„Vegan ist ungesund“

Tönnies: „Moderne Sklaverei“ - Hamburger Vegan-Youtuber über Schlachthof-Kriminalität

  • Laura-Marie Löwen
    vonLaura-Marie Löwen
    schließen

Die zwei Hamburger YouTuber Aljosha Muttardi und Gordon Prox („Vegan ist ungesund“) machen sich auf ihrem Kanal für Veganismus und Tierschutz stark. Der Schlachthof-Skandal bei Tönnies lässt die beiden drastische Worte finden.

Update vom 25. Juni 2020, 20:16 Uhr: Hamburg - Bereits Mitte Juni haben die beiden Hamburger Vegan-Youtuber Aljosha und Gordon vom Kanal „Vegan ist Ungesund“ gegen die deutsche Fleischindustrie geschossen - 24hamburg.de berichtete. Zu der Corona-Schlamperei in Schlachthöfen kommentierten die beiden jungen Männer: „Können wir die Sche**e nicht einfach mal lassen?!“

Jetzt setzen die Vegan-Verfechter nochmal einen drauf. Anlässlich der neuen „hart aber fair“-Sendung vom 22. Juni schießen sie gegen den Skandal-Schlachthof Tönnies. Die hohen Coronavirus-Infektionen in dem Betrieb schocken derzeit ganz Deutschland. Wie 24hamburg.de berichtet, befinden sich momentan (Stand 25. Juni 2020) über 6.500 Mitarbeiter von Tönnies-Betrieben und deren Familienmitglieder in Quarantäne, mehr als 1.500 haben sich mit dem Coronavirus infiziert.

UnternehmenTönnies Holding
ZentraleRheda-Wiedenbrück
Mitarbeiterzahl9007 (2018)
Gründung1971
RechtsformApS & Co. KG
TochterunternehmenZur-Mühlen-Gruppe

Hamburger Vegan-Youtuber reagieren auf „hart aber fair“-Sendung: Tönnies eine „Vollkatastrophe“

In einem neuen Instagram-Video zeigen Aljosha und Gordon Ausschnitte der Sendung mit Frank Plasberg, die unter dem Titel:„Massenerkrankung in der Fleischfabrik – Gefahr fürs ganze Land?“ ausgestrahlt wurde. Ein Gast der Sendung interessiert die beiden Vegan-Influencer ganz besonders: der Pfarrer Peter Kossen. Er setzt sich für die Werkarbeiter und Arbeitsmigranten ein und geht mit der deutschen Fleischbranche hart ins Gericht.

Mit dramatischen Worten („Mafia“, „Kriminelle“, „Sklaven“) klärt der Pfarrer über die unmenschlichen Zustände und Arbeitsbedingungen in Schlachtbetrieben wie Tönnies auf. Auch wenn eigentlich schon längst ist bekannt, dass viele Arbeitsmigranten über Sub-Unternehmen unter Werkverträgen bei Schlachtbetrieben eingestellt werden und mit Niedriglöhnen ausgebeutet werden: Kossens äußert seine Systemkritik mehr als eindringlich.

„Das ist nicht nur Herr Tönnies. Ich traue auch anderen Entscheidern in der Branche ähnlich wenig Gutes zu. Das bringt überhaupt nichts, die Täter jetzt zu Saubermännern oder vielleicht sogar zu Opfern zu machen. Da müssen wir schon aufpassen, wer die Täter und wer die Opfer sind. Die Sklaven sind die Opfer und die Sklaventreiber sind die Täter“, meint Kossen. Die Zustände bei Tönnies seien „organisierte Kriminalität“.

Aljosha Muttardi und Gordon Prox („Vegan ist ungesund“) regen sich über die Tönnies-Zustände auf. (24hamburg.de-Montage)

Die Veganer Aljosha und Gordon können dem Pfarrer nur zustimmen. In Hinblick auf die minderwertigen Arbeitsbedingungen redet Aljosha von „moderner Sklaverei“. Doch nicht nur die Angestellten würden unter der Tönnies-Sklaverei leiden. „Dadurch dass ‚unser‘ Fleisch so günstig sein muss, muss es einfach extrem günstig produziert werden. Und wer leidet darunter? Die Lebewesen, die Menschen, die Natur, die Gesundheit“, meint Gordon. Das ganze System sei eine „Vollkatastrophe".

Tönnies, Vion und Wiesenhof: Hamburger Vegan-Youtuber zerfleischen Fleischfresser

Erstmeldung vom 23. Juni, 18:11 Uhr: Die Coronavirus-Ausbrüche in mehreren deutschen Schlachthöfen sorgen derzeit deutschlandweit für Aufschrei. Nachdem sich erst hunderte Mitarbeiter in einem Vion-Schlachtbetrieb in Schleswig-Holstein infiziert hatten*, lässt der Corona-Skandal im Tönnies-Schlachthof (Kreis Gütersloh) mit 1.553 Infizierten (Stand: 23. Juni 2020) die Debatte um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für Schlachthofmitarbeiter noch einmal richtig hochkochen. Auch Tierschützer und Veganer schalten sich in die Diskussion ein. Auch in Schleswig-Holstein gibt es Tönnies-Schlachthöfe*.

