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Andy Grote warnt vor „anti-russischer“ Stimmung in Hamburg – doch sie ist längst da

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Von: Kevin Goonewardena

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Immer wieder wird von Anti-slawischen Übergriffen im Zuge des Ukraine-Kriegs berichtet. 24hamburg.de hat mit Russischen Instutionen in Hamburg gesprochen, wie sie die aktuelle Situation erleben.

Hamburg – Seit der russischen Invasion im Nachbarland Ukraine tauchen immer wieder Medienberichte über Anfeindungen von und Angriffen auf Russen oder russischstämmige Mitbürger und Mitbürgerinnen auf. Diese werden von ihrem Gegenüber offenbar für den Krieg in der Ukraine verantwortlich gemacht oder sollen zumindest statt des russischen Präsidenten Wladimir Putin für selbigen büßen. Wir haben uns in Hamburg umgeschaut, welche Erfahrungen Russen und Russland-Nahe in der Hansestadt in den letzten Wochen gemacht haben.

Name:Freie und Hansestadt Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:rund 1,9 Millionen (Stand Dezember 2021)
Erster Bürgermeister:Peter Tschentscher (SPD)

Andy Grote: „Darauf achten, keine anti-russische Stimmung zu erzeugen“

Am Dienstag äußerte sich Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) zu anti-russischen Vorfällen, die sich auch bereits in Hamburg ereignet haben. Er mahnte darauf zu achten, dass keine anti-russische Stimmung entstehe und die russischen Mitbürger und Mitbürgerinnen weiterhin friedlich in Hamburg leben können. In der Landespressekonferenz sagte er: „Wir müssen jetzt alle sehr darauf achten, dass wir – bei allem Verständnis – keine per se anti-russische Stimmung oder keine Stimmung zulasten Tausender Menschen russischer Herkunft bekommen, die friedlich in unserer Stadt leben.“

Grote zufolge würden russische Menschen in der Hansestadt „zum Teil sehr unter dem, was ihr Heimatland oder ihre Regierung gerade in der Ukraine auslöst“ leiden. „Wir wollen, dass sie genau so als unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger in unserer Stadt leben und weiter unter dem Schutz unserer Gemeinschaft stehen“, so der Innensenator gegenüber der Presse weiter.

Russisch-Orthodoxe Gemeinde: Mails seit dem Krieg in der Ukraine seien „eklig, unwürdig und ziemlich mittelalterlich“.

Auf Anfrage von 24hamburg.de äußerte sich die russisch-orthodoxe Kirchengemeinde des Heiligen Johannes von Kronstadt zu ihren Erfahrungen. Die Gemeinde hat ihr Gotteshaus am Tschaikowsky-Platz am Rande des Karolinenviertels in der Nähe der Messehallen. „Wir als Kirche haben noch nichts dergleichen erlebt, sind sehr froh darüber, es bedeutet uns viel“, heißt es in der E-Mail.

Doch die „immer mehr traurigen Berichte über schmerzhafte Erfahrungen mit eigener Nationalität“, gäbe es in der Tat. Man selbst habe zwar keine Erfahrungen gemacht, doch könne man „solche Vorfälle, von denen wir über sichere Quellen erfahren, über Menschen, die wir persönlich kennen“, bestätigen. Ins Detail wolle man zwar nicht gehen, da der Inhalt der Mails „eklig, unwürdig und ziemlich mittelalterlich“ sei, doch habe man aus den Vorfällen bereits Konsequenzen gezogen: „Russisch in der Öffentlichkeit nicht mehr zu sprechen“, teilte die Gemeinde auf 24hamburg.de Anfrage mit.

Hamburger Senat sagt Festwoche zur Feier der Städtepartnerschaft mit St. Petersburg ab

Seit fast 50 Jahren setzen sich die Mitglieder der Deutsch-Russischen Gesellschaft Hamburg für die Völkerverständigung zwischen eben diesen beiden Völkern ein. Die Gründung des Vereins fällt noch in die Zeit des Kalten Kriegs, der mit dem Mauerfall und anschließendem Fall der Sowjetunion endete. 24hamburg.de erreicht Frieder Bachteler, den zweiten Vorsitzenden des Vereins, am Telefon. Einige geplante Veranstaltungen zur Städtepartnerschaft von Hamburg und St. Petersburg, die dieses Jahr 65-jähriges Jubiläum feiert, mussten abgesagt werden. Diese hätten im Rahmen einer Deutschen Woche in St. Petersburg stattgefunden, die der Hamburger Senat stoppte.

