Reiserückkehrer keine Pandemie-Treiber

Spahns Corona-Märchen: Was der Minister sagt – und was Wirklichkeit ist

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
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Vorm Sommer-Urlaub gibts Zoff: Befeuern Reiserückkehrer die Pandemie? Gesundheitsminister Jens Spahn sagt ja – und plant Gegenmaßnahmen. Doch es gibt Zweifel.

Hamburg/Berlin – Verwandtenbesuche in der Türkei* oder auf dem Balkan, Touristen-Trips nach Spanien: Pünktlich zum Start der Sommerferien ist in Deutschland ein Streit über Reiserückkehrer als Pandemie-Treiber entbrannt. So warnte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor der Gefahr, dass Urlauber durch Auslandsaufenthalte eine neue Coronavirus-Welle hierzulande auslösen könnten. Diesen Effekt habe man im vergangenen Jahr beobachtet und das gelte es in dieser Urlaubssaison zu vermeiden, sagte Spahn kürzlich der „Bild“-Zeitung. Doch stimmt das? Derzeit werden erhebliche Zweifel an Spahns Darstellung laut.

Deutscher Politiker:Jens Spahn (CDU)
Aktuelles Amt:Bundesgesundheitsminister
Privat:verheiratet
Geboren:16. Mai 1980 (Alter 41 Jahre), Ahaus

Zum Hintergrund: Laut Spahn, der zuletzt auch wegen des Impf-Chaos viel Wut in der Hansestadt Hamburg auf sich zog, wurden im vergangenen Sommer „phasenweise rund 50 Prozent“ der Corona-Neuinfektionen von Auslandsreisen ausgelöst. Nach Recherchen der Tageszeitung „Die Welt“ bezieht sich der Bundesgesundheitsminister in seinen Aussagen dabei auf zwei Auswertungen des Robert-Koch-Instituts (RKI). So fasst ein Lagebericht die vierwöchige Hauptreisezeit zwischen dem 27. Juli 2020 und dem 23. August 2020 zusammen. Demnach wurden bei 10.387 deutschen Corona-Fällen der Ansteckungsort im Ausland erfasst, vorwiegend im Kosovo, in Kroatien und in der Türkei.

Urlaub trotz Corona: Reiserückkehrer als Pandemie-Treiber? Warum Jens Spahn (CDU) sich irrt

Daneben wertete das RKI in einer gesonderten Statistik auch noch den Anteil der Auslandsinfektionen über das gesamte Jahr 2020 aus. In dieser Auswertung stieg der Anteil von Covid-Ansteckungen jenseits der Grenzen im Sommer exponentiell stark – und zwar zwei Wochen nach Ende der Hauptreisezeit, was einer normalen Inkubationszeit beim Coronavirus entspricht. Beide Statistiken zusammengenommen stützen die These von Spahn – zumindest auf den ersten Blick.

Warnt vor Reiserückkehrern als Pandemietreiber: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). (24hamburg.de-Montage)

Doch Vorsicht: Einige Experten warnen vor Panikmache und falschen Rückschlüssen. So warb der Frankfurter Virologe Martin Stürmer für eine differenzierte Betrachtung. „Ich glaube nicht, dass die Reiserückkehrer damals einen massiven Beitrag zur Pandemie geleistet haben“, sagte der Mediziner der „Welt“. Zwar sei die Anzahl der Corona-Fälle angestiegen. Doch die Zahlen müssten noch in Relation zum gesamten Infektionsgeschehen gesetzt werden. Und das sei zum Ende der Reisesaison mit 50.000 Fällen in Deutschland sehr niedrig gewesen. Zum Vergleich: Mitten in der zweiten Welle waren es im Dezember 2020 dann 700.000 Fälle.

Reiserückkehrer: Bundesgesundheitsminister will Testpflichten zwischen Deutschland und Türkei

Bereits Mitte September spielte dabei der Anteil der Auslandsinfektionen eigentlich keine Rolle mehr. Doch erst viele Wochen nach dem Ende der Hauptreisezeit, nämlich im Oktober 2020, setzte das exponentielle Wachstum bei der Verbreitung der Corona-Neuinfektionen ein. Für Virologe Stürmer ist damit klar: Es lässt sich zwischen dem Sommer und dem rasanten Anstieg im Herbst überhaupt keine Verbindung mehr herstellen. Statt Reiserückkehrer vermutet er andere Faktoren als Pandemietreiber: die kühleren Temperaturen und der vermehrte Aufenthalt in geschlossenen Räumen.

Dennoch will Spahn dem ungezwungenen Reisen einen Riegel vorschieben. So kündigte er an, dass es mit bestimmten Ländern wie der Türkei oder auf dem Balkan Vereinbarungen zu Corona-Tests* bei der Ein- und Ausreise gebe. Zudem soll es an deutschen Grenzen ebenfalls im Sommer eine Testpflicht geben. In den betroffenen Ländern hagelte es deswegen bereits Kritik. Man werde stigmatisiert und unter Generalverdacht gestellt, obwohl es keinerleich Zahlen zum Beweis gebe, wetterte Albaniens Premier Edi Rama in der „Bild“-Zeitung.

Doch ob nun Treiber oder nicht – Fakt ist: Die Coronavirus-Ansteckungsgefahr bleibt weiterhin hoch. Auch wenn viele Länder schon wieder halbwegs coronafrei sind*. Darauf verwies auch noch einmal SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach am Donnerstag. Durchaus könnten Reiserückkehrer durch den Sommertourismus neue Coronavirus-Varianten in das Land tragen, warnte er in einem Interview mit der Funke-Mediengruppe. Es sei dann nicht ausgeschlossen, dass bei ausbleibenden Impf-Erfolgen sich das Virus dann erneut über Europa verteilen und das Infektionsgeschehen ankurbeln könnte. * 24hamburg.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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