Protestnote von Olivia Jones im Wortlaut

„Viele Gastronomen stehen vor den Scherben ihrer Existenz“ – Club- und Bar-Friedhof droht

  • Christian Domke Seidel
    vonChristian Domke Seidel
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Die Ausgangsbeschränkungen im Kampf gegen den Coronavirus haben die Reeperbahn besonders hart getroffen. Seit sieben Wochen ist der Kiez wie ausgestorben. Die prominentesten Wirte haben mit Frontfrau Olivia Jones jetzt eine starke Mahnung aus Licht, Musik und Scherben an die Politik gesendet.

Olivia Jones auf der Großen Freiheit bei ihrer Rettungsaktion für die Kiez-Clubs in der Coronavirus-Krise (Screenshot).
  • Reeperbahn Wirte machen auf Notlage der Bars aufmerksam.
  • Protestnote von Olivia Jones im Wortlaut.
  • Viele Clubs in finanziellen Nöten. Es droht ein Kneipensterben.

Hamburg - Olivia Jones ist die Frontfrau hinter dem Protest auf der Reeperbahn. Sie mahnt die Politiker aus Hamburg und Berlin zu Transparenz und Geschlossenheit, um das Überleben der Clubs und Bars an im Kiez zu sichern. Mittlerweile gibt es auch neue Hoffnung: mit Udo Lindenberg als Stargast eröffnete Schmidts Tivoli wieder. Ein Problem, das auch die Läden in der Hamburger Innenstadt betrifft. Auch wenn das Reeperbahn Festival 2020 stattfindet und so für etwas Licht am Ende des Tunnels sorgt. Im Namen von über 200 Lokalitäten aus St. Pauli richtete sie eine Protestnote an die Verantwortlichen Entscheidungsträger. Hier ist sie im Wortlaut.

Hamburg: Reeperbahn droht zum Club- und Barfriedhof zu werden.

„Wir haben uns hier heute versammelt, um ein Zeichen zu setzen, beziehungsweise einen Hilferuf zu starten. Viele Gastronomen stehen vor den Scherben ihrer Existenz. Deswegen hier symbolisch: unsere zerbrochene Spiegelkugel. Aber vor allen Dingen liegt mir eines am Herzen: Es geht um die Clubs, Bars, Diskotheken und Kneipen dieser Republik. Denn viele stehen vor dem Abgrund. Wir waren die Ersten, die schließen mussten und werden auch die Letzten sein, die wieder öffnen dürfen. Für uns gibt es kein Licht am Ende des Tunnels. Es wird über Gastronomie gesprochen. Aber vor allen Dingen über Hotels und Restaurants. Aber wir Clubs, Bars und Kneipen – über uns wird überhaupt nicht gesprochen. Deswegen diese Aktion.“

„Es gibt Hilfsmaßnahmen die wichtig sind, die wichtig sind in dieser Zeit, die uns aber leider Gottes gar nicht betreffen. Es heißt, in der Gastronomie wird die Mehrwertsteuer gesenkt. Auf sieben Prozent. Das ist wichtig, betrifft uns aber nicht. Denn diese Senkung ist nur für Speisen. Wir bräuchten die sieben Prozent natürlich auch für Getränke und für die Eintritte in unsere Clubs und Bars.“

Wir können, auch wenn wir wollten, die Distanzvorgaben nicht umsetzen.

Olivia Jones

„Ich hoffe mal nicht, dass St. Pauli, einer der bekanntesten Stadtteile der Welt, der so lebensfroh war, irgendwann ein Club- und Barfriedhof ist. Das gilt aber nicht nur für uns. Ich kann mir auch Berlin ohne Clubs und Bars nicht vorstellen. Denn was wären wir ohne unsere Lieblings-Bar, ohne unseren Lieblings-Club. Und Leben bedeutet nicht einfach nur das Gegenteil von Tod. Ein Leben muss lebenswert sein. Und da gehören natürlich die Bars, Clubs und Kneipen dieser Republik dazu. Deswegen müssen wir sie einfach schützen. Und wir brauchen auch Transparenz von der Politik, da über uns im Moment gar nicht gesprochen wird.“

Die Reeperbahn droht zu einem Bar- und Clubfriedhof zu werden, wenn die Politik die Wirte in Hamburg nicht unterstützt. (Screenshot)

„Und wir können, auch wenn wir wollten, die Distanzvorgaben nicht umsetzen. Es gibt keinen Club auf dieser Welt oder keine Bar, wo man eineinhalb Meter oder zwei Meter Abstand voneinander halten muss. Denn bei uns geht es um Lebensfreude, darum, sich zu amüsieren und zu tanzen. Und das darf einfach nicht sterben.“

