Gewalt, Diskriminierung und Protest

Rassismus in Hamburg, Deutschland und weltweit – Zahlen, Definition, Sprache, Black Lives Matter

  • Enno Eidens
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Der Tod des US-Amerikaners hat die Welt aufgerüttelt. Rassismus ist nicht nur Gewalt und Beleidigungen, Rassismus ist strukturelle Unterdrückung von Menschen mit anderer Herkunft, Hautfarbe oder Kultur. Das Problem gibt es auch in Hamburg und Deutschland.

  • Rassismus ist Struktur und Gewalt: Sprache, Theorie und Praxis.
  • Die Aktivisten von „Black Lives Matter“ – weltweite Bewegung kämpft für Bürgerrechte.
  • Wie gegen Rassimus vorgehen?

Hamburg – Das Selbstverständnis ist klar: Hamburg ist eine weltoffene Stadt. Die Bevölkerung und ihre Besucher sind bunt gemischt, viele Kulturen und Nationalitäten leben friedlich gemeinsam an Alster und Elbe. Doch auch hier gibt es Rassismus, Hassverbrechen und Diskriminierung. Rassismus ist nicht nur der Hass auf oder Gewalt gegen Menschen mit anderer Herkunft oder Hautfarbe. Rassismus ist eine Struktur, die unterdrückt, ungleich macht und Chancen nimmt.

Rassismus in Hamburg und Deutschland – strukturelle Gewalt, Sprache und brutale Übergriffe

Nachdem der US-Amerikaner Georg Floyd brutal von Polizisten in Minneapolis umgebracht wurde, regen sich auf der ganzen Welt Protestbewegungen. Unter dem Slogan „Black Lives Matter“ protestieren Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt. Dabei geht es in 2020 vor allem um Rassismus gegen schwarze Menschen – George Floyd war ein schwarzer Amerikaner. Aber auch andere von Rassismus Betroffene werden mitgedacht.

Neu ist dabei, wie breit die Öffentlichkeit der Debatte ist. Rassismus, Antirassismus und Diskriminierung waren schon lange Thema in der deutschen Debatte. Nun aber findet die Antirassismus-Bewegung, auch bestärkt durch Social Media, eine besondere klare Sprache. Die verschiedenen Dimensionen von Rassismus werden angesprochen und neue wissenschaftliche Konzepte erklärt. Dabei wird vor allem klar: Rassismus ist nicht „nur“ Gewalt oder Ausgrenzung, Rassismus sitzt tief und hat Struktur. Das Ziel ist klar: Es reicht nicht nur, kein Rassist zu sein. Ein jeder muss gegen Rassismus sein.

Auch gibt es viel Bewegung im Bereich der Sprache. Die Frage, wie rassistisch Sprache sein kann, wird diskutiert. Von Rassismus betroffene Menschen, Politiker, Medienmacher und viele andere suchen nach einer Sprache, mit der sich über Rassismus sprechen lässt, ohne dabei rassistisch zu sein und Rassismus zu reproduzieren.

Eine „Black Lives Matter“-Demo in Berlin.

Das ist Rassismus – komplexe Definition eines gesellschaftlichen Problems

Wenn hier Rassismus definiert werden soll, ist damit vor allem eine „moderne“ Bedeutung gemeint. Es wird hier nicht um die Rassengesetze im Dritten Reich (und davor) oder die brutale Versklavung des afrikanischen Kontinents gehen. Doch diese haben selbstverständlich den Grundstein für viele der heutigen rassistischen Systeme und Denkmuster gelegt. Doch der „moderne Rassismus“ ist differenzierter und existiert häufig auch dort, wo er nicht erwartet wird.

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) bezeichnet Rassismus als „ein Diskriminierungsmuster und Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse.“ Auch im demokratischen Deutschland, dessen Grundgesetz Diskriminierung eigentlich verbietet, ist dies ein Problem. Einigen Gruppen, Kulturen, Religionen und Herkunftsregionen werden bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Damit wird die Realität gefiltert und der Blick auf Menschen pauschal verändert. Manchmal nur leicht, manchmal vermeintlich positiv, doch immer pauschalisierend und häufig verletzend oder diskriminierend. Das findet in vielen Situationen statt. Die Amadeu-Antonio-Stiftung nennt folgende alltägliche Beispiel:

