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Terrorzentrale der Nazis in Hamburg: Stadt rettet private NS-Gedenkstätte

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Die Stadt betreibt die Gedenkstätte an der Stadthausbrücke weiter. Opferverbände wollten das schon lange. Leidtragende ist die bisherige Betreiberin.

Hamburg – Stephanie Krawehl übernahm vor vier Jahren die Verantwortung für die NS-Gedenkstätte an der Stadthausbrücke 6. Früher befand sich in dem Gebäude eine Terrorzentrale der Nazis, heute kann man dort den Opfern der Verbrechen des Nationalsozialismus gedenken. Jetzt ist der Standort aber wirtschaftlich gescheitert und die Stadt Hamburg übernimmt ihn wieder. Krawehl, die sich damals zu dem Experiment bereit erklärte, steht nun vor dem Nichts.

Stadt in DeutschlandHamburg
Einwohner1.904.444 (Stand Mai 2021)
Fläche755,2 km²
Gegründet500 n. Chr.
BürgermeisterPeter Tschentscher

NS-Gedenken Hamburg: Stadt wollte Gedenkstätte privatisieren – Käufer fand aber keinen Betreiber

2008 verkaufte die Stadt Hamburg das Stadthaus an Quantum Immobilien. Damals wollte man das Gebäude loswerden, gleichzeitig aber den von Opferverbänden viel geforderten Gedenkort umsetzen. Dem Käufer wurde im Kaufvertrag auferlegt, in der Immobilie auf eigene Kosten einen Gedenkort zu schaffen, der dauerhaft in Betrieb und öffentlich zugänglich sei.

Ursprünglich sollte dieses Projekt im Keller des Gebäudes realisiert werden, wo sich früher die Gefängniszellen befanden. Da dieser Teil des Hauses allerdings längst renoviert und von der Geschichte keine Spur mehr war, entschied man sich für den 750 Quadratmeter großen Bereich im Untergeschoss.

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Allerdings fand der Käufer zunächst niemanden, der die Gedenkstätte betreiben wollte. Die Stadt Hamburg, die ebenfalls gefragt wurde, lehnte ab. Stephanie Krawehl war schließlich die Lösung, wie Zeit Online berichtet. Sie betrieb in Eimsbüttel bereits die mehrfach ausgezeichnete und gut laufende Buchhandlung „Lesesaal“. Sie erklärte sich bereit, mit ihrer Buchhandlung umzuziehen und vereinte in dem alten Stadthaus von nun an ihren „Lesesaal“, ein Café und kümmerte sich gleichzeitig um die Gedenkstätte, die nun nur noch 70 Quadratmeter messen sollte, dank Krawehl aber sechs Tage die Woche geöffnet sein konnte. Dafür erließ ihr der Immobilien-Besitzer einen Euro Kaltmieter pro Quadratmeter.

NS-Gedenkstätte an der Stadthausbrücke: Stephanie Krawehl wurde von Opferverbänden angegriffen

Im Mai 2018 eröffnete Stephanie Krawehl den Standort im Stadthaus-Areal, doch von Anfang an bekam sie starken Gegenwind. Viele NS-Opferverbände waren nicht damit einverstanden, dass die Gedenkstätte in kleinem Rahmen von einer Privatperson betrieben wurde. Sie forderten eine große Gedenkstätte, die von der Stadt betrieben werden sollte.

Stadthausbrücke und NS-Gedenkstätte
Die NS-Gedenkstätte an der Stadthausbrücke wird in Zukunft von der Stadt betrieben. (24hamburg.de-Montage) © Joerg Boethling/imago

Ihren Unmut ließen die Menschen an Krawehl aus, die immer wieder von Besuchern in ihrem „Lesesaal“ verbal angegriffen wurden. Einige Kritiker machten sich sogar die Mühe und fanden in Archiven heraus, dass Krawehls Großmutter früher Mitglied der NSDAP war, was die Buchhändlerin vorher selbst nicht gewusst hatte.

Wegen der Coronavirus-Pandemie ist das Café in dem Stadthaus schon lange geschlossen und auch die Buchhandlung lief nicht mehr gut, weshalb die Betreiberin jetzt nach vier Jahren Kampf schließlich doch Insolvenz anmelden muss. Krawehl trauert nun vor allem um ihre Buchhandlung. Gegenüber der Zeit Online verriet sie beim Gerichtstermin für ihren Insolvenzantrag: „Für mich ist es jetzt eine Qual hier zu sein, weil es mir in der Seele wehtut, dass diese Stöberbuchhandlung vor die Hunde gehen muss.“

Wie geht es weiter? Opferverbände bekommen ihren Willen – Stadt übernimmt Gedenkstätte doch

Der neue Besitzer der Immobilie ist nun die Ärzteversorgung Niedersachen, die in dem Areal der Stadthöfe bereits Restaurants, Büros, Läden, ein Hotel und Mietwohnungen entstehen ließ. Neun Millionen Euro soll der Verband dafür angelegt haben, unter anderem als Altersvorsorge für Ärzte.

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Geschäftsführer Frank Adelstein bedauert die aktuelle Situation, weil das Experimente mit Stephanie Krawehl gescheitert ist. Seine Aufgabe ist es nun, einen neuen Betreiber für die NS-Gedenkstätte zu finden. Aktuell laufen noch Gespräche, doch der Hamburger Senat ist bereit, die Gedenkstätte von nun an zu betreiben. Kultursenator Carsten Brosda (SPD) erklärte in einem schriftlichen Statement: „Ich bedaure, dass das Konzept in Kombination mit dem Lesesaal dort nun gescheitert zu sein scheint.“

Ich bedaure, dass das Konzept in Kombination mit dem Lesesaal dort nun gescheitert zu sein scheint

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD)

Nun wolle die Kulturbehörde in Zusammenarbeit mit den Opferverbänden und der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte auf der gesamten Fläche einen größeren Gedenkort aufbauen. Die Stadt mietet das Gebäude zu günstigen Konditionen von der Ärzteversorgung und die Stiftung wird sich um den Ausbau und Betrieb der Gedenkstätte kümmern, wozu auch Veranstaltungen gehören sollen. Auch die Jugend interssiert sich immer mehr für die NS-Zeit.

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NS-Gedenkstätte: Sie ist die Leidtragende – Stephanie Krawehl muss Insolvenz anmelden

Jahrelang wollten Opferverbände, dass der NS-Gedenkort von der Stadt im angemessen großen Stil betrieben wird. Nach Jahren erklärt sich der Senat nun doch bereit, doch die Leidtragende ist Stephanie Krawehl, die damals dem Experiment zustimmte, als niemand sonst es wollte. Sie steht nun vor dem Nichts. Ihre geliebte Buchhandlung ist gescheitert und sie muss Hartz IV beantragen, wie Zeit Online berichtet. Vier Jahre lang habe sie quasi durchgearbeitet und gekämpft. „Es war ein ewiger Kampf, ich bin einfach müde.“ * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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