„Wir brauchen finanzielle Unterstützung von der Politik, die uns durch die gesamte Krise begleiten. Nicht nur einfach eine kurze Soforthilfe, die nur ein Tropfen auf den heißen Stein war. Wir müssen vor allen Dingen auch an die kleinen Clubs und Bars denken, die auch durch das Raster fallen. Die auch diese KfW-Kredite gar nicht an in Anspruch nehmen können.“

„Wir müssen ganz einfach gucken, dass wir dieses St. Pauli erhalten, indem wir natürlich die Bars, Clubs und Kneipen am Leben erhalten. Deswegen stehen wir hier im stillen Gedenken an die Bars, Clubs und Kneipen dieser Republik und natürlich auch hier bei uns im Herzen von St. Pauli.“

Wir stehen hier stellvertretend für 200 Clubs und Bars.

Olivia Jones

„Und deswegen wird es jetzt gleich eine Schweigeminute geben. Aber auch noch ein Gebet. Ich bin ganz stolz, dass unsere beiden Kiez-Pastoren hier sind und uns in dieser schweren Stunde unterstützen. Denn eines merkt man im Moment: Die Solidarität ist das Positive. Auch hier und heute. Ich bedanke mich bei allen die heute gekommen sind, die solidarisch sind. Wir stehen hier stellvertretend für 200 Clubs und Bars. Und wir hoffen, dass es uns noch ganz, ganz lange gibt und das bald wieder bei uns gefeiert wird.“

Was der Kiez jetzt braucht um zu überleben - „Sonst macht hier jeder zweite Club zu“

Update vom 7. Mai, 23:30 - Oliver Borth fand deutliche Worte: „Wir werden hängen gelassen. Wir erwarten klare Kante von der Politik. Wir brauchen Zuschüsse. Der Schaden geht in die hunderttausende. Das ist kein Dispo. Sonst ist Mitte Juni Feierabend. Wir müssen wissen, wie es weitergeht, sonst macht hier jeder zweite Club zu. St. Pauli ist ein großer Steuerzahler, die Reeperbahn ist systemrelevant.“ Er sprach für eine Clubgemeinschaft von acht Läden auf dem Hans Albers Platz und den Initiatoren des Protestes, allen voran Olivia Jones, aus der Seele. Die Kiez-Größe hatte zusammen mit den größten Wirten eine Protestaktion auf der Reeperbahn veranstaltet. Auf dem Beatles-Platz – dort, wo sonst Partygänger in die Große Freiheit einbiegen.

Ein Protest für über 200 Clubs aus dem Kiez

Kurz war es an der Großen Freiheit wie immer. Nebelmaschinen, Lichter, Musik. Nach einer Minute war das Spektakel aber vorbei. (Screenshot)

Zwar durften nur 25 Wirte teilnehmen, um nicht gegen die Kontaktbeschränkungen während der Coronapandemie zu verstoßen, doch diese Personen repräsentierten über 200 Clubs, Kneipen und Discotheken, die rund um die Reeperbahn angesiedelt sind.

Moderiert wurde die Aktion von Yared Dibaba, der dem Kiez aktuell mit dem Online-Kulturmagazin Kulturona eine Stimme gibt. In diesem Fall Olivia Jones, die auf die Wichtigkeit der Szene hinweist: „Für die Hansestadt Hamburg sind diese Bars ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die meisten Touristen kommen ja nicht, weil die Mönckebergstraße so schön ist, die kommen wegen der Reeperbahn und St. Pauli.

So schnell wächst der Schuldenberg

Doch durch die aktuellen Kontaktbeschränkungen haben die Clubs vor allem finanzielle Probleme. Axel Strehlitz versucht vorsichtig das Ausmaß klar zu machen. Er ist Betreiber des Clubhaus St. Pauli. Ein Kulturbiotop mit mehreren Läden – vom Museum über den Escape Room bis zum Theater ist alles dabei. Die monatlichen Kosten seien fünfstellig, die Einnahmeausfälle sechsstellig. Am Ende der Krise bleibe ein sechsstelliger Schuldenberg. „Jetzt kann jeder selber rechnen.“ Im Clubhaus ist er selbst Mieter und kennt deswegen das Problem. Er ist als Mitinitiator aber auch Vermieter und muss die Bankkredite bediene, die er für den Bau gebraucht hat. Eine unlösbare Situation.