  • Wenn in „Talkshows, Nachrichten oder in der Zeitung“ über „Menschengruppen herablassend gesprochen und geschrieben wird.“
  • Wenn bei der „Wohnungs- und Ausbildungsplatzsuche“, „Menschen mit deutsch klingendem Namen viel wahrscheinlicher einen Platz bekommen als andere“.
  • Racial profiling” – die Polizei kontrolliert vermehrt nicht-weiße Menschen.
  • "In Kinderbüchern, auf dem Schulhof oder in rassistischen Memes auf Facebook und Instagram.“

Das sind nur einige Beispiele. Dazu kommt noch die mangelhafte gesellschaftliche Repräsentation von Menschen mit internationaler Geschichte. In fast allen Gremien und Führungspositionen, ob Wirtschaft oder Politik – sind sie unterbesetzt. Dagegen gibt es deutschlandweit und in Hamburg Proteste.

Die Amadeu-Antonio-Stiftung

Die Amadeu-Antonio-Stiftung will die Zivilgesellschaft in Deutschland gegen Antisemitismus (auch in Form von Antizionismus), Rassismus und Rechtsextremismus stärken. Benannt ist sie nach Amadeu Antonio. Der gebürtige Angolaner wurde in Eberswalde von Nazis brutal zusammengeschlagen und starb kurz darauf am 6. Dezember 1990 an den Folgen seiner Verletzungen.

Rassismus: Black Lives Matter kämpft in den USA und auf der ganzen Welt gegen Rassismus

Schon bevor der brutale Tod von George Floyd weltweite Aufmerksamkeit für „Black Lives Matter“ (BLM) erzeugen konnte, kämpfte die Bewegung gegen Gewalt gegen Schwarze und „People of Color“ in den USA. Die Bewegung startete im Jahr 2013, nach dem Freispruch von George Zimmermann, der für den Tod des afroamerikanischen Teenagers Trayvon Martin vor Gericht stand.

Unter dem Hashtag #blacklivesmatter werden seitdem Proteste auf den Straßen, aber auch Social-Media-Kampagnen und andere politischen Veranstaltungen abgehalten. BLM gilt als die am besten organisierte und sichtbarste Bürgerrechtsgruppe und steht deshalb häufig symbolisch für die weltweiten Proteste gegen Rassismus. Gegründet würde BLM von Alicia Garza, Patrisse Cullors und Opal Tometi.

An der Bewegung gibt es Kritik. Viele US-Amerikaner kontern die namensgebende Phrase beispielsweise mit „All Lives Matter“ (Alle Leben zählen) oder „Blue Lives Matter“ (Blaue Leben zählen, gemeint sind Polizisten). Viele Aktivisten von „Black Lives Matter“ reagieren darauf, in dem sie die besondere Bedrohung, der Opfer von Rassismus ausgesetzt sind, betonen. Zudem schließe „Black Lives Matter“ nicht aus, dass auch alle anderen Leben wichtig sind. Es soll schlicht auf die spezielle Bedrohung „schwarzer Leben“ aufmerksam gemacht werden.

Rassismus: An sich selbst arbeiten, Betroffenen zuhören, Informationen suchen

Rassismus kann nicht nur dadurch bekämpft werden, dass jemand sich selbst nicht rassistisch verhält. Es ist hilfreich, rassistische Muster zu erkennen und aktiv zu bekämpfen, sowie von Rassismus betroffene Menschen zu unterstützen und ihnen zuzuhören. Das kann in persönlichen Gesprächen, aber auch mit Lektüre passieren. Eine gute Hilfe für mehr eigenes Rassismus-Bewusstsein ist das Buch: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen: aber wissen sollten“ von der Kölner Autorin Alice Hasters. Die Amadeu-Antonio Stiftung empfiehlt unter anderem folgende Schritte, um etwas gegen Rassismus zu tun:

  • Rassismus erkennen: Reflektieren, eigene Vorurteile und Wahrnehmung überprüfen, die eigene Sprache überdenken, den Umgang mit Herkunft und kulturellen Merkmalen anders gestalten.
  • Position ergreifen: sich klar gegen das Konzept „Rasse“ aussprechen. Die Abwertung anderer Gruppen wegen Herkunft, Hautfarbe und Kultur ablehnen.
  • Rassismus ist Rassismus: mit ‚Ausländerfeindlichkeit‘ und „Fremdenfeindlichkeit“ wird das Problem häufig runtergspielt.
  • Vorurteilen und Klischees widersprechen: In Gesprächen mit anderen muss klar sein, dass rassistische Klischees und Ausgrenzungen nicht in Ordnung sind.
  • Zuhören: Wenn von Rassismus betroffene über ihre Erfahrungen sprechen wollen, kann man zuhören und lernen.
  • Reflexion der eigenen Situation: Welche Vorteile habe ich dadurch, nicht von Rassismus betroffen zu sein?
  • Sprache der Rassisten verstehen: Rechte und rassistische Politiker benutzen oft spezielle Begriffe und Argumentationen, um von ihrem Rassismus abzulenken. Dazu gehören Begriffe wie „Ethnopluralismus“, „Rasse“ aber auch „Kultur“ und „Volk“ die missbräuchlich eingesetzt werden.

