Studie belegt

Hartz IV: Empfänger drücken sich vor Corona-Impfung

  • Jens Kiffmeier
    VonJens Kiffmeier
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Delta breitet sich aus, doch das Impftempo nimmt ab. Das liegt auch an Hartz-4-Beziehern. Denn sie stehen einer Impfung oft skeptisch gegenüber. 

Hamburg – In der Wohnsiedlung, in der Fußgängerzone, bei Veranstaltungen: Im Wettlauf mit der Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus soll das Impftempo gesteigert werden. So mahnte die Ärztegewerkschaft Marburger Bund ein stärkeres Werben um die Impfverweigerer an. Es sei entscheidend, dass man nun diejenigen erreiche, „die bisher – aus welchen Gründen auch immer – noch zögern oder überzeugt werden wollen“, sagte die Verbandsvorsitzende Susanne Johna. Besonders im Fokus stehen dabei: Geringverdiener und Hartz-IV-Empfänger.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,841 Millionen (2019)
Arbeitslosenquote:8,0 Prozent

Denn laut wissenschaftlichen Analysen ist der Anteil von Impfskeptikern in dieser Gruppe überproportional hoch. Das geht aus einer nun veröffentlichten Umfrage der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor. Demnach gaben rund 49 Prozent der Befragten aus dem untersten Fünftel der Einkommensgruppen an, bereits mit mindestens einer Corona-Schutzimpfung versorgt zu sein. Zum Vergleich: Aus dem oberen Fünftel waren es indes 71 Prozent.

Hartz IV: Skepsis gegen Corona-Impfung ist bei ALG-II-Beziehern besonders groß

Die Gründe für die geringere Impfquote sind vielfältig. Unter anderem verhinderte auch die Eingruppierung in die Prioritätenliste eine Impfung. So waren etwa Beschäftigte im Einzelhandel erst in der Prio-Gruppe 3 dran. Doch mit der Aufhebung der Priorisierung seien viele nicht mehr dran gekommen und kämen jetzt im Dschungel der Terminvergabe nicht mehr richtig zurecht, sagte Studienautorin Aline Zucco.

In sozialen Brennpunkten soll die Impfquote gesteigert werden. (24hamburg.de-Montage)

Ungeachtet dieser Probleme gibt es aber auch viele Geringverdiener oder Hartz-Empfänger, die grundsätzlich eine Impfung verweigern. In den unteren Einkommensbereichen beziffert die Umfrage den Anteil der Impfskeptiker auf neun Prozent. Er ist damit doppelt so hoch wie im oberen Fünftel der Einkommensskala (4 Prozent). Dass die Impfbereitschaft bei den Geringverdienern geringer ist, bestätigte am Mittwoch auch die Gutenberg-Gesundheitsstudie*.

Beim Impf-Fortschritt sind die Auswirkungen bereits spürbar. Nach wochenlangem Hauen und Stechen um den knappen Impfstoff geht das Impftempo in Deutschland nun grundsätzlich zurück. Allein in der Hansestadt Hamburg ließen zuletzt 800 Menschen ihren Termin einfach platzen. Bundesweit sank die Anzahl der verabreichten Impfdosen pro Tag laut dem Robert-Koch-Institut innerhalb von einer Woche von 800.500 auf 710.100 – trotz verfügbarem Impfstoff. In Regensburg kostete einer Hartz-IV-Empfängerin die Scheu vor dem Arzt sogar die Kürzung der Leistungen*.

Hartz IV: SPD und CDU umwerben Impfverweigerer aus Sorge vor der Delta-Variante

Genau vor diesem Hintergrund sollen jetzt Geringverdiener und Hartz-Empfänger stärker umworben werden. Denn sie versprechen zum Anheben der Impfquote ein großes Potenzial. Bereits am Mittwoch hatte Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) einen Einsatz von mobilen Impfteams in sozialen Brennpunkten gefordert.

Am Donnerstag wiederholte Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) diese Forderung. Zugleich buhlte er um die Impfskeptiker* und schlug vor, die Unwilligen mit Sonderaktionen zu locken. „Man könnte an eine Verlosung denken, bei der unter den Impfbereiten beispielsweise ein Fahrrad, ein Fremdsprachenkurs oder ein anderer schöner Preis ausgegeben wird“, sagte der CDU-Politiker den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Die Politiker von CDU und SPD eint dabei die Sorge vor der Ausbreitung der Delta-Variante. Die zuerst in Indien entdeckte Mutation gilt sehr aggressiv und ist auch in Hamburg mittlerweile auf dem Vormarsch. Und insbesondere in ärmeren Stadtteilen ist in den oftmals beengten Wohnverhältnissen die Corona-Ansteckungsgefahr höher als in besser situierten Vierteln. Auch das haben Studien belegt. Aus Expertensicht schützt eine vollständige Impfung gegen die Delta-Variante halbwegs, zumindest verhindert sie einen schweren Krankheitsverlauf. * 24hamburg.de und kreiszeitung.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Daniel Bockwohld/dpa & Marijan Murat/dpa

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