UnternehmenVion N. V.
CEORonald Lotgerink (1. Sept. 2018–)
Umsatz5 Milliarden EUR (2019)
ZentraleNiederlande
Mitarbeiterzahl11.969 (Durchschnitt, mit Beschäftigten von Subunternehmern)
RechtsformAktiengesellschaft
TochterunternehmenMoksel, Vion Food Nederland B.V

Coronavirus-Skandale bei Vion und Tönnies: Hamburger YouTuber (Vegan ist ungesund) gegen Fleischesser

Schlachtbetriebe sind eine Katastrophe – aus humanistischer und tierethischer Perspektive“, meint Aljosha Muttardi (31) in einem Video vom 12. Juni 2020. Gemeinsam mit seinem YouTube-Kollegen Gordon Prox (33) setzt sich der Hamburger Arzt auf dem Kanal „Vegan ist ungesund“ mit Themen wie Tierschutz und Veganismus auseinander. Mit etwa 140.000 Abonnenten teilen sie dort vegane Rezepte und betreiben Aufklärungsarbeit. Besonders viel Aufsehen erreichten die beiden jungen Männer mit einem YouTube-Video vom 11. Dezember 2019, in dem sie zeigen, wie sie in eine deutsche Schweinezucht einbrechen.

Natürlich gehen auch die aktuellen Coronavirus-Skandale in deutschen Schlachthöfen nicht an den beiden Vegan-YouTubern vorbei. Die drastischen Infektionszahlen in Schlachtbetrieben wie dem Vion-Schlachthof in Bad Bramstedt veranlassen eine riesige öffentliche Debatte über bessere Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter in Schlachthöfen*. Gordon und Aljosha, die sich beide dem Tierschutz verschrieben haben sind in ihrer Forderung etwas drastischer, sie wollen die Fleischindustrie am liebsten ganz abschaffen: „Können wir die Sche**e nicht einfach mal lassen?“

Aljosha und Gordon („Vegan ist ungesund“) reagieren auf „hart aber fair“-Sendung

Konkret reagieren Gordon und Aljosha in ihrem Video vom 12. Juni auf eine Sendung von „hart aber fair“. Denn auch vor deutschen Talkshows macht das Thema nicht halt: Unter dem Titel „Corona im Schlachthof – sind uns Mensch und Tiere Wurst?“ diskutierte Frank Plasberg Mitte Juni die Zustände in der Fleischindustrie. Seine Gäste: Heiner Manten (Vorsitzender des Verbands der Fleischwirtschaft (VDF), Manfred Götzke (Reporter beim Deutschlandfunk), Arbeitsminister Hubertus Heil, Grünen-Chef Robert Habeck und Anette Dowideit (Investigativjournalistin der Tageszeitung „Welt“).

Besonders erregt die beiden YouTuber der Auftritt von Heiner Manten in der Talkshow - er leitet einen großen Schlachtbetrieb am Niederrhein und repräsentiert in der Runde die Fleischindustrie. Seine Antworten auf Frank Plasbergs kritische Fragen zu den Zuständen in der Fleischbranche gleichen eher einem Gestammel. Auf die Frage, ob man den Coronavirus-Ausbrüchen in deutschen Schlachthöfen durch bessere Arbeitsbedingungen hätte entgegenwirken können, kann Manten keine zusammenhängende Antwort bilden.

Ähnlich beurteilten auch Kollegen von der Frankfurter Rundschau das Verhalten Mantens* in der Talkrunde - sie sprechen von einem „Mann, der den Vorwürfen über prekäre Beschäftigungs- und Unterbringungsmöglichkeiten offenbar nichts Fundamentales entgegenzusetzen hat.“ Die YouTuber Gordon und Aljosha sehen sich dadurch in ihren Ansichten bestätigt, es gäbe in ihren Augen keine sinnvollen Gründe, welche die Zustände in deutschen Schlachtbetrieben rechtfertigen könnten. „Ich finds gut, dass darüber geredet wird und ich freue mich über solche Sendungen und ich freu mich auch tatsächlich, dass man sieht, dass es einfach keine Möglichkeit gib, sich da irgendwie rauszureden.“

Vegan-YouTuber wollen Fleischindustrie abschaffen: „Das ganze System ist einfach völlig zum K**zen“

Während in der „hart aber fair“-Sendung hauptsächlich über die minderen Arbeitsbedingungen der Beschäftigten gesprochen wird, kommen Aljosha und Gordon aber auch auf das Tierleid in der Branche zu sprechen: „Schlachtbetriebe sind eine Katastrophe – aus humanistischer sowie aus tierethischer Perspektive. Denn es werden einfach Tiere umgebracht gegen ihren Willen und Menschen unter furchtbaren Bedingungen mit hoher Arbeitslastung [gehalten].“

Die YouTuber Gordon Prox und Aljosha Muttardi regen sich über die deutsche Fleischindustrie auf. (24hamburg.de-Montage)

Die Fleischbranche kritisieren Gordon und Aljosha nicht erst seit den Coronavirus-Ausbrüchen in Schlachthöfen. Die Bilder, welche die beiden Aktivisten beim Einbruch in eine Schweinezucht zu sehen bekamen, haben sie nachhaltig geprägt. „Es gibt keine Beschreibung für das, was wir da drinnen gefühlt haben“, meint Aljosha mit Tränen in den Augen. „Für mich war es die Hölle auf Erden. Ich habe in die Augen der Tiere gesehen und sah gebrochene Seelen.“ 

In ihrem Video vom 12. Juni betonen sie, dass man weniger über eine Verbesserung der Zustände in der Fleischindustrie diskutieren müsse, sondern das gesamte System zu hinterfragen sei. “Wir müssen eine Grundsatz-Diskussion führen“, meint Gordon. „Das ganze System ist einfach völlig zum K**zen“, findet Aljosha. „Ich glaube, man vergisst oft, dass das ganze System, also das was hinter tierischen Produkten steht, einfach komplett auf Ausbeutung beruht. Das bedeutet: Die Tiere werden ausgebeutet, die Menschen, die dort arbeiten, werden ausgebeutet. Das ist ein System, das nur aus Leid und Ausnutzung besteht.“ // Quelle: 24hamburg.de

* 24hamburg.de und fr.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

Rubriklistenbild: © Instagram/veganistungesund/David Inderlied/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare