1. 24hamburg
  2. Hamburg

Tschentscher will Windräder in Naturschutzgebieten – NABU findet das „ziemlich gruselig“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Steffen Maas

Kommentare

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher will für neue Windräder notfalls hier und da den Naturschutz opfern. Der NABU reagiert entsetzt.

Hamburg – Klimakrise, Ukraine-Krieg und explodierende Energiepreise: Aufgrund von aktuellen und zukünftige Herausforderungen will Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) mehr Windräder in der Hansestadt. Auf einer Veranstaltung in der Uni Hamburg bekräftigte er jetzt, dafür auch Naturschutzgebiete nutzen zu wollen.

Name:Naturschutzbund (NABU), Landesverband Hamburg
Erste historische Nennung:1907
1. Vorsitzender:Malte Siegert
Mitglieder und Förderer:28.000

Peter Tschentscher: Windräder in der Natur – NABU reagiert irritiert

„Es geht auch um ökologische Flächen, es geht auch um Naturschutzgebiete“, sagte der SPD-Politiker Peter Tschentscher am Samstag, 2. Juli 2022, bei einer Podiumsdiskussion der Wochenzeitung „Zeit“. Eine bestimmte Gruppe als Gegenspieler hatte er in dieser Frage wohl bereits am Samstag im Kopf: Die „Umweltfront“ sage stets, es müsse immer alles zulasten der Industrieflächen gehen.

„Aus meiner Sicht geht es auch, ein Windrad in ein Gebiet zu stellen, in dem es ansonsten nur Natur gibt“, plädierte er für ein Umdenken. Solche Maßnahmen seien ein Eingriff, „aber es ist in der Lage, in der wir sind, in der Interessen- und Zielabwägung vertretbar“.

Wer die genannte antagonistische „Umweltfront“ genau ist, wurde nicht deutlich. Beim Naturschutzbund Hamburg fühlt man sich aber durchaus angesprochen. Dort reagierte man auf 24hamburg.de-Anfrage maximal verwirrt bezüglich Tschentschers Aussagen – sowohl was den Sprachgebrauch als auch den Inhalt angeht.

NABU kritisiert Peter Tschentscher: „So undifferenziert darf sich der Bürgermeister nicht äußern“

„Das ist grober Unsinn und ziemlich gruselig“, erklärt der Hamburger NABU-Vorsitzende Malte Siegert zur Idee, Naturschutzgebiete als Windrad-Standorte in Betracht zu ziehen.

Das kann man nicht ernsthaft fordern.

Malte Siegert, 1. Vorsitzender des NABU Hamburg

Er hofft aber zunächst noch, dass es sich um ein Missverständnis handelt: „Wahrscheinlich hat Herr Tschentscher einfach ein paar Begrifflichkeiten durcheinander geworfen“, vermutet Siegert, der in diesem „Sprachbrei“ dann einen zumindest etwas kleineren Aufreger sehen würde. „So undifferenziert darf sich der Bürgermeister bei so einem sensiblen Thema nicht äußern.“

NABU Hamburg: Versteht Peter Tschentscher Naturschutz nicht?

Siegerts Theorie: Gemeint waren nicht Naturschutzgebiete, sondern Landschaftsschutzgebiete oder Industrieflächen mit hohem ökologischen Wert. „Das ist eine andere Schutzkategorie und da hätte man theoretisch die Möglichkeit für solche Bauvorhaben“, erklärt der Nabu-Vorsitzende die Feinheiten des städtischen Flächennutzungsplans. Im Gegensatz eben zum Naturschutzgebiet: „Da darf man gar nichts. Das ist der ganze Sinn eines Naturschutzgebietes.“

Der NABU-Vorsitzende Malte Siegert (l) ist schockiert von Peter Tschentschers (SPD) Plan, Windräder auch in Naturschutzgebieten bauen zu wollen
Der NABU-Vorsitzende Malte Siegert (l) ist schockiert von Peter Tschentschers (SPD) Plan, Windräder auch in Naturschutzgebieten bauen zu wollen. © Jonas Klüter/Markus Scholz/Jens Büttner /dpa/Montage

Der Naturschützer ist sich also recht sicher, dass hier sprachliche Fehler begangen wurden – auch, weil die Alternative absurd erscheine. „Wenn er sowas ernsthaft will, dann hat er nicht verstanden, was Naturschutz ist.“ Zumal sich der Bürgermeister zuletzt noch habe feiern lassen, weil die Verwaltung nun 10 Prozent des Stadtgebietes als Naturschutzgebiete ausgewiesen hatte. Irritiert ist man beim NABU Hamburg wegen der Sprachwahl aber so oder so.

