1. 24hamburg
  2. Hamburg

Wer fährt da mit? So lief der Autokorso in Hamburg gegen hohe Spritpreise

Erstellt:

Von: Sebastian Peters

Kommentare

Ein Autokorso gegen hohe Spritpreise zieht mit Hunderten Fahrzeugen in Hamburg quer durch die Stadt. Aber wer fährt da mit? Ein 24hamburg.de-Reporter hat sich umgehört.

Hamburg – „Ich wohne auf dem Land. Mit meinem Auto muss ich zur Arbeit fahren. Ein Bus fährt bei mir nicht“, sagt Adrian Siege, der sehr ländlich wohnt. Und genau diese Situation bringt ihn nun in eine schwierige Lage. Das Geld, was Adrian Siege im Monat erarbeitet, schluckt der Tank. Fünfhundert Autofahrer und Autofahrerinnen haben sich an diesem Samstag, 12. März 2022, in Hamburg ausgerechnet an einer Aral-Tankstelle versammelt, um gegen die hohen Spritpreise zu demonstrieren. Geplant ist ein Konvoi von Allermöhe bis nach Wedel. Immer wieder hört man laute Motoren aufheulen, Geschrei und das Blubbern von PS-starken Motoren. Im Schatten der Tankanzeige ein absurdes Bild. 

Autokorso in Hamburg: Kilometer langer Konvoi als Protestaktion gegen zu hohe Preise an der Tankstelle

Dennoch: wer mit PS-Protzern, Tuning-Verrückten und anderen Absurditäten gerechnet hatte, wird hier enttäuscht. Tuning-Fans sind bei der Demonstration eher eine Minderheit. Viele Väter, Selbstständige, Pendler und Auszubildende sitzen in den meist durchschnittlichen Fahrzeugen. Ab 20:00 Uhr öffnet Tristan Thies, Veranstalter der Demonstration, den Wartebereich. Es haben sich 500 Fahrzeuge angemeldet… es werden wohl jetzt ein paar mehr werden als gedacht. Angemeldet haben sich Fahrzeuge aus den Niederlanden, Bremen, Hannover und Lübeck. Es geht ums um die Erhöhung der Spritpreise, sagt Tristan Thies. 

Tristan Thies, Veranstalter
Tristan Thies, Veranstalter der Demonstration posiert vor der Aral-Tankstelle in Allermöhe. © Sebastian Peters

Ein Ordner in gelber Weste, ausgestattet mit einer 1-Liter Cola-Flasche in der Hand, winkt die Demoteilnehmer in den Wartebereich. Immer wieder die gleiche Frage: „Teilnehmer bei der Demo? Ja? Weiterfahren“. Bereits nach dem zwanzigsten Fahrzeug fühlt sich die Frage an, wie das „Vater unser“ der Autoszene. Die Schlange wartender Autos, die um Einlass zur Wartezone bitten, reißt nicht ab. Von Sportwagen und Geländewagen, von Transportern und Lastwagen. Jegliche Fahrzeugart ist vertreten. Selbst landwirtschaftliche Fahrzeuge sollen kommen, sagt der Veranstalter, während er in seinen schwarzen Mercedes steigt und fährt. 

Klappe halten: Veranstalter verbietet Demoteilnehmern in Hamburg das Reden mit der Presse – aus Angst!

Immer wieder röhren laute Automotoren auf. Lange bleibt es aber nicht laut. Die Ordner mit gelber Weste sorgen sofort dafür, dass die Lautstärke wieder angepasst wird. Ein striktes Regelwerk muss befolgt werden. Hupen und unnötige Motorengeräusche sind verboten, heißt es vom Veranstalter. Und diese Regel wird befolgt. Zumindest noch in Allermöhe. Dies ist allerdings nicht die einzige Regel auf der Demo. Teilnehmer der Demonstrationen haben ein striktest „Presse-Verbot“. Der Veranstalter hat den Teilnehmern ein Redeverbot erteilt. Damit möchte er, nach eigener Aussage, ein negatives Bild verhindern.

Zwischen kleinem Fiat und großem Jeep steht Murat Kececi, ein autobegeisterter Schrauber. Sein Mini, ein Unikat. Über zwei Jahre Planung und ein Jahr Schrauben stecken in dem auffälligen Kleinwagen. „Das ist das Auto 730 in der Schlange. Wir demonstrieren gegen die hohen Spritpreise“, erzählte Murat Kececi stolz. Besonders auffällig erscheinen die messerscharfen Spitzen an der Autokarosserie. Bei der kleinsten Berührung knicken die Spitzen, die aus Schaumstoff geformt sind, allerdings um. Ob das Auto TÜV hat, belächelt Murat Kececi nur.

