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Viele Suizide, schlechte Haftbedingungen: Was ist los in Hamburgs Gefängnissen?

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Von: Kevin Goonewardena

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Insassen berichten von schlimmen Zuständen in Hamburger Gefängnissen, Recherchen verschiedener Medien bestätigen diese. Was ist da los?

Hamburg – Wer hinter den schweren Mauern und Gittern eines Knasts sitzt, kommt für gewöhnlich erst nach dem Absitzen der Strafe auch wieder raus. Bei Informationen sieht das oft anders aus, in diesem Fall muss man sagen: Zum Glück. Denn das, was in den letzten Wochen über die Zustände in den Hamburger Gefängnissen bekannt wurde, ist alarmierend – sofern sie stimmen. Denn es handelt sich bisher lediglich um Vorwürfe, die sich aber nicht etwa auf nur eine JVA auf Hamburger Stadtgebiet beschränken, betroffen sind stattdessen alle Einrichtungen – ob die legendäre JVA Fuhlsbüttel („Santa Fu“) mit eigener TV-Serie oder die größte Hamburger Haftanstalt Billwerder.

NameJVA Fuhlsbüttel (Spitzname 'Santa Fu')
Errichtet1879
Haftplätze800
Berühmte (ehemalige) Insassen (Auszug)Lutz Reinstrom, Peter Zantop, Otto F. (Sitzt seit 36 Jahren ein)
Mounir al-Motassadeq (Terrorhelfer 9/11)

Suizidrate in Hamburger Gefängnissen steigt dramatisch an

Ein Mann blickt aus einem vergitterten Fenster auf den Innenhof der JVA Fuhlsbüttel.
Blick aus einer Gefängniszelle in „Santa Fu“. Das Hamburger Gefängnis in Ohlsdorf gilt als sicher, doch Karl L. gelang bereits viermal die Flucht. (Symbolbild) © Maurizio Gambarini/dpa

Wie die Süddeutsche Zeitung Anfang 2020 berichtete, habe es in den Hamburger Gefängnissen im abgelaufenen Jahr 2019 lediglich eine Selbsttötung durch einen Gefangenen gegeben, dazu seien 10 weitere Versuche im gleichen Jahr gekommen. Bei im betreffenden Jahr 5612 in den Haftanstalten der Hansestadt einsitzenden Menschen sei das ein Wert von 2 Tötungen pro 10.000 Insassen, rechnete die Zeitung vor. Zum Vergleich: 12 von 10.000 Menschen nahmen sich im bundesdurchschnitt 2017 das Leben – ein deutlich höherer Wert. Doch in den Coronajahren 2020 und 2021 stiegt die Zahl in Hamburg auf insgesamt 10 Suizide.

Obwohl sich die Lebensumstände der Gefangenen aufgrund der Pandemie erheblich dramatisiert haben, hat die Justizbehörde keine spezifischen Maßnahmen zur Suizidprävention ergriffen

Cansu Özdemir, Justizexpertin der Linken.

Linke fordert verbesserte Suizidprävention in Hamburger Gefängnissen

Obwohl statistisch gesehen Gefängnisinsassen einem höheren Suizidrisiko ausgesetzt sind, als der in Freiheit lebende Teil der Bevölkerung und sich die Situation der Gefangenen durch Corona noch einmal dramatisch verschärft habe, hätten die Verantwortlichen auf diese Entwicklungen nicht reagiert, so die Kritik der Linken.* Wesentliche Stützpfeiler der Suizidprävention wie die Freizeitangebote der Haftanstalten und Kontaktmöglichkeiten für die Gefangenen, seien fast vollständig pandemiebedingt ausgefallen und nicht durch Ausgleichsangebote oder Alternativen ersetzt worden. Das habe mit zu den alleine im Untersuchungsgefängnis Holstenglacies in 20/21 stattgefundenen acht Suizide beigetragen.

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Zu wenig Personal, mangelnde Hilfen, rassistische Vorfälle – die Liste der Vorwürfe ist lang

Der Eingang der Justizvollzuganstalt Billwerder
Der Eingang der Justizvollzuganstalt Billwerder. © Markus Scholz/dpa

Insassen verschiedener Hamburger Gefängnisse - zu denen bald auch 187 Straßenrapper GZUZ gehören wird – haben sich in letzter Zeit bei Interessenvertretungen der Häftlinge über die Missstände in den Hamburger Haftanstalten beschwert. Dabei reichte die Palette der Vorwürfe von fehlender Vorbereitung auf die Zeit in Freiheit, über zu wenig Personal und rassistische Vorfälle seitens der Bediensteten, letzterer Vorwurf wurde durch einen Justizbeamten vorgebracht. Auch den Umgang mit der Corona-Pandemie kritisieren die Gefangenen. Die zuständige Behörde wies alle Vorwürfe zurück, gestand aber ein, dass es zu wenig Personal in den Hamburger Haftanstalten gebe.

Linke fordert mehr Psychologen für Hamburger Gefängnisse

Als erste Konsequenz fordert die Linke mehr Psychologen, für deren Einstellung weder Kosten noch Mühen gescheut werden dürften. Denn die besten Konzepte würden nichts nützen, wenn die Gefängnisse personell unterbesetzt oder falsch ausgestattet sind. So würden aktuell Vollzugsbediensteten das Suizidscreening jedes Gefangenen durchführen, dies gehöre jedoch in die Hände von Experten, so Özdemir. *24hamburg.de und *merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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