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„Ich möchte nicht im Müll wühlen“: Für Pfandsammlerin Kim geht es um jeden Cent

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Von: Robin Dittrich

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Die Zahl der Flaschensammler in Deutschland steigt an. Die Perspektive im Winter sieht für sie eher schlecht aus. Eine Pfandsammlerin erzählt von ihrem Alltag.

Hamburg – Über eine Million Pfandsammler gibt es in Deutschland, mehr als jemals zuvor. Die Aussicht auf den Winter 2022 lässt viele von ihnen erzittern – die Einnahmen gehen in dieser Zeit meist zurück. Im Interview erzählt Pfandsammlerin Kim aus Hamburg von ihrem Alltag und den Herausforderungen, die sie zu meistern hat. Der Getränkehersteller Fritz Kola setzt sich seit Jahren für Pfandsammler ein: Mit der Kampagne „Pfand gehört daneben“. In einer Studie blickten sie jetzt auf die Anzahl der Pfandsammler – und ihre Einnahmen.

Unternehmen:Fritz Kola
Kampagne:Pfand gehört daneben
Zielgruppe:Pfandsammler
Anzahl Pfandsammler Deutschland:Über 1 Million

Es gibt über eine Million Pfandsammler in Deutschland – der Winter sieht für sie düster aus

Eine Studie des Marktforschungsinstitut Appinio im Auftrag von Fritz Kola ergab, dass es mittlerweile mehr als eine Million Pfandsammler in ganz Deutschland gibt. Vor einem Jahr waren es noch rund 980.000 Menschen. Viele von ihnen verdienen damit ihren gesamten Lebensunterhalt, einige sind sogar obdachlos. Die stark gestiegenen Gas- und Strompreise tragen dazu bei, dass sich Pfandsammler nicht mehr über Wasser halten können. Der bevorstehende Winter birgt Einkunftseinbrüche – es stehen schwere Zeiten bevor.

Pfandsammlerin Kim fährt seit über 20 Jahren durch Hamburg und sammelt Flaschen – im Winter drohen weniger Einnahmen.
Pfandsammlerin Kim fährt seit über 20 Jahren durch Hamburg und sammelt Flaschen – im Winter drohen weniger Einnahmen. © Julia Tiemann

„Pfandsammler gehören schon lange zum Stadtbild“, sagt Fritz Kola Gründer Mirco Wolf Wiegert zum Grund der durchgeführten Studie. „Unsere Initiative PFAND GEHÖRT DANEBEN appelliert an ein soziales Miteinander, egal wie viel Geld man hat.“ Die um knapp 50.000 Menschen gestiegene Anzahl der Flaschensammler liegt laut deren Aussage vor allem an den gestiegenen Lebenshaltungskosten. Obwohl nach Angaben rund 62 Prozent der Befragten einen Job ausüben, reicht der nicht mehr aus, um über die Runden zu kommen.

Studie zeigt: Pfandsammler verdienen im Winter deutlich weniger Geld

Ob sich das Sammeln von Flaschen im Winter für die über eine Million Pfandsammler in Deutschland lohnt, ist fraglich. Für einige Euro sicherlich, den großen Gewinn machen jedoch nur die wenigsten. Laut der durchgeführten Studie geben 80 Prozent der Befragten an, im Sommer am meisten zu verdienen. Die Menschen sind unterwegs, trinken aufgrund der höheren Temperaturen mehr und lassen ihre Pfandflaschen oft neben den Mülleimern stehen – genau richtig für Pfandsammler. Im Winter sieht das schon ganz anders aus: Es ist kalt, viele Menschen trinken eher drinnen etwas – so kommt deutlich weniger Pfand zusammen.

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Die Einnahmen für Pfandsammler sind erschreckend gering – insbesondere wenn davon ausgegangen wird, dass es für einige von ihnen die einzige Einnahmequelle darstellt. So verdienen rund 65 Prozent der Pfandsammler im Winter zwischen 0 und 49 Euro, 19 Prozent verdienen zwischen 50 und 99 Euro im Monat. Fritz Kola wirbt deshalb mit ihrer Kampagne dafür, Pfandflaschen neben Mülleimer zu stellen, damit die Sammler nicht darin wühlen müssen. In Deutschland werden laut „Pfand gehört daneben“ Pfandflaschen im Wert von 180 Millionen Euro pro Jahr einfach weggeschmissen.

Pfandsammlerin Kim erzählt von ihrem Alltag – es geht um jeden Euro

Eine, die das Leben als Pfandsammlerin seit vielen Jahren kennt, ist Kim. Die 62-jährige Frau aus Hamburg ohne festen Wohnsitz sammelt seit über 20 Jahren Flaschen in der Hansestadt, vor allem am Hauptbahnhof. Sie ist eine von rund 300.000 wohnungslosen Menschen in Deutschland. Kim ist „Tag und Nacht auf Flaschenjagd. Mein Morgen beginnt mit einem Kaffee, danach geht es dann schon los.“ Das Pfandsammeln ist für sie ein Job für den gesamten Tag, viel Zeit für andere Dinge bleibt dabei gar nicht. Für Kim ist es die Haupteinnahmequelle, zusätzlich erhält sie etwas Geld vom Arbeitsamt und wenige Spenden.

Die Wintermonate sind auch für sie eine Herausforderung. Obwohl sie mit einem E-Bike unterwegs ist, macht ihr die Kälte zu schaffen. Am Hamburger Gabenzaun erhält sie für den Winter oft warme Kleidung. Der Verein kümmert sich um obdachlose Menschen aus ganz Hamburg. Kims größte Herausforderung ist an den meisten Tagen das Tragen der vielen Flaschen. Auch für sie ist der Winter die deutlich schlechtere Jahreszeit für das Pfandsammeln: „Im Sommer ist es viel einfacher, weil die Menschen mehr Zeit draußen verbringen.“

Wintermonate sind für Pfandsammler schwierig: „Da verdiene ich um die 30 bis 50 Euro.“

Im Winter bleiben viele Menschen drinnen, zusätzlich „sammelst du auch langsamer, wenn es friert oder regnet – das ist dann schon echt mühsam.“ In den kalten Monaten muss sie oft mehrere Stunden sammeln, um ein paar Euro zusammenzubekommen. „Ich schätze mal, im Winter verdiene ich so um die 30 bis 50 Euro pro Monat.“ Ihr fällt auf, dass viel mehr Menschen Pfand sammeln, als noch vor ein paar Monaten. „Es ist ja alles teurer geworden. Wenn ich mir etwas zu essen kaufen möchte, muss ich dafür viel mehr Flaschen sammeln.“ Die zusätzlichen Pfandsammler machen ihr das Leben dabei schwer.

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Und noch etwas ist ihr aufgefallen: „Die Leute brauchen ihr Geld momentan selbst, deswegen lassen sie ihre Flaschen nicht mehr so oft stehen.“ Mit ihrer Anfangszeit kann sie das heutige Pfandsammeln nicht mehr vergleichen. Zu Beginn verdiente sie manchmal über 400 Euro pro Monat, davon ist sie heute weit entfernt. Katastrophal war es natürlich auch während der Corona-Zeit, als aufgrund von Lockdowns deutlich weniger Menschen unterwegs waren. Auch für Kim ist es enorm hilfreich, wenn Menschen ihre Flaschen neben den Mülleimer stellen: „Ich habe keine Lust, den Tieftaucher zu machen und im Müll zu wühlen.“

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