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Unverschuldet im Existenzkampf: Naturbad Kiwittsmoor in der Krise

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Von: Steffen Maas

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Nachdem ein aggressiver Zerkarienbefall im Naturbad Kiwittsmoor für viel Ärger und negative Aufmerksamkeit gesorgt hat, bleiben die Besucher aktuell ganz fern.

Hamburg – Das haben das Naturbad Kiwittsmoor und seine hart arbeitenden Mitarbeiter nicht verdient: Nachdem das Gewässer in Langenhorn aufgrund eines aggressiven Saugwürmer-Befalls zeitweise in der Schusslinie wütender Badegäste war, ist die bisherige Freibadsaison eine einzige Katastrophe. Die Besucherzahlen brachen ein, es kam zu Anfeindungen, Mitarbeiter schmissen hin. Auf diesem Weg ist die Zukunft des eigentlich beliebten Naturbades in Hamburg mehr als ungewiss.

Name:Naturbad Kiwittsmoor
Stadtteil:Langenhorn
Anschrift:Hohe Liedt 9, 22417 Hamburg
Außenanlage:Liegewiesen, Spielplätze, Sportanlagen

Naturbad Kiwittsmoor: Anzahl der Besucher um 80 Prozent eingebrochen

40,1 Grad und damit ein neuer Hitzerekord in der Hansestadt Hamburg wurden in der vergangenen Woche gemessen – perfekte Temperaturen für einen Sprung ins kalte Nass im Freibad. Normalerweise treibt so eine Hitze rund 2000 Menschen ins Naturbad Kiwittsmoor, dieses Mal mussten sich die Verantwortlichen rund um Dirk Pommerening mit etwa 160 Gästen zufriedengeben. Leider im Sommer 2022 die Regel und keine Ausnahme.

„Wir haben in dieser Saison bisher rund 80 Prozent weniger Besucher“, erklärt Pommerening, Vorsitzender des Hamburger Turnerbundes, der Betreiber des Naturbades Kiwittsmoor ist. Für das gemütliche Freibad im Norden der Stadt ist das verheerend, denn der Betrieb wird zu großen Teilen aus den Eintrittsgeldern finanziert. Doch was war passiert, dass die Besucher jetzt so zahlreich fernbleiben?

Naturbad Kiwittsmoor: Alles richtig gemacht – und doch kritisiert

Vor rund einem Monat explodiert über Nacht der Bestand von Saugwürmer-Larven, den sogenannten Zerkarien – in Naturgewässern nie ganz vermeidbar. Sie befallen am Tag darauf über 100 der 1800 Badegäste und sorgen für teils schmerzhafte Hautirritationen. Es folgen wütende Meldungen in den sozialen Netzwerken und bei den Rezensionen auf Google – für das ruhige Naturbad ein handfester Shitstorm.

Das Naturbad Kiwittsmoor im Hamburger Stadtteil Langenhorn.
Nach Zerkarien-Ärger: Naturbad Kiwittsmoor kämpft ums Überleben. ©  Naturbad Kiwittsmoor / Hamburger Turnerbund von 1862 e.V.

24hamburg.de berichtet als Erstes über den Vorfall und die Reaktionen – womöglich mit zu reißerischer Überschrift. Denn dass Dirk Pommerening und sein Team keine Schuld trifft und sie vor und nach dem Ausnahmezustand alles richtig gemacht haben, wie im Artikel beschrieben wird, scheint bei den meisten nicht mehr anzukommen. Stattdessen geht die Info in die Breite: Würmer-Gefahr im Naturbad.

Wegen anhaltender Kritik am Familienbad: Mitarbeiter schmeißen hin

„Das hängt bei vielen immer noch in den Köpfen. Damit müssen wir jetzt leben“, berichtet der Bad-Verantwortliche im Gespräch mit 24hamburg.de und unterstreicht heute wie damals, dass er den ursprünglichen Ärger gut verstehen kann: „Besonders wenn Kindern leiden müssen, ist das natürlich sehr, sehr unangenehm.“

Wir wollen absolut ein Familienbad sein. Umso mehr trifft uns das, wenn Kinder und Eltern hier so unschöne Erfahrungen machen.

Dirk Pommerening, Vorsitzender des Hamburger Turnerbundes

Frustriert ist der Mann, der mit seinem Team so viel Herzblut in den Betrieb des Naturbades steckt und jetzt jeden Tag so wenige Gäste begrüßen darf. Dazu gehören Sorgen um das wirtschaftliche Überleben der Anlage, das der Turnerbund mit den nun einbrechenden Eintrittsgeldern finanziert. Aber auch Frust über die menschlichen Folgen der negativen Aufmerksamkeit.

„Am meisten ärgert mich, dass ich wegen der Geschichte zwei Mitarbeiter verloren habe“, beklagt Dirk Pommerening. Die ehemaligen Kollegen konnten mit den schlechten Bewertungen, Anfeindungen im Internet und ständigen Nachfragen aus Freundes- und Bekanntenkreis nicht umgehen und schmissen hin. „Das sind zwei wertvolle Menschen, die jetzt weg sind. Stichwort Herzblut? Die beiden waren hundertprozentig mit Herzblut dabei.“

Dirk Pommerening: „Wollen nach vorne gucken“

Unruhige und unschöne Zeiten also im Naturbad Kiwittsmoor, wo die Sommerzeit eigentlich die Zeit der Glücksgefühle ist. Doch mit viel Wehklagen haben es Dirk Pommerening und seine Mannschaft nicht: „Wir wollen jetzt nach vorne gucken und nicht den Kopf in den Sand stecken.“

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Das bedeutet für den 1. Vorsitzenden weiterhin auch die Beschäftigung mit den ungeliebten Saugwürmern. Denn obwohl die Stadtverwaltung ihm nochmal gutes Verhalten attestiert hat und ein Lob aussprach („Das hilft uns auch nicht.“), würde Pommerening gerne noch mehr tun. „Eine Plane, die man nachts über das Wasser spannt, wäre so ziemlich das Einzige, was als Vorkehrung noch möglich wäre“, überlegt er.

„Aber das können wir finanziell nicht alleine stemmen.“ Man prüfe deshalb derzeit, woher das Geld kommen könnte – im Raum steht eine Anfrage beim Bezirksamt oder der Rundgang mit der Spendenbüchse.

Kleine Veranstaltungen gegen die finanzielle Not

„Geld brauchen wir auf jeden Fall“, unterstreicht der Turnerbund-Chef, der auch am grauen, windigen Mittwoch, 27. Juli 2022, im Freibad steht – um den Leuten zu zeigen, dass man da sei, wie er sagt. Für die Finanzierung des Betriebes gäbe es schon einige Ideen: „Wir gucken gerade, wie wir das bestmöglich lösen. Vielleicht durch kleine Veranstaltungen, die uns Erlös bringen.“

Die könnten das Naturbad Kiwittsmoor dann wieder in einem schönen Kontext präsentieren und die Saugwürmer, die sich bei vielen wohl gedanklich noch im Gehirn rumtreiben, verbannen. Dirk Pommerening würde sich freuen, wenn seine Herzensangelegenheiten dann auch wieder besser wahrgenommen wird: „Ich hoffe, dass in den Köpfen dann wieder Platz für etwas Positives ist.“

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