Ein Typ mit Ecken und Kanten

HSV-Trainer Tim Walter: „Badisch Dynamite“ in Hamburg – so tickt der Coach

  • Lars Wiedemann
    VonLars Wiedemann
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Mit Tim Walter hat der HSV im Sommer 2021 einen neuen Trainer geholt. Der 45-jährige Badener ist ein echter Typ. Mit Ecken und Kanten. Er fördert und fordert.

Hamburg – Die Ansage ist deutlich. Sie sitzt: „Jeder schreit nach Typen, ich bin nicht 0-8-15.“ Das sagt Tim Walter über sich selbst. Der 45-Jährige mit den grauen Haaren und Bart ist alles andere als ruhig. Oder alt. So wie Haar- und Bartfarbe vermuten lassen. Tim Walter geht als Coach seinen eigenen Weg. Dieser führt in im Sommer 2021 nach Hamburg. Zum Hamburger SV. Als Nachfolger von Horst Hrubesch, der in der Vorsaison interimsweise das Amt von Daniel Thioune übernommen hatte. Die Hansestadt Hamburg – eine Medienstadt, für die Typen wie Walter ein gefundenes Fressen sind. In guten wie in schlechten Zeiten.

Fußballtrainer:Tim Walter
Geboren:8. November 1975 (Alter: 45 Jahre) in Bruchsal
Familienstand:Verheiratet, drei Kinder
Bisherige Trainerstationen: Karlsruher SC Jugend, FC Bayern München Jugend, Holstein Kiel, VfB Stuttgart

HSV-Trainer Tim Walter: „Ich stehe hinter meiner Mannschaft – zu tausend Prozent“

Von seinem Stil als Fußballtrainer und Kommunikator wird der 45-Jährige nicht abweichen. Tim Walter ist ständig „on fire“. Immer in Aktion. „Badisch Dynamite“ könnte man in Anlehnung an seine Heimat Bruchsal sagen. Fürchten müssen seine Spieler Walters Temperament nur intern. Denn nach außen fungiert der 45-Jährige als Schutzschild. „Ich stehe hinter meiner Mannschaft und wehre die Dinge, die gegen sie laufen oder die ich als ungerecht empfinde, ab. Zu tausend Prozent“, sagt Tim Walter. Wieder eine dieser klaren Aussagen des HSV-Trainers.

Tim Walter ist seit dem Sommer 2021 Trainer des HSV. (24hamburg.de-Montage)

Die Verantwortlichen um HSV-Sportvorstand Jonas Boldt und Sportdirektor Michael Mutzel haben sich diesen Typen ausgesucht. Als eine Art Gegenentwurf zu Vorgänger Daniel Thioune, der die Mannschaft ruhig und gelassen geführt hat. Das Unheil, den Aufstieg erneut zu verpassen, hat der vermeintlich nette Thioune nicht verhindern können. Walter soll und will die HSV-Mannschaft fordern. Und unangenehm sein.

HSV-Coach Tim Walter: Im Jahr 2017 B-Junioren-Meister mit dem FC Bayern München

Walter ist ein echter Familienmensch. Er ist verheiratet, hat drei Kinder. Und einen Hund. Sich selbst beschreibt der HSV-Trainer als „harmoniebedürftig“. Er möchte mit seinen Spielern umgehen, als wenn es seine Kinder wären. Seine eigene Familie. Sicher auch ein Grund, warum er seine Trainerkarriere im Jugendbereich begonnen und mit und mit seinem guten Draht zu den Heranwachsenden Erfolge gefeiert hat . Im Jahr 2013 übernahm Tim Walter mit der U17 des Karlsruher SC seine erste Mannschaft. Ein Jahr später führte er die A-Junioren des KSC bis ins Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft.

Ich bin ein Fußball-Gestalter, kein Zerstörer. 