Das Clubhaus St. Pauli hat mit enormen finanziellen Problemen zu kämpfen. Axel Strehlitz versucht das Problem zu erklären. (Screenshot)

Nicht viel besser sieht es im Elbschlosskeller aus. Für Betreiber Daniel Schmid sei das Worst-Case-Szenario, das er erst wieder im Januar seine Clubs und Bars aufmachen darf: „Dann müssen wir zwei Läden dicht machen. Der Elbschlosskeller bleibt.“

Aktuell nutzt Daniel Schmid den Elbschlosskeller um dort Obdachlose zu versorgen. Beispielsweise mit Essen oder medizinischer Erstversorgung. Doch er sieht, dass in letzter Zeit nicht nur Obdachlose zu ihm kommen. Auch Prostituierte, die jetzt nicht mehr arbeiten und Geld verdienen können oder Menschen, die vor der Krise schon am Existenzminimum gelebt haben, bitten ihn jetzt um Hilfe. Und bekommen sie im Elbschlosskeller.

Inge Malewitsch, die Wirtin vom Gretel & Alfons, verdeutlicht, dass die Schwierigkeiten über die Wirte hinausgehen: „Die Betreiber haben böse Probleme. Aber die Angestellten haben noch viel größere. Das Gehalt in der Gastro war vorher schon nicht so toll, jetzt kriegen sie davon 60 Prozent und haben nicht mal Trinkgeld.

Yared Dibaba (links) im Gespräch mit Inge Malewitsch und Daniel Schmid. (Screenshot)

Klare Forderungen an die Politik:

  • Sieben Prozent Mehrwertsteuer auch für Getränke und Eintritte.
  • KfW-Kredite müssen auch für die ganz kleinen Läden verfügbar sein.
  • Lockerungen der Coronamaßnahmen in der Außengastronomie.

Olivia Jones: „Das wichtigste ist finanzielle Hilfe. Denn wir waren die ersten, die zumachen mussten und werden die letzten sein, die aufmachen dürfen.“ Doch der Kiez ist eine Gemeinschaft. Hier helfen sich die Leute. Für erste Linderung in der größten Not rücken die Leute zusammen. So verkauft Otto Waalkes signierte Bilder für den guten Zweck. Und wer die Reeperbahn unterstützen möchte – jeder Euro zählt – der tut dies am besten über das Club-Kombinat.

Oliver Borth verlangt von der Politik eine klare Ansage und finanzielle Hilfe. (Screenshot)

Olivia Jones Reeperbahn-Protest im Livestream

Update vom 7. Mai, 20:45 Uhr: Endlich wieder die Lichter leuchten sehen und die Bässe wummern hören auf der Reeperbahn. Zumindest virtuell und auch nur kurz. Aber genau darum geht es bei diesem Protest. Mit Olivia Jones als Frontfrau demonstrieren gerade die Kiez-Größen stellvertretend für über 200 Clubs und Bars an der Großen Freiheit, um auf ihren Notstand aufmerksam zu machen. Weil wegen der strengen Auflagen im Kampf gegen das  Coronavirus-Sars-Cov-2 nur 25 Teilnehmer erlaubt sind, kann kaum ein Fan zur Großen Freiheit kommen, deswegen kommt die Große Freiheit zu ihnen. Per Livestream.

Im Livestream können Sie heute den Protest der Kiez-Grö��en von der Großen Freiheit verfolgen

Update vom 7. Mai, 10:15 Uhr: Auf der Reeperbahn gehen heute Nacht wieder die Lichter an und mit 24hamburg.de können Sie live dabei sein. Um 21.30 Uhr beleben Kiez-Größen um Olivia Jones die Große Freiheit wieder. Lichter, Leuchtreklamen und Musik werden Deutschlands bekanntester Partymeile wieder etwas Leben einhauchen. 

Allerdings nur kurz. Denn die Aktion ist als Protest gedacht, um auf die existenziellen Sorgen der Clubs und Bars an der Reeperbahn und der Großen Freiheit aufmerksam zu machen. So soll eine Discokugel zerschmettert, ein Trauerkranz niedergelegt und eine Schweigeminute abgehalten werden. Auch Otto Waalkes unterstützt die Kiez-Clubs.

Wir werden an dieser Stelle den Livestream von der Veranstaltung zeigen. Dabei sein, Solidarität zeigen.

Aus Protest gegen den Lockdown: Große Freiheit macht die Lichter an

Erstmeldung vom 06. Mai, 17:32 Uhr: HamburgHamburg/St. Pauli – Feuchtfröhliche Nächte, Partystimmung, tobende Dancefloors und ein Fischbrötchen zum Sonnenaufgang. Noch vor sieben Wochen war das ein normaler Abend auf der Reeperbahn. Doch dann kamen die Ausgangsbeschränkungen im Rahmen der Coronavirus-Maßnahmen. Seitdem wirkt der Kiez wie ausgestorben. Das ist er natürlich nicht. Denn hinter den dunklen Leuchtreklamen und den stummen Boxen stecken die Schicksale der Angestellten und Betreiber, die um ihre Existenz bangen. Darauf will ein gemeinsamer Protest der betroffene Wirte am Donnerstag, 7. Mai, hinweisen, den Olivia Jones vorantreibt. 

