Fußball-Ultras gegen Geisterspiele

Hamburger Ultras klar gegen Geisterspiele – Politik und Polizei befürchtet Störungen

  • Enno Eidens
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Die Deutsche Fußball Liga plant den Spielbetrieb ohne Zuschauer. Viele Ultra-Gruppen, auch die aus Hamburg, halten davon wenig. Die Polizei befürchtet nun Störungen.

  • Spielpause in der Bundesliga. Hamburger SV und FC St. Pauli warten auf die Politik.
  • Polizei und Politik haben Angst vor Fanversammlungen bei Geisterspielen.
  • Hamburger Fansprecher vom und Fußballforscher widersprechen.

Hamburg – Aktuell ruht der Spielbetrieb in deutschen Fußballstadien. Die Deutsche Fussball Liga (DFL) hat ein Konzeptpapier für Geisterspiele mit Coronavirus-Auflagen vorgestellt und wartet nun öffentlichkeitswirksam auf eine Reaktion der Politik. Diese und die Polizei machen sich Sorgen um Fan-Versammlungen vor leeren Fußballstadien, sollte der Bundesligabetrieb mit Geisterspielen wieder losgehen. Stimmen aus der Fanszene des Hamburger SV und FC St. Pauli und deutschlandweit stellen sich klar gegen diese Vorwürfe.

Fans des Hamburger SV marschieren zum Millerntor-Stadion (im Jahr 2010).

Hamburger SV-Fankprojekt entkräftet Geisterspiel-Sorgen der Deutschen Polizeigewerkschaft

Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) befürchtet im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass sich Fans trotz Kontaktverbot vor den Stadien versammeln könnten, um ihre Mannschaft anzufeuern. Auch Bremens Innensenator Ulrich Mäurer und Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul melden Bedenken an. Dieser Auffassung widersprechen viele Stimmen der deutschen Fan-Szene. Helen Breit von „Unsere Kurve“ sagte am Montag, 27. April zur Deutschen Presse-Agentur: „Ich bin mir sicher, dass sich die aktiven Fußballszenen an die behördlichen Auflagen halten, wenn es denn zu Geisterspielen kommen sollte.“

Auch wenn sich Ultra-Fans gegen Geisterspiele im Fußball ausgesprochen haben, rechnet Ole Schmieder vom Hamburger SV nicht damit, dass es zu Störungen kommt. „Die Ultras können ja nicht auf der einen Seite gesellschaftliche Verantwortung fordern und auf der anderen Seite mit 50 Leuten vor dem Stadion stehen und die Ansteckungsgefahr vergrößern“, sagte der Sozialpädagoge des HSV-Fanprojekts in einem Podcast des „Hamburger Abendblatts“.

Szenen wie aus Gladbach in Hamburg?

Schaut man sich Szenen wie vom 11. März in vorm Borrussia-Park in Mönchengladbach an, kann man die Sorgen von Politik und Polizei verstehen. Damals spielte Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln. Das Stadion war leer, die Coronavirus-Krise kam gerade erst so richtig in der deutschen Öffentlichkeit an und trotzdem versammelten sich viele Fans auf dem Gelände vor dem Spielfeld. Klar, dass diese Bilder nach über einem Monat Coronavirus-Auflagen schocken. Aber kann es in beim Hamburger SV und beim FC St. Pauli auch heute noch zu solchen Szenen kommen, sollte der Spielbetrieb weitergehen?

Der Fanforscher Jonas Gabler äußert sich im Gespräch mit sportschau.de entwarnend. „Das Verhalten vieler Fan- und Ultra-Gruppierungen seit Ausbruch der Pandemie lässt kaum Rückschlüsse auf solche Treffen zu.“ Viele Fangruppen fallen aktuell mit Hilfsaktionen auf, so auch in Hamburg. Die Gruppe Ultrá Sankt Pauli (USP) fördert das Projekt „GoBanjo – Waschen ist Würde“, einen Duschbus für obdachlose Personen. Auch andere Ultra-Gruppen sind Deutschlandweit mit Hilfsaktionen aufgefallen.

