Rennen um Merkel-Nachfolge

Olaf Scholz: „Der nächste Kanzler bin ich“ – mit dieser Taktik

  • Jens Kiffmeier
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Kanzlerkandidat Olaf Scholz gibt sich siegessicher? Die Umfragewerte teilen diesen Optimismus nicht. Kann seine neue Wahlkampf-Strategie das Ruder herumreißen?

  • In Umfragen schneidet SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz (SPD) schlecht ab
  • Markus Söder (CSU) gewinnt in Umfragen die Kanzlerfrage.
  • Vizekanzler glaubt fest an Sieg bei Bundestagswahl im September 2021.

Hamburg – Mit markigen Worten hat Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) erst kürzlich seinen Anspruch auf das Kanzleramt bekräftigt. Im Gegensatz zu allen anderen Parteien haben die Sozialdemokraten bereits einen Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl festgelegt und den Bundesfinanzminister frühzeitig ins Rennen geschickt. Wer sein Gegner wird? Egal. „Ich nehme es, wie es kommt“, ließ der ehemalige Bürgermeister der Hansestadt Hamburg jetzt die bayerische SPD-Landtagsfraktion wissen, als er bei ihrer jährlich stattfindenden Klausurtagung live aus Berlin zugeschaltet wurde. Und um seine Ambitionen zu unterstreichen, fügte er hinzu: „Wir sind eine geschlossene Partei. Wir haben einen Plan für die Zukunft. Und der nächste Kanzler werde ich sein.“

Politiker in Deutschland:Olaf Scholz (SPD)
Geboren:14. Juni 1958, Osnabrück
Verheiratet:Britta Ernst
Ämter:Vizekanzler und Bundesfinanzminister

Keine Frage, an Ehrgeiz und Ambitionen hat es dem Bundesminister und ehemaligen Hamburger Rathauschef noch nie gemangelt. Doch die jüngste Ankündigung erscheint schon fast vermessen – zumindest angesichts der aktuellen Umfragewerte. So steht Scholz zwar offiziell alleine als einziger Spitzenkandidat fest, doch in fast allen Stimmungsbarometern fällt der Hanseat stets hinter andere gehandelte Kanzlerkandidaten ab.

Lieber Söder als Scholz: Die Umfragen sprechen eine klare Sprache

So liegt die CDU/CSU im RTL/ntv-Trendbarometer des Instituts Forsa mit 37 Prozent weit vorne in der Wählergunst. Dahinter landen die Grünen mit 18 Prozent. Erst danach kommt die SPD mit 15 Prozent, immerhin vor AfD (neun Prozent) sowie Linkspartei und FDP (beide sieben Prozent). Wer aber für die CDU oder die Grünen ins Rennen geht, steht noch nicht fest. Gehandelt werden bei der Union Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und der neue Parteichef Armin Laschet (CDU). Bei den Grünen müssen sich die Mitglieder zwischen den Parteivorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock entscheiden. Eine endgültige Nominierung planen beide Parteien nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im März.

Wird er ihr Nachfolger? Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). (24hamburg.de-Montage)

Doch auch im direkten Vergleich der möglichen Kandidaten ist die Ausgangsposition für Scholz derzeit denkbar schlecht. So können sich laut der Forsa-Umfrage derzeit die Deutschen eher Söder, Laschet oder sogar Habeck als Nachfolger für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vorstellen. Erst dann kommt Scholz auf Platz vier.

Doch von den schlechten Umfragewerten will sich Scholz nicht entmutigen lassen. Ausgerechnet die Hansestadt Hamburg, wo er viele Jahre lang als Bürgermeister und SPD-Landeschef regierte und mehrfach Wahlen gewinnen konnte, soll seiner Kampagne Schwung verleihen. So rechnet etwa sein Nachfolger auf dem Rathaussessel, Peter Tschentscher (SPD), fest damit, dass Scholz an seine früheren Leistungen anknüpfen kann. Auch in Hamburg habe die SPD oft hinten gelegen und am Ende mit absoluter Mehrheit regiert, betonte Tschentscher kürzlich in einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt. Von den Sonntagsfragen werde man sich nicht irremachen lassen. „Die politische Erfahrung zeigt, dass sich viele Wählerinnen und Wähler erst kurz vor der Wahl entscheiden, welche Partei sie tatsächlich wählen.“

Rennen ums Kanzleramt: Scholz setzt auf alte Hamburger Erfolge

So sieht Scholz das auch. Er scheint ebenfalls gewillt zu sein, an seine Hamburger Geschichte anzuknüpfen. Frühere Erfolge sollen herausgestrichen werden und auf seine jetzige Kandidatur abfärben. Das strich er unlängst beim Juso-Parteitag in seinem weiteren Videobeitrag heraus. Unter seiner Führung sei in Hamburg die Ganztagsbetreuung erweitert oder der soziale Wohnungsbau im Gegensatz zu allen anderen Bundesländern deutlich erhöht worden – alles ureigene sozialdemokratische Themen, ließ er die Delegierten wissen. Darauf werde man die Kampagne auf- und ausbauen.

Bereits seit dem Jahreswechsel ist Scholz spürbar aktiv im Wahlkampfmodus unterwegs. Solange die anderen Parteien noch in Personaldebatten feststecken, versucht der Vizekanzler in dem Rennen verlorenen Boden gut zu machen. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht in den sozialen Netzwerken soziale Wohltaten verkündet: mehr Grundrente für 1,3 Millionen Rentner, die Abschaffung des Solidaritätszuschlages oder mehr Gleichberechtigung. Daneben zofft er sich öffentlichkeitswirksam mit Unionsanhängern über die Einführung einer Vermögenssteuer.

Das sind alles Themen, die der linken Basis der SPD gefallen dürften. Doch ob ihm der Applaus der eigenen Anhängerschaft am Ende reicht, bleibt abzuwarten. Denn auf der anderen Seite steht Scholz auch im Kreuzfeuer der Corona-Politik. Am Horizont bahnt sich eine riesige Pleitewelle im Einzelhandel und im Gewerbe an. Scholz, der Finanzminister, muss für Überbrückungskredite sorgen. Und zuletzt klappte die Bereitstellung der Gelder alles andere als reibungslos. Und auch bei der Reform der Riester-Rente* erwartet den Sozialdemokraten in den kommenden Tagen viel Ärger. Insofern ist es für ihn noch ein sehr langer, steiniger Weg ins Kanzleramt – bei aller Zuversicht. *24hamburg.de und merkur.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa/picture alliance & Fabrizio Busch/dpa/picture alliance

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