Die Reeperbahn wirkt in Coronazeiten wie ausgestorben. Deswegen fürchten die Kiez-Größen von der Großen Freiheit um ihre Läden.

Reeperbahn Protest: So können Sie dabei sein

Keine Reportage über Hamburg kommt ohne den Blick aus, der sich Nachteulen in St. Pauli bietet, die von der Reeperbahn in die Große Freiheit abbiegen - bunte Lichter und ein Durcheinander an Musik und Mensch, die ebenfalls illuminiert sind. Die Wirte, die dort ihre Clubs und Bars haben, werden am Donnerstagabend auf ihren Notstand aufmerksam machen. Um 21.30 Uhr schalten sie alle Lichter und Leuchtreklamen ein und spielen Musik. Schnell wird es damit wieder vorbei sein, denn dann zerschmettern sie eine Discokugel auf dem Boden. Darauf folgt eine Schweigeminute, in der unter der Leitung von Pfarrer Karl Schultz ein Trauerkranz niedergelegt wird.

Hinter diesem Protest aus Licht, Musik und Scherben stecken die Betreiber der 50 größten Lokale auf dem Kiez. Weil während der Coronapandemie aber eine maximale Teilnehmeranzahl von 25 Personen erlaubt ist, werden nicht alle dabei sein können. Oder zumindest nur digital. Denn die beteiligten Clubs und Bars aus St. Pauli übertragen die Veranstaltung als Livestream über ihre Socal Media Kanäle. Eine virtuelle Reeperbahn, wenn man so will. Mit dabei sind unter anderem: 

  • Olivia Jones
  • Susis Show Bar (Susi Ritsch)
  • Dollhouse
  • Großen Freiheit 36
  • Alte Liebe, Wunderbar, Klubhaus (alle: Axel Strehlitz)
  • Elbschlosskeller, Meuterei (beide: Daniel Schmid)
  • Silbersack (Dominik Großefeld)
  • Hans Albers Eck, La Paloma, Molly Malone (alle: Oliver Borth)

Wichtig ist, dass es den Kiez-Größen von der Reeperbahn bei dem Protest nicht um eine Verurteilung der Maßnahmen gegen das Coronavirus geht. Sie wollen damit in erster Linie auf ihren Notstand aufmerksam machen. Der deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) befürchtet, dass bis zu einem Drittel der Clubs, Bars und Restaurant die Coronakrise nicht überstehen werden. Ein Schreckensszenario für die Große Freiheit.

Zurück auf den Kiez! Stimmen Sie ab

Und so betont Olivia Jones in einer Pressemeldung: „Wir möchten mit unserer Aktion nicht anklagen, sondern ein starkes Bild senden: Leben ist nicht nur das Gegenteil von Tod. Zum Leben gehört mehr, als nur am Leben zu sein. Es geht auch darum, ein lebenswertes Leben zu haben, um Existenzen, die sich Menschen aufgebaut haben, deren Lebenswerke jetzt bedroht sind.“

Mit der Aktion auf der Großen Freiheit soll natürlich auch Druck auf die Politik ausgeübt werden. Denn natürlich wird längst über Hilfen für die Etablissements an der Reeperbahn verhandelt. Hilfsprogramme, Lockerungsmaßnahmen und eine Reduzierung der Mehrwertsteuer für Getränke und Eintritte auf sieben Prozent stehen zur Diskussion. Blöd nur: Um von der Steuerermäßigung etwas zu haben, müssten die Clubs auf St. Pauli wieder Umsatz machen.

Reeperbahn und Große Freiheit: Hilfen für den Kiez

Wann es endlich soweit ist? Das ist im Moment noch nicht abzusehen. Immerhin war Peter Tschentscher, Hamburgs erster Bürgermeister, vergangenen Samstag bei „Kulturona“ zu Gast - ein Onlinekulturmagazin von Yared Dibaba. Dort unterhielt er sich mit Olivia Jones und hörte sich die Sorgen und Nöte der Reeperbahn-Wirte an. Er versprach, sich für die lebendige Szene auf dem Kiez stark zu machen. Ein klares Datum für die Wiedereröffnung und konkrete Zusagen konnte er natürlich noch nicht nennen. Die sollen folgen, wenn er sich mit dem Ministerrat abgesprochen hat.  Zuletzt hatte bereits der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club auf Missstände bei den Coronavius-Maßnahmen hingewiesen, berichtet 24hamburg.de.

Rubriklistenbild: © kulturona

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