Skurriles Hamburg

Hehler bekommen tausend Fahrräder zurück, weil Hamburger Polizei keinen Lager-Platz hat

  • Johanna Ristau
    vonJohanna Ristau
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Diese Nachricht ist ein Schock für jede und jeden, der oder dem schon einmal ein Fahrrad gestohlen wurde. Die Hamburger Polizei hat Hehler hopsgenommen; doch die Diebe haben ihre Ware nach den Ermittlungen wieder zurückbekommen.

  • Hamburg*: Nur 4,1 Prozent der Fahrraddiebstähle werden aufgeklärt.
  • Hamburger Polizei* stellt im Stadtteil Rothenburgsort 1.800 mutmaßlich gestohlene Fahrräder sicher.
  • Nur 47 Besitzer erhalten ihre Räder zurück.

Hamburg – Die Großrazzia aus dem Jahr 2017 beweist es: Selbst intensive Ermittlungen der Polizei können zwar große Aufklärungserfolge nach sich ziehen, allerdings versprechen sie noch lange keine Gerechtigkeit. Denn bei der Razzia in der Billstraße im Hamburger Osten stellten die Beamten damals rund 1.800 mutmaßlich gestohlene Fahrräder sicher. Bei der Aktion erhielten lediglich 47 Diebstahl-Opfer ihr Fahrrad zurück. Der Großteil der sichergestellten Räder ging dann wieder an die Hehler – trotz Verurteilung.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche: 755,2 km²
Bevölkerung: 1,899 Millionen (30. Dez. 2019)
Vorwahl:040
Bürgermeister: Peter Tschentscher

Kein Scherz: Wie das „Hamburger Abendblatt“ (hinter Bezahlschranke) berichtet, konnten die Beamten für die meisten Fahrräder nämlich gar keinen rechtmäßigen Besitzer feststellen. Demnach konnte auch keine offizielle Straftat nachgewiesen werden. Die Polizei selbst wiederum hatte keinen Platz über tausend Fahrräder zu lagern. Also gingen die Drahtesel alle zurück an die Hehler und mutmaßlichen Diebe.

Unglaublich: Hamburger Hehler haben rund 1.000 geklaute Fahrräder zurückerhalten. (24hamburg.de-Montage)

Fahrraddiebstähle in Hamburg: Finanzamt interessiert sich „brennend“ für Hehlerei – und Nachzahlungen

Immerhin: Das Hamburger Finanzamt interessiere sich laut „Hamburger Abendblatt“ „brennend“ für das Geschäftsmodell der Hehler-Bande und fordere dicke Nachzahlungen. Im Jahr 2020 sind die zwei Hauptbeschuldigten für die Fahrraddiebstähle und die Hehlerei verurteilt worden: einer zu einer Geldstraße von 140 Tagessätzen, der andere hat eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und vier Monaten an den Hacken. Doch warum sind Fahrraddiebstähle so schwer nachzuverfolgen?

Laut Polizei mache sich kaum jemand die Arbeit, sein Rad ordentlich zu dokumentieren, wie es etwa beim Kauf wertvoller Elektronikgegenstände oder Ähnlichem der Fall ist. Daher sind Fahrräder – auch wenn sie offensichtlich gestohlen worden sind – oft keiner eindeutigen Straftat zuzuordnen. Auch in der JVA Fuhlsbüttel hatten Polizei und Staatsanwaltschaft neulich alle Hände voll zu tun, als ein Häftling aus dem Gefängnis heraus Corona-Soforthilfe beantragt und sogar erhalten hat, wie 24hamburg.de berichtet.

Hamburger Polizei stellt knapp 1800 geklaute Fahrräder sicher – nur 47 Besitzer melden sich

Die Razzia in der Billstraße hatte bewiesen, wie schwierig die Drahtesel ihren ursprünglichen Besitzern zuzuordnen sind. Die Polizei hatte eigens für die 1.800 Räder zwei Tennishallen in Niendorf angemietet und die Fahrräder dort auf 5.000 Quadratmetern ausgestellt. Zudem hatten die Beamten sich die Mühe gemacht, die noch 1.748 Fahrräder zu fotografieren und ins Internet zu stellen – vergebens. Lediglich 47 Besitzer meldeten sich bei der Hamburger Polizei und konnten ihr Fahrrad wieder mitnehmen.

