weil Wüstefelds angebliche Verfehlungen nun nicht mehr auf ihn abfärben können.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Und die Hälfte der Wahrheit. Wüstefelds Weggang befreit den HSV zwar von einem Desaster, sorgt zugleich aber dafür, dass diesem Desaster ein Dilemma folgt, das im schlimmsten Fall wiederum schlechte Folgen für den Club haben könnte, der doch so gerne wieder im Konzert der Großen in der Bundesliga mitspielen möchte.

Thomas Wüstefeld: Hat sich der HSV über Monate ebenso amateurhaft verhalten und kassiert am Ende die Quittung?

Denn die Probleme des HSV sind nach dem Aus von Thomas Wüstefeld vielfältig. HSV-Boss Marcell Jansen hat den Ex-HSV-Finanzvorstand lang geschützt, stand immer auf dessen Seite und machte als Unternehmer sogar Geschäfte mit Wüstefeld. So sich denn irgendwann wirklich herausstellen sollte, dass Wüstefeld der Hochstapler ist, als den ihn einige bezeichnen, wird auch Jansen darunter leiden. Seine Reputation würde dann, weil er einen Mann wie Wüstefeld protegiert hat, infrage gestellt – und wieder hätte der HSV die Aufmerksamkeit, die er nicht will. Schon jetzt hagelt es Kritik an Wüstefeld-Unterstützer Marcell Jansen, der nicht zurücktreten will. Sondern vielmehr den Standhaften gibt. Den, der weitere Probleme zu beseitigen hat.

Sein Hauptgrund war sicherlich der Schutz seiner familiären Privatsphäre. Vor allem aber auch Ruhe für den Verein, daher ist es in dem Sinne wohl die beste Entscheidung für den HSV.

HSV-Präsident und Aufsichtsrats-Chef Marcell Jansen über den Rücktritt von Thomas Wüstefeld

Rücktritt: Wer wird Wüstefeld-Nachfolger?

Zum Beispiel dieses: Wer wird Wüstefeld-Nachfolger? Dessen Amtszeit war eh nur auf ein Jahr beschränkt. Sollte sich der HSV in den letzten Wochen und Monaten nach dem Auftreten der Gerüchte um Wüstefeld nicht mal ansatzweise mit einer Alternative beschäftigt haben, ist dies nur eines: amateurhaft. Offenbar scheint es so, hieß es doch in den letzten Tagen, dass man sich damit erst in den nächsten Wochen beschäftigen will.

Weiterer Haken: Ehe jemand neu in den Vorstand berufen werden kann, muss der Aufsichtsrat nach Wüstefelds Rücktritt aufgefüllt werden. Das dauert bis zur Hauptversammlung. Die steigt frühestens Ende November. Vielleicht sogar später. Blöd nur: Es werden schnell handelnde Personen benötigt, die über die Zukunft und die Vertragsverlängerungen von Jonas Boldt und Tim Walter entscheiden.

Merke: Das Desaster, das Thomas Wüstefeld dem HSV in der jüngeren Vergangenheit beschert hat, hat auf einer Ebene ein Ende gefunden. Die Probleme aber bleiben, sie haben sich nur verschoben.

Auch interessant

Kommentare