Wohnen in der Großstadt

Wohnen in Hamburg: Millionen bleibt nach der Miete weniger als Hartz 4

  • VonUlrike Hagen
    schließen

Jeder zweite Großstädter zahlt über 30 Prozent des Gehalts für Miete. Damit bleibt oft weniger als der Hartz-IV-Satz zum Leben, besonders bei Alleinerziehenden.

Hamburg – Millionen Haushalte in deutschen Großstädten tragen eine besorgniserregend hohe Mietbelastung – das Wohnen bringt viele an die Armutsgrenze: Fast jeder zweite, nämlich 49,2 Prozent der rund 8,4 Millionen Haushalte, die in Deutschlands Großstädten zur Miete wohnen, müssen mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für ihre Miete aufwenden.

Knapp 1,1 Millionen (12,9 Prozent) aller Haushalte bleibt damit weniger zum Leben übrig als das Existenzminimum laut Sozialrecht, der sogenannte Hartz IV-Satz. Kurz gesagt: Miete und Nebenkosten fressen soviel Geld, dass die Lebenshaltung problematisch wird. Das ergibt eine neue, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie der Humboldt-Universität Berlin. Grundlage der Untersuchung sind die Angaben aus dem Mikrozensus 2018, der alle vier Jahre repräsentative Zahlen zu den Wohnverhältnissen der Deutschen liefert.

Hochschule in Berlin:Humbold-Universität
Gründung:1809
Adresse: Unter den Linden 6, 10117 Berlin
Gründer:Alexander von Humboldt, Wilhelm von Humboldt
Studentenzahl:36.222 (2020)

Wohnen in Hamburg: Nach Miete weniger als Hartz IV – mehr als 1,5 Millionen bezahlbare Wohnungen fehlen

Die Studie, für die das Forscherteam um den Stadtsoziologen Andrej Holm Daten aller 77 Großstädte Deutschlands auswertete, brachte noch Dramatischeres ans Licht: Fast eine Million Haushalte müssen sogar mehr als die Hälfte ihres Nettoeinkommens aufwenden; gut ein Viertel, nämlich 25,9 Prozent, geben mindestens 40 Prozent für die Mietkosten aus. Viel zu viel, urteilen die Experten, mehr als 1,5 Millionen leistbare und angemessene Wohnungen fehlten in Deutschland.

Weil Wohnen arm macht: 4,4 Millionen Haushalte leben in Wohnungen, die zu klein oder zu teuer sind

Ebenso bedenklich: Mehr als 7,5 Millionen Menschen in 4,4 Millionen Mieterhaushalten leben laut den Erhebungen in Wohnungen, die für sie zu klein oder zu teuer sind – gemessen an der im Sozialrecht angesetzten angemessenen Pro-Kopf-Quadratmeterzahl und der 30-Prozent-Grenze für die Warmmiete. Und selbst im Umland der Städte, wie im Hamburger Speckgürtel, werden Immobilienpreise unbezahlbar.*

Die Wohnverhältnisse seien nicht nur Ausdruck, sondern auch Mit-Ursache der sich vergrößernden sozialen Schere in den Städten, erklären die Forscher. Die ohnehin schon bestehende Einkommensungleichheit wird durch die Mietzahlung verstärkt – und macht Einkommensärmere noch finanzschwächer. Eine Entwicklung, die inzwischen sogar Millionäre auf den Plan ruft, die sich für die Rechte der immer Ärmeren einsetzen.*

Neue Zahlen belegen: Großstadt-Mieten machen viele arm. In Umfragen spricht sich die Mehrheit der Deutschen inzwischen für einen Mietendeckel aus.

Wohn-Krisenzentrum Großstadt: Allein in Hamburg und Berlin fehlen 345.000 bezahlbare Wohnungen

„Absolut am größten sind die Versorgungsdefizite in den Millionenstädten Berlin, Hamburg, München und Köln, wo selbst bei hypothetischer Optimalverteilung jeweils zwischen 220.000 und knapp 65.000 für die Bevölkerung bezahlbare Wohnungen fehlen“, warnt die Studie des Forschungsteams. Aber auch in Städten wie Hannover werden inzwischen Quadratmeter-Mieten für kleinsten Wohnraum aufgerufen, die denen eines Luxus-Appartements entsprechen.*

Es zeige sich, „dass sich die sozialen Ungleichheiten im Bereich des Wohnens verschärft und hohe Mietkostenbelastungen verfestigt haben“. Vor allem für viele einkommensschwächeren Haushalte wird die Miete ein zunehmend wachsendes finanzielles Problem. Tatsächlich geht die viel zitierte „Schere zwischen Arm und Reich“ immer weiter auseinander: Die Zahl der Millionäre ist trotz Corona* im vergangenen Jahr 2020 auf ein neues Rekordhoch gestiegen.

Knapp 14 Prozent aller Haushalte, sind von hohen Wohnkosten finanziell überlastet, d.h. geben mehr als 40 Prozent des Einkommens für das Wohnen aus.

Forscher fordern: Schutz der Mietpreise, sozialer Wohnungsbau und höhere Löhne

Um die Situation zu entschärfen, so das Forscherteam, brauche es Schutz für bestehende Mietpreise und den Ausbau von sogenannten belegungsbedingten Wohnungen für Haushalte mit Wohnberechtigungsschein, also Familien mit geringem Einkommen. Mit möglichst dauerhaften Mietbindungen könne man den sozialen Wohnungsbau stärken. Dennoch sei eine soziale Wohnversorgung in den Großstädten nicht zu gewährleisten, so das Fazit der Untersuchungen, wenn sich der Arbeitsmarkt nicht vom Niedriglohnsektor verabschiede . 

Große Versprechungen im Wahlkampfjahr: Bezahlbares Wohnen für alle

Wohnungsmangel und explodierende Mietpreise. In den Ballungsgebieten ist der Wohnungsmarkt in Deutschland zunehmend kritisch angespannt. Eine Mehrheit von 60,5 Prozent spricht sich inzwischen sogar für einen bundesweiten Mietendeckel aus*, ergab eine Umfrage im Auftrag der Bank ING. Die Not ist also groß, die Forderungen stehen im Raum. Besonders im Superwahljahr 2021 nehmen das viele Parteien zum Anlass, mit blumigen Versprechen zu ködern.

Bezahlbare Mieten durch den Bau von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr und zwölf Euro Mindestlohn verspricht beispielsweise SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz*. Und auch Die Grünen und Die Linke haben sich in ihren Wahlprogrammen dem Schutz und Ausbau des bezahlbaren Wohnraumes angenommen. Bleibt nur noch abzuwarten, was sich nach der Bundestagswahl* tatsächlich in der Wohnungspolitik des Bundes ändert. * kreiszeitung.de und 24hamburg.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Axel Heimken

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare