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Mädchen im Stadtpark vergewaltigt: Was wir über die Angeklagten wissen

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Von: Elias Bartl

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Elf Männer sitzen mit ihren Anwälten im Gerichtssaal in Hamburg
Die Elf Angeklagten verdecken ihre Gesichter vor der Öffentlichkeit. © Markus Scholz/DPA

20 Monate nach der Vergewaltigung eines 15-jährigen Mädchens im Hamburger Stadtpark begann am Dienstagmorgen der Prozess. Wer sind die Männer, die auf der Anklagebank sitzen?

Hamburg – Es war eine so grausame Tat, dass der Fall weit über die Hamburger Landesgrenzen für Entsetzten sorgte. Im Fall der Vergewaltigung eines 15-jährigen Mädchens im Sommer 2020 im Hamburger Stadtpark, müssen sich seit Dienstag, 10. Mai 2022 elf junge Männer zwischen 18 bis 22 Jahren vor der Jugendkammer des Strafgerichtes verantworten.

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Vergewaltigung im Stadtpark: Gerichtsverhandlung startet in Hamburg

Rückblick: Die Tat geschah in einer lauen Sommernacht im Sommer 2020. Hunderte junge Leute verbrachten den Abend im Hamburger Stadtpark, feierten teils ausgelassen und tranken Alkohol. Am Rande dieser Szenerie kam es an diesem Abend zu einer so schrecklichen Tat, die selbst für die Ermittler nur schwer zu ertragen ist. Elf junge Männer sollen ein erst 15-jähriges Mädchen im Gebüsch des Stadtparks vergewaltigt haben. Die 15-Jährige soll ein unvorstellbares Martyrium erlebt haben, hieß es in Polizeiberichten.

09:30 Uhr am Dienstagmorgen, 10. Mai 2022: Beginn des Mammutprozesses in Raum 300 des Strafjustizgebäudes des Landgerichtes Hamburg. Nach und nach treffen die elf Angeklagten in Begleitung ihrer zugewiesenen Pflichtverteidiger ein. Fast jeder von ihnen trägt Kleidungsstücke von bekannten Marken wie Calvin Klein, Ralph Lauren, oder Prada. Ihre teils durch Sonnenbrillen verdeckten Gesichter verstecken die jungen Männer zusätzlich hinter Ordnern aus Papier, um sich vor den Kameras der anwesenden Journalisten und den Blicken der Zuschauer zu schützen. Pünktlich betritt Richterin Meier-Göring den Saal. Alle erheben sich und lauschen den ersten Worten der Richterin. Fast salopp und scherzhaft begrüßt die Richterin die Anwesenden im Saal.

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Nach Vergewaltigung im Stadtpark: Richterin schließt die Öffentlichkeit vom Prozess aus

Gleich zu Beginn, beantragen zehn der zehn Anwälte der Angeklagten, so wie die Vertreterin der Nebenklage den Ausschluss der Öffentlichkeit aus dem Verfahren. Nur acht Minuten nach Beginn des Prozesses müssen die interessierten Medienvertreter den Saal auch schon wieder verlassen. Nach rund einer Stunde ist die Richterin zu einem Entschluss gekommen. Dem Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit wird stattgegeben. Grund für die Entscheidung sei, so erklärt es die vorsitzende Richterin, sowohl der Schutz des Opfers, als auch der Angeklagten, die zum Tatzeitpunkt teilweise noch minderjährig waren. Lediglich einer der Beschuldigten ist gegen einen Ausschluss der Öffentlichkeit. Arvin N. erklärt, dass die Bürger ein „wahres Bild“ der Tatnacht bekommen sollten.

Zehn der Beschuldigten wird vorgeworfen, in der Nacht über das erst 15-jährige Mädchen hergefallen zu sein. Sie sind wegen Vergewaltigung angeklagt, bei vier Angeklagten mit dem zusätzlichen Vorwurf der Gewaltanwendung. Einer der zehn Angeklagten soll die Tat zusätzlich gefilmt haben und das wehrlose Opfer anschließend ausgeraubt haben. Ein elfter Angeklagter soll nicht aktiv an der Tat beteiligt gewesen sein. Ihm wird Beihilfe zur Vergewaltigung und die Herstellung jugendpornografischer Inhalte und Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen vorgeworfen.