HSV-Ultras mit eindeutigem Statement gegen Geisterspiele

Auf ihrer Facebookseite „Möwenschiss“ richteten sich die Castaway Ultras, eine Fangruppe des Hamburger SV, schon im März mit einem ausführlichen Statement zum Thema Coronavirus-Sars-Cov-2 und Geisterspiele an die Öffentlichkeit. Darin sagen sie klipp und klar, wo ihre Prioritäten liegen und wie man als Fan des HSV helfen kann. Die Kernaussage: Bleibt zu Hause, denkt an eure Mitmenschen, spendet Blut, prüft eure Quellen. Die Ultras übernehmen Verantwortung in der Coronavirus-Krise.

„Auch wenn sich an dieser Stelle alles um die Raute dreht, sind Tabellenplätze und Torverhältnisse im Moment völlig egal. Aus Fan-Sicht war die Unterbrechung der Saison auf jeden Fall das richtige Signal, das leider viel zu spät kam. Wir schließen uns den Forderungen aus Dortmund, München und anderen Kurven an: Geisterspiele sind keine Option – Fußball nur mit Fans!“

Möwenschiss der Castaway Ultras

In einem Statement vom 16. April kommentieren sie das Thema Geisterspiele. Von einer Fortsetzung der Saison halten die HSV-Ultras nichts. Das wäre „blanker Hohn gegenüber dem Rest der Gesellschaft.“ Dann finden sie noch harte Worte zum allgemeinen Thema Fußball: „Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne.“ Sie kritisieren darin den Versuch, der Fußballbundesliga einen Ausnahmestatus in der Zeiten der Coronavirus-Krise zu geben. Außerdem bemängeln sie die fehlende finanzielle Nachhaltigkeit des deutschen Profifußballs.

 In einer Zeit, in der wir alle sehr massive Einschränkungen unserer Grundrechte im Sinne des Gemeinwohls hinnehmen, ist an einen Spielbetrieb der Bundesligen nicht zu denken.

Möwenschiss der Castaway Ultras

Klare Forderungen von Hamburger Ultras und der deutschen Fanszene

Die Forderung der HSV-Ultras ist klar: Sie wollen die Coronavirus-Krise als Chance begreifen, grundlegende Probleme des deutschen Fußballs anzupacken. Deshalb verlangen sie konkret, dass der Spielbetrieb im Mai nicht wieder losgehen darf. Zudem solle man sich um eine solidarische Lösung der finanziellen und strukturellen Probleme bemühen und grundlegende Reformen für nachhaltigeren und krisensicheren Profifußball anstoßen.

Diesem Blick in die Zukunft schließt sich auf die bundesweite Fanorganisation ProFans an, bei der verschiedene Ultra- und Fangruppen organisiert sind. Sie verlangen von DFB und DFL, dass Fußball nicht für Investoren und deren Kapital, sondern für die Fans und Zuschauer arbeiten und sich an deren Vorstellungen orientieren soll. Zudem bemängeln sie die unkritische Berichterstattung mancher Journalisten. An der „kruden Diskussion um Geisterspiele“ wolle man sich nicht beteiligen. Ob sich weitere Hamburger Ultra- und Fangruppen diesen Forderungen anschließen, wird die nahe Zukunft zeigen. Die Debatte um Geisterspiele und die Zukunft des Fußballs ist nicht vorbei. Sie geht gerade erst los. Fans vom Hamburger SV und dem FC St. Pauli sind mittendrin. Auch bei Markus Lanz wurde das Thema kritisch diskutiert.

Den Mannschaften bleibt aktuell nur übrig, auf eine Entscheidung der Verantwortlichen zu warten. Beim Hamburger SV und beim FC St. Pauli trainiert man in Kleingruppen und bereitet sich auf einen Ligastart vor.

dpa/lno/ee 

Rubriklistenbild: © Marcus Brandt/picture alliance/dpa

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