Doch wie kann man die Polizei als Fahrradbesitzer bei der Ermittlung im Falle eines Diebstahls unterstützen? Die Ordnungshüter empfehlen dringend, sich die Rahmennummer des Rades zu notieren. Diese ist mit der Fahrgestellnummer eines Autos zu vergleichen. Achtung: Die Rahmennummer wird beim Fahrradkauf nicht in den Kaufvertrag eingetragen. Dort steht lediglich die Seriennummer, die aber mit etlichen anderen Fahrrädern derselben Art identisch ist!

Fahrraddiebstahl in Hamburg: Schlechte Schlösser oft gefundenes Fressen für Beschaffungskriminelle (Junkies)

Dass sich jemand die Rahmennummer seines Fahrrads notiert habe und der Diebstahl deshalb als Straftat geahndet werden kann, passiere laut Hamburger Polizei nur in Einzelfällen, wie das „Hamburger Abendblatt“ berichtet. Dass es überhaupt zum Diebstahl kommt, hänge laut Einschätzung der Hamburger Polizei in vielen Fällen auch mit der mangelhaften Sicherung zusammen.

Fahrräder, die mit einfachen Schlössern abgestellt werden, fallen meist Gelegenheitsdieben im Rahmen der Beschaffungskriminalität zum Opfer. Diese klauen und verscherbeln Fahrräder, um sich ihre Drogensucht zu finanzieren und greifen mit Vorliebe auf schlecht gesicherte Exemplare zurück. Oftmals sind es dann wiederum professionelle Hehler, die den Junkies die Fahrräder abkaufen. 24hamburg.de berichtet auch über einen krassen Fahrradunfall auf der Reeperbahn*, bei dem eine Frau von einem Oldtimer der Automarke Ford überrollt wurde.

Hamburg: Geklaute Schrotträder oftmals nicht an Besitzer zurück vermittelt

Auf der Billstraße im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort sitzen mehrere Im- und Exportgeschäfte. Seit Jahren ist die Straße im Fokus der Polizei. Seit der Mega-Razzia im Jahr 2017 hat es drei weitere große Kontrollen gegeben. Allerdings verzichtete die Polizei dann darauf, die Fahrräder mitzunehmen. Die Masse der von der Polizei als „Schrotträder“ eingestuften Fahrräder sprenge die Größe der Asservatenkammer und stehe in keinem Verhältnis zu den Bemühungen, die Besitzer ausfindig zu machen.

Hamburg: Im Jahr 2019 wurden Fahrräder im Wert von 6,5 Millionen Euro geklaut

Allein im Jahr 2019 wurden in Hamburg erneut Fahrräder im Wert von 6,5 Millionen Euro gestohlen. Die Polizei müsste Lagerflächen für Zehntausende Euro im Monat anmieten, um den Schrott zu bunkern – eine Investition, die sich wohl für niemanden mehr lohnt. Und wie gehen Polizei und Staatsanwaltschaft künftig gegen Hehler vor? Den Verurteilten von der Billstraße soll das Gewerbe untersagt werden.

Hamburger Fahrraddiebe: Hehlern drohen hohe Geldstrafen vom Finanzamt

Zudem trudeln bei Hehlern immer wieder Geldstrafen wegen Verstößen gegen Umweltauflagen ein. Weil man ihnen mit Geldstrafen am meisten schade, sei bei den Razzien auch immer das Finanzamt mit an Bord. So hatte laut „Hamburger Abendblatt“ ein Beschuldigter, gegen den das Strafverfahren eingestellt wurde, eine Nachzahlung von 100.000 Euro an der Backe. *24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes.

Rubriklistenbild: © Daniel Bockwoldt/dpa, DVAG Deutsche Vermögensberatung AG/dpa

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