Schon vor Prozessbeginn: Hetzjagd im Internet auf die Angeklagten

Schon vor Prozessbeginn kam es zu einer regelrechten Hetzjagd auf die Beschuldigten im Internet. Neben Lynchaufrufen wurden Bilder, Adressen und Namen der beschuldigten veröffentlicht. Auch weil es erneut Drohungen gegen die Angeklagten gab, rückte die Polizei an, um gegebenenfalls Übergriffe vor dem Gerichtsgebäude zu verhindern. Im Zusammenhang mit dem öffentlichen Aufruf zur Selbstjustiz wurden mittlerweile 144 Strafverfahren eingeleitet.

Elf junge Männer sollen beteiligt gewesen sein: Wer sind die Angeklagten aus dem Stadtpark?

Sechs der jungen Männer sind in Hamburg geboren. Die fünf weiteren kommen aus Ägypten, dem Libanon, Polen, Kuwait und dem Irak. Die meisten von ihnen verbrachten schon ihre Kindheit in Hamburg, gingen hier zur Schule und kamen aus gutem Elternhaus. Zwei der Hauptbeschuldigten (21) sind Brüder. Nachdem sie bis zur sechsten Klasse das katholische Gymnasium Sophie Barrat besucht hatten, wechselten sie bis zu ihrem Schulabschluss auf das ebenfalls katholische Nils-Stensen-Gymnasium in Harburg. Dort beteiligten sich die Jungen rege am Schulleben, beworben sich auf Ämter und spielten in der Theater-AG. 2018 führten sie sogar ein Stück im Thalia Theater und im kleinen Michel auf. Nach der Schule begann einer der Zwillinge eine Ausbildung in der Lebenshilfe Hamburg. Die Einrichtung unterstützt Menschen mit Behinderung in ihrem Alltag.

Neben den Zwillingen sitzt auch ein weiterer Hamburger auf der Anklagebank. Der 21-Jährige wuchs im Hamburger Stadtteil Winterhude in guten Verhältnissen auf. Nachdem er nach der sechsten Klasse das Elitegymnasium Johanneum verlassen musste, wechselte er auf die Stadtteilschule Winterhude. Schon während der Schulzeit fiel er mehrfach negativ auf. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen mit Mitschülern. Was folgte, waren mehrere Klassenkonferenzen, Gespräche mit Sozialpädagogen und ein Schulverweis. Nachdem der junge die Schule nach der zehnten Klassen verlassen hatte, arbeitete er in einem Baumarkt.

Am Rande einer solchen Partynacht im Stadtpark kam es zu dem Übergriff.
Am Rande einer solchen Partynacht im Stadtpark kam es zu dem Übergriff. © Jonas Walzberg

Weiterhin unklar ist, welche Beziehung die Angeklagten untereinander hatten und ob sie sich vor der Tat kannten. Die meisten der Beschuldigten leben in unterschiedlichen Stadtteilen. Einige von ihnen befinden sich noch in der Ausbildung, während andere schon arbeiten, oder noch zur Schule gehen. Einige von ihnen waren schon vor der Tat polizeibekannt, jedoch nicht alle. 41 Verhandlungstage hat die Jugendkammer des Gerichts bis zum 20. Dezember 2022 angesetzt. Jeder der Angeklagten hat zwei Pflichtverteidiger zur Verteidigung gestellt bekommen, um sicherzustellen, dass der Prozess im Falle von Ausfällen ohne Unterbrechung fortgesetzt werden kann.

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Vergewaltigung in Hamburg: Elf Angeklagte müssen sich im „Stadtparkprozess“ vor Gericht verantworten

Die Staatsanwaltschaft hält die Angeklagten für die Peiniger des Mädchens. Die Anklage stützt sich auf rund 40 Zeugenaussagen und neun gefundenen DNA Spuren. Tausende Seiten an Ermittlungsarbeit wurden seither geleistet, doch eindeutige Beweise gibt es keine

Die Hauptaufgabe des Gerichts besteht nun darin aufzuklären, was genau an jenem Abend geschah und herauszufinden, welchen Teil welcher Angeklagte zu dieser schrecklichen Tat beigetragen hat. Laut einem Bericht des Hamburger Abendblatts wirft die Staatsanwaltschaft keinem der Angeklagten vor, das Mädchen plötzlich vergewaltigt zu haben, sie hätten mutmaßlich nicht einmal „gegen den erkennbaren Willen“ des Mädchens gehandelt. Die Anklage beruft sich auf den seit 2016 geltenden Grundsatz „Nur Ja heißt Ja“. Doch zu einer solchen Zustimmung soll die 15-Jährige wohl aufgrund ihres Alkoholkonsums nicht mehr in der Lage gewesen sein. Diesen Zustand sollen die Beschuldigten bewusst ausgenutzt haben.

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