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Andere Veranstaltungen habe der Verein von sich aus auf Eis gelegt, da diese in der aktuellen Lage keinen Sinn ergeben würden. Etwa ein gemeinsames russisches Kochen. Aufgrund der veränderten Lage werde man „einige Vortrags- und Diskussionsveranstaltung, die aus den Problemen des Kriegs erwachsen, durchführen, sind da aber noch bei den Planungen“, so Bachteler. Etwa eine Veranstaltung zu dem Thema, wie man in diesen Zeiten als Journalist aus Russland verlässlich und seriös berichten könne.

„Ich kenne die Gespaltenheit in der Sowjetunion“ – Frieder Bachteler

Der Verein russische Gesellschaft Hamburg setzt sich seit Jahrzehnten für ein gegenseitiges Verständnis der beiden Völker und Kulturen ein. Bachteler: „Ich kenne die Gespaltenheit in der Sowjetunion, den Menschen erklären zu müssen, dass in der westlichen Welt nicht nur Ausbeuter und verarmte, versklavte Arbeiter leben. Dieses Bild hatten manche damals. Und hier wiederum muss ich vielen Leuten erklären, dass es in der Sowjetunion oder in Russland viele Bürger gibt, die mit der Politik ihres Landes nicht einverstanden sind und dass es Sinn ergibt, sich gegenseitig auszutauschen.“

Eine aufgebrachte Frau vor dem Zaun gegenüber des Generalkonsulats der Russischen Föderation in Hamburg
Ukraine-Krieg: viele Deutsche mit russischen Wurzeln werden wegen ihrer Herkunft angefeindet. (Symbolbild) © Marcus Brandt/Camila Díaz/dpa

Krieg in der Ukraine: Mehr Menschen gerade jetzt an Völkerverständigung interessiert

Offenbar sind an einem Austausch zwischen Deutschen und Russen gerade im Moment wieder mehr Leute als sonst interessiert. Bachteler berichtet von vermehrten Vereinseintritten von Menschen, die „entgegen dem jetzigen Trend, daran mitwirken wollen, dass Kontakte bestehen bleiben und Verständigung trotz der schwerwiegenden Störungen der Beziehungen möglich ist.“

Putins Krieg in der Ukraine: „Es haben zum Teil Schüler in den Schulen Probleme“

Bachteler und anderen Mitgliedern der Deutsch-Russischen Gesellschaft sind zwar persönlich noch keine Anfeindungen zugetragen worden, doch wisse er „dass es Anfeindungen gibt, Menschen gegenüber, die auf der Straße Russisch sprechen. Es haben zum Teil auch Schüler in den Schulen Probleme.“ Sorge bereiten Bachteler auch die Auswirkungen, die der Krieg auf die Erfolge der Arbeit nicht nur seines Vereins der letzten Jahrzehnte hat. „Nachdem ich seit 50 Jahren die Deutsch-Russischen Beziehungen verfolge, bin ich ziemlich erschüttert darüber, dass die Aktionen von Präsident Putin jetzt unternommen hat, dieses mühsam stabilisierte und normalisierte Verhältnis zwischen Westeuropa und Russland jetzt wieder fast vollständig zunichtemacht.“

Russische Gemeinde: „Wir dürfen glauben, dass wir hier doch angekommen sind“

Vom Tschaikoswky-Platz ist zu hören, dass weder „Kirche, noch das Tschaikowsky- Haus beschmiert oder mit Graffiti besprüht“ wurde. Das sei „viel wert, wir dürfen glauben, dass wir hier doch angekommen sind und unsere Umgebung weiß, wie wir uns positionieren, dass wir für alle offen und da sind.“

Die Mail schließt mit etwas, dass nachdenklich macht „Was uns übrigens auch weh tut, dass man jetzt Tschaikowsky und Strawinski, und andere russische Komponisten aus den Konzertprogrammen in Europa streicht. Dabei wurden Beethoven und Mozart in Leningrad während der Blockade im Radio gespielt, und diese Musik hat den Menschen Mut und Hoffnung gegeben.“

TRANSPARENZHINWEIS: Der vorliegende Artikel wurde am 17.03.2022 um Zitate, um neue Informationen ergänzt, die bei Erstveröffentlichung des Textes noch nicht vorlagen. *24hamburg.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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