HSV-Trainer Tim Walter über sich selbst

Der FC Bayern München wurde auf ihn aufmerksam und legte 200.000 Euro für die Verpflichtung auf den Tisch. Bereits in seiner zweiten Saison wurde er Deutscher Meister – erstmals seit 2007 holte der FC Bayern einen Titel im Jugendbereich. Der Lohn: 2017/18 wurde er zum Cheftrainer der Zweiten Mannschaft in der Regionalliga Bayern befördert. Und wurde Vizemeister. Vor seinem Abgang sparte Walter nicht mit Kritik am Nachwuchskonzept des deutschen Rekordmeisters: „Der FC Bayern hat in der Jugend noch kein durchgängiges Konzept entwickelt, wo er hin will. Es ist momentan für den Verein das Wichtigste, Meisterschaften zu holen.“ Eine klare Ansage. So wie sie sich durch Tim Walters Trainer-Leben ziehen.

Hamburger SV Trainer Tim Walter: Zweitliga-Debüt im Hamburger Volksparkstadion – mit einem klaren Sieg

Danach hieß es: auf zu neuen Ufern. Es ging rund 900 Kilometer nördlich nach Kiel. Zu Holstein Kiel. Die erste Trainerstation im Profibereich. Mit einer runderneuerten Mannschaft hinterlässt Walter erstmals Eindruck in Hamburg. Wie das? Zum Auftakt der Saison 2018/2019 siegt er mit den Störchen im Volksparkstadion mit 3:0. Die anschließende Pressekonferenz macht ihn dennoch wütend. Die Hamburger Presse stürzt sich auf den damaligen Trainer Christian Titz und fragt, wie das passieren konnte. Als alle Fragen beantwortet waren, mischt sich Walter ungefragt ein. „Ein bisschen Fußball spielen können wir auch“, brachte der Trainer die Respektlosigkeit auf den Punkt. Noch so eine Anekdote zu Heißsporn Walter.

HSV-Trainer Tim Walter in seinem Element: Die Spieler und Co-Trainer Merlin Polzin (links) lauschen dem Coach.

Holstein Kiel lief mit einer attraktiven Spielweise letztlich auf Platz sechs sein. Walter etablierte die Störche in der Zweiten Liga und folgte trotz laufenden Vertrages dem nächsten Lockruf. Der VfB Stuttgart klopfte an. Auf der Suche nach einem Trainer, der die Schwaben mit einem attraktiven Spielstil 2020 zurück ins deutsche Oberhaus führen sollte. Bis Oktober 2019 blieben Walters Schützlinge ungeschlagen, es folgten drei Niederlagen am Stück. Erneut sollte der HSV eine prägende Rolle spielen. Mit 2:6 unterlag der VfB im Volkspark. Eine krachende Niederlage. Einen Tag vor Weihnachten 2019 war das kurze Abenteuer des Badeners im Schwabenland beendet.

HSV-Trainer Tim Walter: Reflektiert, ohne sich zu verbiegen

Es sollte über ein Jahr dauern, bis mit dem HSV ein neuer Verein auf Walter zukam. Walter hat die freie Zeit genutzt – und reflektiert. „Ich habe von ehemaligen Spielern Rückmeldung zu meiner Arbeit eingeholt, mich bei Spielen unter die Fans im Stadion gemischt und aus ihrer Sicht Partien verfolgt. Mit Journalisten habe ich mich ausgetauscht, um das mediale Geschehen noch besser nachvollziehen zu können und die eigene Wirkung zu hinterfragen“, erklärt er.  

Der Ball ist nicht erfunden worden, um ihn zu treten, sondern um ihn zu streicheln.

HSV-Trainer Tim Walter

Der 45-Jährige möchte nicht nur seine Spieler fördern und fordern. Er möchte sich verbessern, ohne sich verbiegen zu müssen. In Hamburg will Walter die Freude zurückbringen. Die Freude an der eigenen Spielidee. Selbige wird er nicht ändern: Ballbesitz, Gegenpressing, offensiv denken. Oder wie es der Fußball-Lehrer sagen würde: „Ich bin ein Fußball-Gestalter, kein Zerstörer. Der Ball ist nicht erfunden worden, um ihn zu treten, sondern um ihn zu streicheln.“ Klingt fast schon poetisch für einen Heißsporn. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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