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UKE-Forscher kritisiert Corona-Regeln: „Typisch deutsch und übertrieben“

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Von: Kevin Goonewardena

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Prof. Dr. Ansgar Lohse leitet das Zentrum für Infektionsforschung am Hamburger UKE. Jetzt plädiert er für den Einstieg in den Ausstieg der Corona-Pandemie.

Hamburg – Von Berufswegen beschäftigt sich Prof. Dr. Ansgar Lohse noch ein Stück mehr als andere Ärzte und Wissenschaftler mit dem Coronavirus. Denn Lohse ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Infektionsforschung und Direktor des dementsprechenden Klinikums am Universitätsklinikum Eppendorf, das das Corona-Infektionsgeschehen seit Anbeginn der Corona-Pandemie genau beobachtet.

Im Interview mit dem Hamburger Abendblatt gibt Lohse Auskunft über die wichtigsten Aspekte und spricht sich offen für den Einstieg zum Ausstieg aus – ähnlich, wie es Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschuldte in den vergangenen Tagen getan hat*. Man dürfe sich gegenüber einer Diskussion zu Lockerungen der Corona-Maßnahmen nicht verschließen, so der Landeschef am Montag.

Name:Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Adresse:Martinistraße 52, 20251 Hamburg
Gegründet:1889
Anzahl Mitarbeitende:rund 14.100
Anzahl Betten:1738

Corona: „Die meisten liegen wegen anderer Erkrankungen in der Klinik. Die Lage ist besser, als es die Zahlen abbilden.“

Auch wenn es noch zu früh sei, um von einer Trendwende zu sprechen, zumindest würden die Zahlen der Corona-Patienten, die intensivmedizinisch versorgt werden müssten, aktuell nicht mehr anwachsen. Das sagte der Hamburger Mediziner gegenüber dem Abendblatt. Weiter sei zu beobachten, dass die meisten Infizierten „kaum noch schwere Verläufe haben und bei den Geimpften praktisch gar keine schweren Verläufe mehr auftreten“.

Professor Doktor Ansgar Lohse des UKE am Rednerpult
Prof. Dr. Ansgar Lohse leitet das Infektionszentrum am UKE. Im Großen Interview kritisiert er den Umgang mit dem Coronavirus und lobt ein Nachbarland für dessen vorbildliche Pandemie-Politik. © Axel Heimken/dpa

Dazu kommt, dass insgesamt nur noch eine Minderheit, bei der das Coronavirus nachgewiesen wurde, wirklich wegen Covid-19 behandelt wird. „Die meisten liegen wegen anderer Erkrankungen in der Klinik. Die Lage ist besser, als es die Zahlen abbilden.“

UKE-Forscher zu BA.2: „Eine Mutation ist zunächst nichts Besonderes.“

Angesprochen auf die BA.2-Mutanten des Coronavirus sagt Prof. Lohse, dass diese, wie generell der Vorgang einer Mutation, erst einmal nichts Besonderes sei. Schließlich unterliege auch ein Virus einem stetigen evolutionären Prozess.

Der durch eine hohe Immunität in der Bevölkerung aufgebaute Druck auf das Virus, würde dafür sorgen, dass sich vor allem diejenigen Mutanten durchsetzen würden, die sich der Immunität des Menschen zumindest in Teilen entziehen können. Das heiße aber noch nichts, denn „häufig machen diese Varianten dann aber weniger krank. Das ist ein Grundprinzip der Virus-Evolution“, so Professor Lohse im Abendblatt Interview.

Corona-Regelwerk: In Dänemark flexibel, in Deutschland „typisch Deutsch“

Deutlich wird der Infektionsforscher beim Thema Regelwerk. „Leider hinken wir in Deutschland oft mit den Maßnahmen hinterher.“ Jene seien in den letzten zwei Jahren einerseits zu zögerlich beschlossen worden und würden jetzt „viel zu langsam wieder zurückgenommen“. Dabei seien die Entscheidungen in der Corona-Pandemie auch heute noch viel zu sehr „von den Bildern der vorherigen Wellen und Gefahren geprägt“, stellt Lohse fest.

Wir versuchen zu viel zu regeln und wollen, typisch deutsch, alles ganz genau richtig machen – und übertreiben dadurch.

Prof. Dr. Ansgar Lohse, Direktor Infektionsklinikum am UKE

Besser hätten es andere Länder gemacht, allen voran Dänemark. Dort sind die Corona-Bestimmungen bereits aufgehoben. Deutschlands skandinavischer Nachbar „war und ist in vielerlei Dingen vorbildlich“, konstatiert Lohse im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt. So hätten die Dänen beispielsweise „nur in kurzen, kritischen Phasen die Schulen geschlossen und sie ansonsten offen gehalten.“ In Kopenhagen habe man „die Regeln stets schnell angepasst und zügig wieder gelockert, sobald es angemessen war“ und das zeichne die dänische Corona-Politik bis heute aus. In Deutschland halten die Verantwortlichen dagegen beispielsweise immer noch an dem mittlerweile fragwürdigen Parameter des Inzidenz-Wertes fest.

Außerdem seien in Dänemark und anderen Staaten anders als hierzulande auch verstärkt negative Auswirkungen der Maßnahmen in die Beurteilung eingeflossen.

In Deutschland seien die Regeln zudem eher unverständlich, als klar und deutlich gewesen und hätten die Bevölkerung eher verwirrt. Dazu komme, dass neben einem besser aufgestellten, nachvollziehbaren und schneller angepassten Regelwerk die dänische „Impfkampagne exzellent“ gewesen sei, lobt der UKE-Forscher.

Pandemie-Bekämpfung: Statt Eigenverantwortung nun gesellschaftliche und politische Unruhen

Auch auf die Eigenverantwortung der mündigen Bürger habe man im nördlichen Nachbarland stets gesetzt und auch hier bestehe „noch Nachholbedarf.“ Auch wenn Lohse nicht davon sprechen will, dass sich dieses Vorgehen nun „räche“, so führe die fehlende Eigenverantwortung der Bürger nun „in Deutschland zu mehr gesellschaftlicher und politischer Unruhe.“

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Diese sei auch jetzt noch gefragt. So könne jeder Bürger, angesprochen darauf, ob der beste Schutz für Veranstaltungen 2G Plus sei, für die maximale Sicherheit selbst sorgen: „Indem er sich dreimal Impfen lässt und sich eventuell mit einer Maske schützt.“

Corona-Politik: Strenge Corona-Auflagen sorgen für Engpässe in Kliniken – Quarantäne-Regeln seien „übertrieben“

Im Interview mit dem Abendblatt fordert Lohse, sich mehr auf Risikogruppen zu konzentrieren, für die das Coronavirus weiterhin eine hohe Gefahr darstelle, anstatt die Corona-Politik auf die gesamte Gesellschaft anzuwenden. So halte er etwa die Quarantäne-Regelungen „inzwischen für übertrieben.“ Im Interview führt er aus: „Es kann nicht sein, dass ganze Kita-Gruppen und die Eltern eine Woche zu Hause bleiben müssen, wenn die Kindergärtnerin positiv getestet wird.“

Denn viele Engpässe in den Kliniken würden „durch diese strengen Corona-Auflagen“ entstehen, so Lohse. Er spricht sich dafür, dass nur Menschen mit Krankheitssymptomen zu Hause bleiben – oder zumindest eine Maske tragen. Streng müsse man in Risikobereichen wie Kliniken und der Altenpflege bleiben, so der Hamburger Professor. *24hamburg.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA

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