Peter Tschentscher: Bürgermeister präsentiert sich gern bei Terminen rund um Naturschutz

Verwundert sei Siegert nämlich durchaus, dass der Bürgermeister Gegner solcher Maßnahmen nun etwas abschätzig als „Umweltfront“ bezeichnet: „Das finde ich unangemessen und regt mich wirklich auf“, gibt er zu.

Das finde ich unangemessen und regt mich wirklich auf.

Malte Siegert, 1. Vorsitzender des NABU Hamburg

Zumal der Bürgermeister eigentlich oft bei gemeinsamen Terminen – auch bei den wenig glamourösen wie zuletzt bezüglich der Brutsaison der Störche, die auch im Themenbereich Windkraft auftauchen – anwesend sei und generell „wertschätzend“ und „mit Aufmerksamkeit“ mit dem Thema Umweltschutz umgehe. Das passe nicht zusammen.

Windräder in Hamburg: Noch keine Stellungnahme aus dem Rathaus

Eine Klarstellung aus dem Rathaus, ob und inwieweit der Regierungschef beim Thema Windradausbau sprachlich und inhaltlich vom Weg abgekommen ist, steht noch aus. Dort dürfte das Thema aktuell sowieso intensiv diskutiert werden. Im vergangenen Monat hatte die Bundesregierung das Wind-an-Land-Gesetz vorgestellt, das Bundesländer verpflichtet, bis 2032 einen bestimmten Prozentsatz der Landesfläche für Windenergie auszuweisen. Für Bundesländer sollen das zwei Prozent der Fläche sein – Niedersachen hatte aber auch schon angeboten mehr zu tun. In den Stadtstaaten wie Hamburg sind 0,5 Prozent das Ziel.

24hamburg.de-Newsletter

Im Newsletter von 24hamburg.de stellt unsere Redaktion Inhalte aus Hamburg, Norddeutschland und über den HSV zusammen. Täglich um 8:30 Uhr landen sechs aktuelle Artikel in Ihrem Mail-Postfach – die Anmeldung ist kostenlos, eine Abmeldung per Klick am Ende jeder verschickten Newsletter-Ausgabe unkompliziert möglich.

Da könnte die Hansestadt durchaus Probleme kriegen, wie auch Malte Siegert weiß, denn: „Laut den aktuellen Planungen würde der Hamburger Hafen, wo ja gerade durchaus viel passiert, nicht als ‚Fläche an Land‘ gelten.“ Bliebe das so, müsse die Stadt ihr Ziel woanders erreichen, womit der Druck auf andere – grünere – Flächen steigen würde. „Deswegen machen auch wir uns dafür stark, dass man der Bundesregierung vielleicht eher ein Ziel mit konkreter Megawatt-Leistung aushandelt und nicht streng auf die Flächen guckt.“

NABU Hamburg: Forderungen sind „absoluter Quatsch“

Ein hochaktuelles – und hochkompliziertes Thema also. „Und dann kommt Herr Tschentscher mit so einem undifferenzierten Mist um die Ecke“, ärgert sich Siegert abschließend. Er stellt klar, dass auch dem NABU bewusst sei, dass in der aktuellen Ausnahmesituation auch die Natur etwas geben müsse, „das ist unstrittig.“

Aber: „Jetzt, mit dem Bau der LNG-Terminals an der Küste, wird erst wieder massiv eingegriffen, mit großen Einschlägen für die Umwelt.“ Zu fordern, die Natur müsse noch mehr geben? „Das ist ja absoluter Quatsch.“

Auch interessant

Kommentare