Rassismus in Hamburg: Zahlen, Vorfälle und Berichte

In Hamburg leben ca. 1,8 Millionen Menschen, davon haben rund 300.000 Menschen keinen deutschen Pass, sie werden als Ausländer gezählt. (Stand: August 2019). Insgesamt leben rund 650.000 Menschen mit Migrationshintergrund in der Hafenstadt. Trotz des weltoffenen Selbstverständnisses der Hansestadt gibt es auch hier Probleme, strukturellen Rassismus und rassistische Gewalt. Struktureller Rassismus kann bedeuten, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Führungsgremien unterrepräsentiert sind. Dafür wurde zum Beispiel auch der neue Senat von Peter Tschentscher kritisiert.

Die Frage nach Zahlen zur rassistischen Gewalt ist schwierig zu beantworten. Öffentliche Statistiken zu Rassismus erhebt die Hamburger Polizei nicht, denn Hasskriminalität läuft in Deutschland unter „Politisch motivierter Kriminalität“ (PMK) und wird vom Bundeskriminalamt gezählt. Die Bürgerschafts-Abgeordneten Christiane Schneider (Linke) fragt im Hamburger Senat regelmäßig nach den aktuellen PMK-Zahlen für Hamburg. Hier die Zahlen von 2019, bei denen Rechte Gewalt weit vor linker, ausländischer oder religiös motivierter Gewalt liegt.

2. Quartal51 rechte Straftaten
3. Quartal17 rechte Straftaten
4. Quartal23 rechte Straftaten

Die „empower - Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt“ hat zuletzt im Jahre 2018 eine qualitative Erhebung zu rechten, rassistischen und antisemitischen Gewalttaten veröffentlicht. Sie sieht einen Anstieg von Gewalt in diesem Bereich und kritisiert, dass im Hamburger Parlament nur Zahlen und Statistiken erhoben werden sollen und die inhaltliche Auseinandersetzung dabei zu kurz kommt.

Die Folgen für betroffene Eltern, die regelmäßig in Kontakt mit der Schule Antisemitismuserfahrungen machen oder betroffene Jugendliche, die fast tagtäglich im Wohnhaus von der Nachbarin rassistisch bedroht werden, sind nicht durch eine Zahl zu erfassen.

empower-Beratungsstelle

Rassismus und Sprache: Begrifflichkeiten im Wandel – Deutungsmacht durch Worte

Über Rassismus in der Sprache gibt es viele Debatten. Das fängt an beim „Was darf man denn heute überhaupt noch sagen?“ – also der Frage nach einer respektvollen Sprache, häufig auch „politisch korrekt“ genannt und endet bei wissenschaftlichen Debatten über das ausgrenzende Potenzial von Sprache. Das beschäftigt auch den Journalismus: Die neuen deutschen Medienmacher*innen bietet mit ihrem Glossar eine ausführliche Liste mit Erklärungen und Vorschlägen, wie Sprache weniger rassistisch sein kann. Die Informationen sind für den Alltag ebenso geeignet, weil sie interessante Einblicke in die Herkunft und Bedeutung rassistischer Begriffe liefern und viele Fragen zum Sprachgebrauch beantworten.

Im Alltag geht es dann um das respektvolle Gespräch miteinander, aber auch um Bezeichnungen von Lebensmitteln, die auf rassistischen Bezeichnungen basieren. Rassistische Begriffe in Kinder- und Schulbüchern sind ebenso Gegenstand großer Debatte: Sollen diese entfernt oder beibehalten, aber kritisch diskutiert werden? Viele begrüßen den aktuellen Trend, mit mehr Vorsicht und Respekt über Bezeichnungen für Menschen mit diversen kulturellen Hintergründen nachzudenken, für andere stellt dies eine oft zu anstrengende und komplizierte Aufgabe dar. Auch innerhalb der anti-rassistischen Szene und der Wissenschaft wird viel über Begriffe und die Bedeutung von Sprach diskutiert. * 24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Fabian Sommer/dpa/picture alliance

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