Murat Kececi, sein Mini ist ein Unikat
Mehrere Jahre hat Murat Kececi an seinem Mini gearbeitet. © Sebastian Peters

Lesen Sie weitere Blaulicht-Meldungen wie: Zuwenig Schlafplätze für Geflüchtete: Behörde vergisst riesen Unterkunft

Wenig später erzählt er aber, dass sein Fahrzeug bei der Polizei bereits bekannt sei. TÜV hätte der Mini ebenfalls, so Murat Kececi. Und tatsächlich, ein Blick auf das Kennzeichen bestätigt seine Aussage. Der Autobastler fordert von der Politik eine Senkung der Steuern. Er sagt, dass der Staat 1,20€ pro Liter Treibstoff verdient. Das ginge so gar nicht. Berichtet Murat Kececi. „Es gibt viele schlimme Sachen auf der Welt. Aber das ist genauso schlimm“, Murat weiter, „wir fahren, wir tanken, wir gehen dagegen an“. Danach zeigt er noch stolz die Details an seinen Umbau, der nach einem Marvel-Antiheld erbaut wurde. 

Ein sehr auffälliges Auto.
Die „Spitzen“ sind aus Schaumstoff nachgebaut. Sie knicken bei einer Berührung sofort um. © Sebastian Peters

Neben Auszubildenden und Autoliebhabern sind auch viele Selbstständige in der enorm langen Kolonne dabei. Christoph Sachse, der Inhaber einer Garten- und Landschaftsbaufirma, erzählt über die enormen Schwierigkeiten durch die Erhöhung der Spritpreise. „Wie es bei jeden Selbstständigen ist, muss man kalkulieren. Am Ende wird es auf den Kunden abgewälzt. Besonders bei Lkw-Fahrern stelle ich mir das sehr schwierig vor“, erzählt Christoph Sachse. Weiterhin hat er bereits von Bekannten gehört, dass einige akute Schwierigkeiten haben aufgrund der hohen Spritpreise. „Ich komm‘ vom Land. Aus einem Dorf mit 1600 Einwohnern. Da muss fast jeder ein Auto haben, um zur Arbeit zu kommen“, erzählt der Garten- und Landschaftsbauer weiter. Sein Freund, der im Hintergrund im Fahrzeug sitzt, nickt dabei zustimmend. 

Nach Aussage des Veranstalters: 700 Fahrzeuge haben an der Demonstration in Hamburg teilgenommen

Inzwischen haben sich in Hamburg-Allermöhe über 700 Fahrzeuge versammelt. Um kurz nach 22:00 Uhr, also zwei Stunden nach Eröffnung des Wartebereiches, fährt die Kolonne aus Allermöhe los. Der Veranstalter Tristan Thies zeigt sich an der Spitze der Kolonne zufrieden. „Nach unseren Schätzungen sind wir 700 Fahrzeuge und rund 1400 Teilnehmer. Wir sind bislang sehr erfolgreich“, berichtet er. Kurz darauf rollen die ersten Fahrzeuge in Richtung Autobahn A1. Es dauerte mehrere Minuten, bis auch das letzte Fahrzeug in Allermöhe in Bewegung kommt. 

Demo auf der Reeperbahn
Auf der Reeperbahn mussten zahlreiche Polizisten die Straße für den Konvoi sperren. © Sebastian Peters

In Begleitung von mehreren Streifenwagen und Motorrädern der Polizei passiert die Kolonne auch die Reeperbahn. Dort müssen zusätzlich zahlreiche Einsatzkräfte der Polizei das teils stark alkoholisierten Partyvolk daran hindern, zwischen der Kolonne auf die Straße zu rennen. Auf der Feiermeile im Herzen von Hamburg brechen einige Demo-Fahrer die Regel des Veranstalters. Um ihren Protest zu zeigen, hupen viele Autofahrer. Einige lassen auch ihre Motoren aufheulen. Bei diesen teils unüberlegten Fahrmanövern ist es, nach Aussage der Polizei, zu diversen Auffahrunfällen gekommen. Und das bei rund 30 km/h, die während der Fahrt gehalten werden sollten. 

Täglich die spannendsten Hamburg-Nachrichten direkt ins Postfach

Von der Reeperbahn ist der Aufzug über die Elbchaussee bis nach Wedel gefahren. Immer wieder versuchten aber betrunkene Jugendliche die Demo zu stoppen. Polizeikräfte mussten die Alkoholisierten von der Straße ziehen und Platzverweise ausbrechen. Erst danach gelang die Weiterfahrt. Wenige Augenblicke später ist der Autokonvoi in Wedel angekommen. Ob die außergewöhnliche Demonstration was bewirken wird, bleibt abzuwarten. Der Veranstalter lässt die Frage aber noch offen, ob es weitere Aktionen geben wird. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Auch interessant

Kommentare