Das läuft beim HSV falsch

HSV: Aufstiegs-Krise – Panikmache oder Pech?

  • Jan Knötzsch
    vonJan Knötzsch
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Weder HSV-Trainer Thioune noch Vorstand Mutzel wollen von Krise sprechen: Nach der Pleite gegen Würzburg verlor der Hamburger SV nun auch das Derby. Die Gründe.

Hamburg – Die Szene passt nur allzu gut, um die momentane Stimmung und Lage beim Hamburger SV* auf den Punkt zu bringen: Kaum hatte Schiedsrichter Deniz Aytekin in der vierten Minute der Nachspielzeit im Derby gegen den FC St. Pauli* den Kapitän der Gäste nach einer Tätlichkeit mit der Roten Karte vom Feld gestellt, stand Tim Leibold* hinter der Werbebande am Spielfeldrand. Er kauerte dort, ließ die Schultern hängen und wusste in diesem Moment wohl bestens: Der HSV hat ein weiteres Problem mehr. Eines, das ihm den Aufstieg kosten kann?

Fußballverein:Hamburger SV
Gegründet:29. September 1887
Stadion:Volksparkstadion
Kapazität:57.000 Plätze
Ligazugehörigkeit:Zweite Bundesliga
Trainer:Daniel Thioune

HSV: Tim Leibolds Aussetzer als Sinnbild für die Lage – zwei Spiele Sperre und 8000 Euro Strafe

Die Antwort ist einfach und lautet ja. Denn Leibolds Aussetzer, für den er vom Deutschen Fußball-Bund für zwei Spiele gesperrt wurde und eine Geldstrafe in Höhe von 8000 Euro aufgebrummt bekommt, ist nicht das einzige Problem, das die Mannschaft von Daniel Thioune* aktuell hat – und das ausgerechnet in einer Phase, in der es für die Kicker aus Hamburg* richtig ernst wird und enorm viel auf dem Spiel steht. Die große Frage, nur anders gestellt als im ersten Absatz dieses Textes: Verspielt das Thioune-Team alles? Und das binnen kürzester Zeit...

Hängende Köpfe und traurige Blicke: HSV-Kapitän Tim Leibold (li.) und Trainer Daniel Thioune können mit der aktuellen Situation nicht zufrieden sein. (24hamburg.de-Montage)

Der Reihe nach. „Problemkind“ Leibold wird dem HSV nicht in irgendwelchen Spielen fehlen, sondern in zwei Partien, die es in sich haben: gegen Holstein Kiel am Montag, 8. März, und am Freitag, 12. März, gegen den VfL Bochum. Ausgerechnet also gegen zwei Mannschaften, die ebenso wie der Club aus dem Volksparkstadion in der Tabelle weit oben stehen und vom Aufstieg in die Erste Bundesliga träumen.

HSV-Kapitän Leibold verkennt nach dem Derby im Interview die Lage

Der Kapitän des HSV, der zuletzt noch Klartext redete, taugt aber noch auf einem anderen Level als Ausgangspunkt, an dem man die Lage des HSV und den Zustand, dass dem Verein wieder einmal auf der Zielgeraden die Luft ausgeht und man davor steht, alles zu verspielen, festmachen kann. Nach dem Schlusspfiff des Derbys stellte er sich zwar – so wie es sich für einen Kapitän und Leader gehört – den Kameras, lieferte aber einen sehr konfusen Auftritt ab.

„Wir hatten das Derby auf eine Ebene gehoben, weil wir wissen, was wir damit anstellen können.“

HSV-Trainer Daniel Thioune

Er habe ein „sehr gutes Spiel“ des HSV gesehen, sagte Leibold – und auch seine Rote Karte hatte der 27-Jährige anders gesehen und fand sie, um es kurz zu formulieren, überzogen. Beides Einschätzungen, mit denen der Ex-Nürnberger in diesem Moment allein dastand. Das Spiel des HSV war allenfalls 20 Minuten lang gut. Und daran, dass Leibolds Platzverweis berechtigt war, herrscht wenig Zweifel.

HSV-Trainer Daniel Thioune: Probleme und Baustellen in nahezu jedem Mannschaftsteil

Das Interview aber passt so schön ins Bild, weil sich daran wieder einmal ableiten lässt, dass man beim Hamburger SV offenbar die Realität schönzureden scheint. Wer gegen das Tabellenschlusslicht Würzburger Kickers nur eine minimale Anzahl an Torchancen erspielt und verliert, wer gegen den FC St. Pauli meint, dass 20 gute Minuten reichen – der blendet aus, dass von einer Mannschaft, die in die Bundesliga aufsteigen will, einfach mehr kommen muss. Gerade in diesen Spielen gegen die Mannschaften, die man als vermeintlich „kleine Gegner“ apostrophiert.

Vor dem Hamburger Derby gegen den FC St. Pauli hatte Daniel Thioune den Wert der Partie ausdrücklich betont: „Wir hatten das Derby auf eine Ebene gehoben, weil wir wissen, was wir damit anstellen können“, wollte der HSV-Trainer aus einem möglichen Sieg neue Energie für die Restsaison ziehen. Nun aber ist es genau umgekehrt: In Aue ein 3:1 verspielt und nur ein 3:3 geholt, das Spiel gegen Würzburg verloren, die Partie gegen die Kiezkicker verloren – es ist augenscheinlich, dass dem HSV etwas fehlt. Und die Spieler mit dem (Aufstiegs-)Druck nicht umgehen können.

Sind die Alternativen im HSV-Kader nicht ausreichend genug?

Und das zieht sich durch die einzelnen Mannschaftsteile, die Probleme bereiten: Im Tor steht Sven Ulreich* nach diversen Unsicherheiten nicht zum ersten Mal in dieser Saison in der Kritik. In der Abwehr fehlt neben Stephan Ambrosius mit Toni Leistner der zweite Teil des einstigen Bollwerks. Gideon Jung kann bislang in der Innenverteidiger-Rolle nicht wirklich überzeugen. Rick van Drongelen fällt nach seinem Comeback erneut verletzt aus*.

„Wir werden uns wehren.“

HSV-Trainer Daniel Thioune

Vorne hängt Stürmer Simon Terodde* derweil in der Luft – zumindest beim Spiel im Millerntorstadion. Die Alternativen, die HSV-Trainer Daniel Thioune hinter dem 33-Jährigen zur Verfügung hat, sind zudem auch nicht gerade solche, die der Konkurrenz Angst einflößen: Manuel Wintzheimer findet sich seit Wochen in der Rolle des Jokers wieder. Und Bobby Wood* macht aus seinen Möglichkeiten viel zu wenig.

HSV rutscht auf den vierten Tabellenplatz ab – aber das Thioune-Team will sich wehren

„Wir werden uns wehren“, sagt der mit seinen Schützlingen vorerst einmal auf den vierten Tabellenplatz abgerutschte Daniel Thioune. Fakt ist; Sollte das Wehren so aussehen wie die Tätlichkeit von Tim Leibold im Derby gegen den FC St. Pauli, geht es in die falsche Richtung – und der Verein wird neben den negativen Schlagzeilen um die Streitigkeiten im und den Rücktritt des Präsidiums auch auf dem grünen Rasen vorerst keine positiven schreiben. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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