Tricksereien der Kanzlerkandidaten

Geschönter Lebenslauf: Nach Baerbock steht auch Laschet unter Verdacht

  • Jens Kiffmeier
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Neue Aufregung um Annalena Baerbock: Die Grüne musste ihren Lebenslauf korrigieren. Auch CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet hat sein Lebenswerk frisiert. 

Hamburg/Berlin – Hochstapelei oder bürokratischer Kleinkram? Nach aufgetauchten Ungereimtheiten in dem Lebenslauf von Annalena Baerbock (Grüne) ist eine Debatte über die Selbstdarstellung von Kanzlerkandidaten entbrannt. Nach öffentlicher Kritik mussten die Grünen die Angaben der Parteichefin im Internet zu Mitgliedschaften in einigen Organisationen korrigieren und „präzisieren“, wie ein Parteisprecher mitteilte. Der Aufschrei und die Empörung in den sozialen Netzwerken konnte das aber am Montag zunächst nicht besänftigen. Erst recht nicht, als herauskam: Auch CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet hat sein Lebenswerk frisiert.

Annalena Baerbock (Grüne)Armin Laschet (CDU)
Parteichefin und BundestagsabgeordneteMinisterpräsident und Parteichef
geboren in Hannovergeboren in Aachen
verheiratet, zwei Kinderverheiratet, drei Kinder

Die Affäre wirft ein Licht auf die Inszenierung von Spitzenpolitikern im heraufziehenden Bundestagswahlkampf. Im September wollen Baerbock und Laschet die Nachfolge von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) antreten. In den Umfragen liegen sie dicht beieinander. Und für den Sieg wollten beide Kanzlerkandidaten anscheinend nichts dem Zufall überlassen. Beim Lebenslauf wurde ordentlich geschönt.

Annalena Baerbock: Grüne korrigieren Angaben im Lebenslauf – auch Armin Laschet (CDU) trickst

Als Erste war Baerbock in den Fokus gerückt, nachdem die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ über Ungenauigkeiten im Lebenslauf der 40-Jährigen berichtet hatte. Noch am Donnerstag hatte Baerbock auf ihrer Homepage unter der Überschrift „Mitgliedschaften“ unter anderem die Transatlantik-Stiftung German Marshall Fund (GMF) und das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR aufgeführt – was mitunter nicht hundertprozentig der Wahrheit entsprach. Doch die Grünen reagierten schnell*. Statt „Mitgliedschaften“ heißt die Kategorie nun „Beiräte, (Förder-)Mitgliedschaften, regelmäßige Unterstützung“.

Schönten beide ihren Lebenslauf: Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne) und CDU-Parteichef Armin Laschet. (24hamburg.de-Montage)

Der GMF kümmert sich um die Pflege der transatlantischen Beziehungen zwischen Europa und den USA. Im Rahmen eines Fellowship-Programms war die damals noch unbekannte Baerbock vor zehn Jahren einmal kurz mit der Organisation verbunden, sie ist seit Abschluss des Programms aber kein Mitglied, sondern nur eine Ehemalige. Und auch beim UN-Flüchtlingshilfswerk besitzt sie keine aktive Mitgliedschaft. Den korrigierten Angaben zufolge spendet die Grüne seit 2013 regelmäßig. Zudem ist Baerbock im zuvor ebenfalls aufgelisteten transatlantischen Beirat der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung bereits vor Längerem ausgeschieden.

Nur Kleinkram? Das könnte man so sehen. Allerdings ist etwa der GMF einer enorm prestigeträchtige internationale Organisation, deren Mitgliedschaft in politischen Kreisen mehr als nur eine Zierde ist. Und bei den potenziellen Wählerinnen und Wählern hinterlässt Anflug von Schummelei stets einen unangenehmen Eindruck. Trickst hier jemand für den eigenen politischen Aufstieg?

Während in den sozialen Netzwerken der Shitstorm über Baerbock losbrach, hielt man sich beim politischen Gegner auffällig zurück. Es fand sich kaum einer, der das Thema verbal und medial so richtig ausschlachten wollte – vielleicht auch, weil man selber zu angreifbar ist? Denn wie schnell sich der Wind drehen kann, erlebt jetzt auch Baerbocks Hauptgegner.

Armin Laschet: CDU-Parteichef streicht peinlichen Fehler aus dem Lebenslauf

Seit Montagmittag ist auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet in Erklärungsnot geraten. Auch der CDU-Parteichef schönte seinen Lebenslauf. So sparte er gleich mal lieber einen peinlichen Fehler aus. Wie das Nachrichtenportal von t-online berichtet, musste Laschet seinen langjährigen Lehrauftrag an der Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule in Aachen 2015 niederlegen, weil er kurz zuvor als Lehrbeauftragter die Noten von verloren gegangenen Klausuren allein aus Aufzeichnungen heraus rekonstruiert hatte.

Ein Fehler, mit dem Laschet lieber nicht hausieren gehen wollte. Stattdessen listete er lieber auf, dass er Direktoriumsmitglied der Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen ist. Doch das stimmt nicht mehr. Laut dem Bericht endete diese Aufgabe im Oktober des Jahres 2020.

Annalena Baerbock: Bündnis 90/Die Grünen präsentieren sich gerne als Alternative zu Laschet und der CDU

Baerbock und Laschet – auf beide wirft es kein gutes Licht. Aber im Gegensatz zum Unionspolitiker trifft die Debatte die Grüne zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Anders als Laschet konnte die 40-Jährige am Sonntagabend bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt keinen Erfolg für ihre Partei verkünden*. Und bereits zuvor war sie wegen einer missglückten Benzinpreis- und Tempolimit-Debatte sowie wegen Ungenauigkeiten bei ihren Nebeneinkünften in den Umfragen abgesackt.

Eigentlich will sich Baerbock als die Alternative zu den Etablierten präsentieren. Seit ihrer Nominierung zur Kanzlerkandidatin zeichnet sie dieses Bild von sich. SPD-Vizekanzler Olaf Scholz und Laschet seien der „Status quo“, sagt sie immer. Sie, die Grüne, stehe für einen Neuanfang, lautet ihr Mantra. Während Scholz mit dem Wirecard-Skandal belastet war und Laschet schwer an der Masken-Affäre trug, funktionierte das Grünen-Konzept einwandfrei. Doch nun muss auch Baerbock erkennen, dass einer Kanzlerkandidatin genauer auf die Finger geschaut wird als „nur“ einer Parteichefin. * 24hamburg.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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