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Yachten wie „Dilbar“: Norddeutsche Werften im Dienst russischer Oligarchen

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Größer, länger, teurer - Yachten gelten als Statussymbol für Milliardäre rund um den Globus, besonders für Oligarchen aus Russland. Viele der Schiffe sind „Made in Germany“.

Hamburg – Mit den Sanktionen gegen russische Oligarchen und Milliardäre sind Yachten ins Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit gerückt. Eine Woche nach Kriegsbeginn in der Ukraine nahm der Zoll an der französischen Mittelmeerküste die Yacht eines russischen Oligarchen in Arrest. In Hamburg ranken sich seit Tagen Spekulationen über eine bevorstehende Beschlagnahme der in einem Dock der Werft Blohm+Voss liegenden Superyacht «Dilbar». Und auch das Weiße Haus in Washington nimmt Vermögenswerte russischer Eliten ins Visier und nennt dabei ausdrücklich auch deren Yachten. Mehr als alles andere symbolisieren die glamourösen Schiffe den Reichtum von Wirtschaftsmagnaten, schließlich sind sie - anders als abstrakte Geld- oder Aktienvermögen - für jedermann in den Häfen dieser Welt sichtbar.

Deutsche Schiffswerft:Blohm + Voss
CEO:Ralph Petersen
Hauptsitz:Hamburg
Mitarbeiterzahl:Rund 600
Gründer:Hermann Blohm, Ernst Voss

Der Bau solcher Schiffe gehört zu den wenigen kleinen, aber feinen Nischen im Weltschiffbau, in denen deutsche Werften zur Weltspitze gehören. Das Massengeschäft mit Tankern, Fähren und Containerschiffen ist dagegen schon vor langer Zeit gen Asien abgewandert. Der deutsche Schiffbau konzentriert sich nun auf technologisch anspruchsvolle Bereiche, wie der Verband Schiffbau und Meerestechnik (VSM) betont: Den Bau von Kreuzfahrtschiffen, Spezialfahrzeugen für Behörden und das Militär – und eben Megayachten.

Yachten aus Deutschland: Oligarchen und Milliardäre bestellten 2020 Schiffe im Wert von 4,3 Milliarden Euro

Harte Zahlen zum Volumen dieses Geschäftes gibt es nicht. Nicht einmal dem VSM als Branchenverband liegen präzise Angaben zu Aufträgen und Umsätzen der Werftindustrie vor. Die Faustregel der Branche lautet: Megayachten sichern über die vergangenen Jahre gesehen in etwa 20 Prozent des Geschäftsvolumens. Sie sind so - wenn auch mit gehörigem Abstand - zweitwichtigster Bereich hinter dem Bau von Kreuzfahrtschiffen. Die wichtigste internationale Konkurrenz verortet VSM-Geschäftsführer Ralf Sören Marquardt vor allem in den Niederlanden und Italien.

Nach einem Ordervolumen von durchschnittlich 4,3 Milliarden Euro pro Jahr war der Wert von Neubestellungen 2020 insgesamt allerdings auf unter eine Milliarde eingebrochen. Mit 49 Schiffen im Gesamtwert von 16,6 Milliarden Euro war der Auftragsbestand des deutschen zivilen Seeschiffbaus so auf den niedrigsten Wert seit fünf Jahren gefallen. Im Vorjahr hatte der Verband die Sorge geäußert, dass die Auftragsflaute neben dem hart getroffenen Kreuzfahrtsektor andere Bereiche treffen könnte. „Auch neue Aufträge bei Fähren, Yachten und Offshore-Fahrzeugen könnten in den nächsten Jahren Mangelware bleiben.“ Frischere Daten dürften erst vorliegen, wenn der VSM im Mai seinen neuen Jahresbericht veröffentlicht.

Blohm + Voss Werft mit Megayacht
Yachten für russische Oligarchen Made in Germany: Norddeutsche Werften im Dienst der Milliardäre.  © Marcus Brandt / dpa (24.hamburg.de-Montage)

In den von Fachmagazinen veröffentlichten Toplisten der längsten, größten und teuersten Luxusyachten finden sich reihenweise Schiffe Made in Germany. „Die meisten der 20 größten Yachten der Welt wurden von Lürssen gebaut“, heißt es bei der Bremer Werften-Gruppe. Darunter ist auch die 2016 ausgelieferte „Dilbar“ - laut Werft die nach Bruttotonnage größte Yacht der Welt und zudem „eine der komplexesten und anspruchsvollsten Yachten, die jemals gebaut wurden, sowohl bezüglich ihrer Dimensionen als auch ihrer Technologie“. Unbestätigten Schätzungen zufolge soll allein diese Yacht bis zu 600 Millionen Euro gekostet haben. Zum Vergleich: Für solch einen Betrag könnten in etwa vier Containerschiffe der 400 Meter langen Megamax-Klasse in Auftrag gegeben werden.

Der wirkliche Kaufpreis und die Auftraggeber bleiben indes stets ein Geheimnis. Höchste Diskretion gehört zum Geschäftsmodell. „Jedes unserer Superyacht-Projekte ist einmalig, aber dennoch haben sie eines gemeinsam: Auf Wunsch ihrer Eigner sind sie alle streng geheim“, heißt es etwa bei Nobiskrug. Die Werft hat sich ebenfalls auf den Bau von Superyachten spezialisiert und widmet dem Thema Privatsphäre eine eigene Rubrik auf ihrer Homepage. „Dank der Größe und Ausstattung unserer Fertigungsanlagen in Rendsburg und Kiel können wir problemlos große Schiffsbauten bis 400 m Länge vor der Öffentlichkeit – auf Kundenwunsch bis zur ersten Seeerprobung – verbergen“, heißt es dort. Auch die „Dilbar“ liegt in Hamburg komplett unter Planen verborgen.

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Neben Lürssen und Nobiskrug haben sich die Werften Abeking & Rasmussen in der Nähe von Bremen sowie Lloyd in Bremerhaven einen Namen im Yachtbau der Luxusklasse gemacht. Und das Segment erhält weiteren Zulauf: Vor dem Hintergrund der Flaute bei Kreuzfahrtschiffen will sich auch die Meyer-Werft in Papenburg ein zweites Standbein im lukrativen Yachtbau schaffen „Wir haben bereits sehr positive Rückmeldungen erhalten, weil wir fast grenzenlose Ideen und Schiffsgrößen realisieren können - auch die scheinbar verrücktesten“, hatte Werftchef Bernhard Meyer im vorigen September gesagt. „Wir sehen aktuell, dass die Nachfrage nach Megayachten steigt und Platz für eine weitere Werft in diesem Segment ist.“

Neben dem reinen Geschäftserfolg ist der Yachtbau für deutsche Schiffbauer vor allem interessant, weil er im Auftrag gut betuchter Kunden ein „Testfeld für neue Technologien“ bietet, wie VSM-Geschäftsführer Marquardt sagt. Vor ein paar Jahren habe man sich noch vor allem auf möglichst edle Ausstattungen konzentriert, doch mittlerweile gebe es auch unter den Yachtkunden „Menschen mit grünen Ambitionen“. Für zukunftsweisende Projekte beispielsweise bei klimaneutralen Antrieben mit Brennstoffzellen und Batterien sieht der Branchenverband gerade im Yachtbau gute Voraussetzungen. „Das sind Kunden, wo es auf den Euro nicht ankommt.“ (dpa) * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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