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Sturmflut: Helmut Schmidt doch nicht der große Held von 1962? Experten streiten

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Von: Kevin Goonewardena

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Die Sturmflut 1962 gilt als Initialzündung der politischen Karriere Helmut Schmidts. Doch seine Rolle als Krisenmanager ist keineswegs unstrittig.

Hamburg – In der Nacht vom 16. Februar auf den 17. Februar 1962 ereignete sich die bis dato schwerste Sturmflut an der deutschen Nordseeküste. Sturmfluten sind ein immer wiederkehrendes Naturphänomen an der deutschen Nordseeküste. Die Wassermassen, die auch über Weser und Elbe weit ins Landesinnere hineindrangen, brachten insgesamt 340 Menschen den Tod, 315 davon in Hamburg. Die Hansestadt hatte mit weitem Abstand die meisten Todesopfer der Sturmflut zu beklagen. Vor allem auf der Elbinsel in den Stadtteilen Veddel und Wilhelmsburg richtete die Sturmflut 1962 große Schäden an.

In seiner damaligen Funktion als Polizeisenator (heute das Aufgabenfeld des Innensenators Andy Grote) legte der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt als Krisenmanager der Sturmflut 1962 den Grundstein für seine politische Karriere. Doch ist Helmut Schmidts Beitrag wirklich so groß, wie auch er selbst stets betonte?

Name:Helmut Waldemar Schmidt
Geboren:23. Dezember 1918 in Barmbek
Gestorben:10. November 2015, Hamburg-Langenhorn damaligen D
Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland:1974 bis 1982 (als fünfter Bundeskanzler der BRD)
Andere wichtige politische Ämter:Bundesminister der Verteidigung, Bundesminister der Finanzen, Vorsitzender der SPD-Fraktion, Polizeisenator Hamburgs

Sturmflut 1962: Experten uneins über Schmidts Rolle

Dr. Helmut Stubbe da Luz ist Historiker und Schmidt-Experte. Er lehrt seit 2002 an der der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr. Neuere und Neueste Geschichte. Stubbe da Luz hat im April 2021 zu Schmidts Rolle bei der Sturmflut publiziert. Giganten-Kult als Hypothek? Der Schmidt-Sturmflut-Mythos und die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung heißt die Veröffentlichung, in der der Wissenschaftler die Rolle von Helmut Schmidt bei der Sturmflut 1962 untersucht und nicht zum ersten Mal an dessen Denkmal rüttelte.

Er ist der Meinung, dass Schmidts Rolle bei der Sturmflut nicht zuletzt von dem ehemaligen Bundeskanzler selbst überhöht worden sei. Bereits 2018 sagte er gegenüber der Wochenzeitung Die Zeit „Sofort gehandelt haben andere“. Im gleichen Jahr zeigte die Bibliothek der Helmut-Schmidt-Universität eine von dem Forscher konzipierte Ausstellung zum Thema. „Eine Ausstellung rüttelt an Hamburgs Tabus“ überschrieb Die Welt ihren Artikel zu eben dieser. Der Vorsitzende der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung Dr. Meik Woyke sieht das anders.

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Experte zieht Schmidts Rolle als Krisenmanager in Zweifel

Stubbe da Luz reagiert auf die Rufe nach einem Krisenmanager vom Schlage Helmut Schmidts, der bis heute als schneidig, unbürokratisch, pragmatisch und beherzt zupackend wahrgenommen wird. Eben jene Rufe hat der Historiker aus einem Teil der Medien im Zuge des Hochwassers in Westdeutschland und der Corona-Krise vernommen.

Keineswegs also hat Schmidt – im Sinne des Allgemeinwohls und von seinem Gewissen geplagt – in diesem Zusammenhang das Grundgesetz missachtet.

Dr. Helmut Stubbe da Luz, Historiker an der Helmut-Schmidt Universität der Bundeswehr

Doch, so Stubbe da Luz, Schmidt habe keineswegs Bundeswehr- und NATO-Soldaten herangezogen, wie er in der Mopo schreibt. Er habe sich also mitnichten geplagt von Gewissensbissen und aufopfernd für das Allgemeinwohl über die Verfassung der Bundesrepublik hinweg gesetzt, in dem er, ohne notwendige Kompetenzen, die Streitkräfte bemüht habe. Genau so jedoch habe es Schmidt immer dargestellt.

Diese seien jedoch schon vorher im Einsatz gewesen, Schmidt habe sich, aus Angst seine Kompetenzen als Polizeisenator Hamburgs zu verlieren, an die Spitze der Katastrophenhelfer gesetzt. Gehandelt habe er so, wie es ohnehin in einer Katastrophenordnung gestanden hätte, führt Stubbe da Luz in seinem Mopo-Beitrag weiter aus, wäre jene schon beschlossen gewesen.

Schmidt hat „großen Anteil daran, dass Tausende Hamburgerinnen und Hamburger vor den Wassermassen gerettet werden konnten.“

Dem widerspricht ein anderer Schmidt-Experte, Dr. Meik Woyke, deutlich, der sich ebenfalls mit einem Debattenbeitrag in der Mopo äußert. Es sei Schmidts unbürokratischer und straffer Organisation des Krisenstab zu verdanken, „dass Tausende Hamburgerinnen und Hamburger vor den Wassermassen gerettet werden konnten“, so der Vorstandsvorsitzende der Bundeskanzler Helmut Schmidt-Stiftung.

Schmidts Verdienst liegt darin, angesichts der Sturmflutkatastrophe den Krisenstab straff organisiert und geleitet zu haben. Dadurch hatte er großen Anteil daran, dass Tausende Hamburgerinnen und Hamburger vor den Wassermassen gerettet werden konnten.

Dr. Meik Woyke, Vorstandsvorsitzende der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung

Woyke räumte zwar ein, dass bis heute „verschiedene juristische Positionen“ zu der Rechtmäßigkeit Schmidts Eingreifen existieren, schreibt aber auch an Stubbe da Luz gewandt, dass „polemische Mutmaßungen und Skandalisierungen in die Irre“ führen würden und „Fragwürdige Thesen ersetzen nicht die genaue und differenzierte wissenschaftliche Analyse.“

Zu dem, so Woyke weiter, müsse man berücksichtigen dass sich „Erinnerungen verändern und in neue Perspektiven gerückt werden können. Das ist bei allen von uns so, geschieht nicht zwangsläufig mit politischer Absicht und gehört zum kleinen Einmaleins historischer Betrachtungen.“ *24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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