Rassistische Motive?

Polizei reißt Altenpfleger nieder, weil sie ihn für Drogendealer hielten

Ein Altenpfleger mit ghanaischen Wurzeln wurde von der Polizei vom Rad gerissen. Er vermutet dahinter Rassismus. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders.

Hamburg – Von Polizeigewalt gegenüber Dunkelhäutigen hört man besonders aus den USA und die herzzerreißenden Fälle um George Floyd oder Breonna Taylor brachten vergangenes Jahr die Black Lives Matter-Bewegung auf einen Höhepunkt der Demonstration. Auch in Deutschland ist das Thema ein Problem, über das nicht hinweggeschaut werden kann und das bereits Menschen wie Qosay K. das Leben kostete.

Polizeigewaltkörperliche oder psychische Gewalt beim Polizeieinsatz
Menschen von Polizei erschossen (Deutschland 2019)14
Menschen von Polizei erschossen (USA 2019)999
gemeldete Diskriminierungsfälle 20193580

Der Altenpfleger John H. musste das am eigenen Leib erfahren. Die Polizei zog bei ihm einen völlig falschen Schluss und riss ihn schmerzhaft von seinem Fahrrad. Die Beamten sagen, es habe an seinem Verhalten gelegen. Er ist sich sicher, es lag an seiner Hautfarbe. Die Staatsanwaltschaft hat nun eine Entscheidung gefällt.

Polzeigewalt in Hamburg – Schwarzer wird während des Jobs vom Rad gerissen

Es war ein Samstag im April 2020, als John H. wie immer seinem Job als Altenpfleger nachging. Er arbeitet in Hamburg in Eimsbüttel für einen mobilen Pflegedienst und legt den Weg zu seinen Patienten mit seinem E-Bike zurück. In der Tasche hat er seinen Routenplan, regelmäßig hält er am Telefon seinen Chef über die Patienten auf dem Laufenden.

An diesem Samstag allerdings sollte er während seiner Route aufgehalten werden. Einen Mann mit Baseballkappe, der ihm zu folgen schien, bemerkte John H. schon recht früh. Einige Patientenbesuche später sprangen dann plötzlich drei Männer auf ihn los, rissen ihn von seinem Rad und legten ihm Handschellen an.

Gewaltvoll riss die Hamburger Polizei einen dunkelhäutigen Altenpfleger vom Rad. (Symbolbild/24hamburg.de-montage)

Recht schnell bemerkten die Männer, die sich als Polizeibeamte in zivil herausstellten, allerdings ihren Irrtum. Sie entschuldigten sich noch vor Ort bei dem Altenpfleger, den sie für einen Drogendealer gehalten hatten, und ließen ihn weiterziehen. Völlig in Schock und verdreckt schob John H. sein E-Bike zu seinen nächsten Patienten. „Die Leute müssen ja versorgt werden“, erklärte er dem Spiegel. Der Vorfall macht ihm allerdings noch immer zu schaffen: „Ich verstehe nicht, wie man auf die Idee kommt zu denken, ich sei ein Drogendealer. Das geht mir die ganze Zeit durch den Kopf.“

Auch gegen Teenager mit Migrationshintergrund soll die Hamburger Polizei bereits gewaltsam vorgegangen sein.

Langzeitfolgen – der Altenpfleger muss in Therapie, die Polizei zahlt nur Sachschäden

Die Gedanken an den Vorfall quälen John H. bis heute. Die Schäden, die bei der Aktion an seinem Handy, seinem Fahrrad und seiner Uhr entstanden sind, hat die Polizei zwar erstattet. Die schlimmen Gedanken kann sie aber nicht löschen, weshalb er mittlerweile eine Therapie macht, um den Vorfall zu verarbeiten. Drei Wochen nach dem unsanften Zusammentreffen mit der Polizei versuchte der Altenpfleger zunächst, seine quälenden Gedanken, die in Schlafmangel und Konzentrationsstörungen resultieren, im Netz zu lindern. Er verfasste einen Instagram-Post, in dem er von dem Vorkommnis erzählte, und bekam prompt zehntausende Zuschriften.

Auch die Hamburger Polizei reagierte darauf und veröffentlichte eine Erklärung, in der es heißt, dass John Hs. Verhalten dem Zivilfahnder verdächtig vorgekommen sei, weil er in kurzer Zeit mehrere Häuser ansteuerte und zwischendrin immer telefonierte. „Das gezeigte Verhalten war typisch für den Handel mit Drogen“, schrieb die Behörde.

Große Teile der Bevölkerung sehen das Problem aber kritischer, wie zuletzt durch eine Demo auf der Hamburger Reeperbahn gegen Polizeigewalt beweisen wurde.

Polizeiübergriff auf einen schwarzen Altenpfleger – war es Rassismus?

Für John H. stellt sich vor allem die Frage, ob das gleiche auch einem weißen Altenpfleger auf seinem E-Bike passiert wäre. Er erstattete Anklage wegen Körperverletzung gegen die drei Beamten, doch die Staatsanwaltschaft hat diese nun zurückgewiesen und die Ermittlungen eingestellt. Auch sie sieht in dem verdächtigen – wenn auch missgedeuteten – Verhalten des Altenpflegers genug Anhaltspunkte, um ihn für einen Drogendealer zu halten. Demnach soll die Handlung der Polizisten in Ordnung gewesen sein, denn diesen hätten lediglich auf der Grundlage seines Handelns, nicht wegen seiner Hautfarbe agiert.

John H. glaubt das nicht und hat über seine Anwältin Petra Dervishaj Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens eingelegt. Verbale Unterstützung bekommt er überraschenderweise vom Hamburger Polizeichef Ralf Martin Meyer. Dieser hatte bereits im Februar gegenüber dem Spiegel gesagt: „Im Sternschanzenpark dealen vor allem schwarze Männer – und das hatten die Polizisten im Kopf, als die den Mann in der Nähe des Parks stoppten.“ Außerdem häufen sich seit geraumer Zeit die Berichte um illegale Polizeigewalt in Hamburg. Ganz unbegrüdet scheinen John Hs. Gedanken und Ängste also nicht zu sein. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/Julian Stratenschulte

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