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Olaf Scholz: Pleitegefahr – Künstler verspotten Corona-Hilfe

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Von: Jens Kiffmeier

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Auf der Reeperbahn herrscht gähnende Leere. Hamburger Kunstszene warnt vor Pleitewelle. Olaf Scholz verspricht viel und hält wenig.

Hamburg – Nach heftiger Kritik auch aus Hamburg steuert der Bundesfinanzminister nach: Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) hat seine Hilfe für die unter der Corona-Krise leidende Künstler-Szene beteuert. „Kunst ist wichtig für unser Leben. Das ist etwas, was wir brauchen“, teilte der ehemalige Erste Bürgermeister der Hansestadt Hamburg bei Twitter mit. Doch Kunst funktioniere nicht ohne die Künstler. Deswegen habe seine Behörde noch einmal bei den Corona-Hilfen für den Kulturbetrieb nachgesteuert. Doch die Ankündigung löste in der Szene ein geteiltes Echo aus. So sorgt der Umfang der Hilfen weiter für Verdruss.

Politiker:Olaf Scholz (SPD)
Geboren:14. Juni 1958 (Alter 62 Jahre), Osnabrück
Ehefrau:Britta Ernst
Aktuelle Ämter:Bundesfinanzminister und Vizekanzler

Bislang können Künstler und Soloselbstständige vor allem über die sogenannte Neustarthilfe eine Förderung beantragen, um die Ausfälle durch den Corona-Lockdown zu kompensieren. Bereits im vergangenen Jahr stellte das Bundesfinanzministerium dafür rund eine Milliarde Euro bereit. Auch 2021 steht dieser Betrag wieder zur Verfügung. Bis Februar können Künstler bei den Behörden einen Antrag stellen. Der Zugang zu dem Hilfspaket soll laut Scholz, der derzeit auch als SPD-Kanzlerkandidat einen verzweifelten Bundestagswahlkampf führt, noch einmal für Künstler nachgebessert worden sein. So können Anspruchsberechtigte ohne Nachweise bis zu 7500 Euro an Unterstützungsleistung bekommen.

Olaf Scholz: Szene reagiert mit Spott auf sein Versprechen

Doch die Ankündigung löst nicht nur Freude aus. Zwar lobte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) den Vorstoß als „faires und großzügiges Angebot“ für die, die „unter der Krise am meisten leiden“. Doch die meisten Betroffenen reagierten auf den Tweet von Scholz vor allem mit hämischen Kommentaren. Bereitgestellt heiße noch lange nicht ausgezahlt, beschwerte sich eine Nutzerin, die seit Monaten nach eigenen Angaben um eine Förderung kämpft. Seit Monaten habe man keine Arbeit mehr, kritisierte ein anderer. Die in Aussicht gestellte Hilfe sei viel zu klein, um sämtliche Verluste auszugleichen und das Ersparte zu schützen. „Was Scholz erzählt..., nachher glaubt das noch einer“, heißt es in einem Tweet. Oder: „Das ganze ist ein Witz.“

Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) verschränkt die Arme. Im Hintergrund sind Schauspieler des Magdeburger Theaters bei den Proben zu sehen.
Verspricht Künstlern mehr Corona-Hilfe: Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD). (24hamburg.de-Montage) © Gregor Bauernfeind/dpa/picture alliance & Klaus-Dieter Gabbert/dpa/picture alliance

Insgesamt steht die Kunst- und Kulturszene in Hamburg unter massivem Druck. Seit Monaten sind wegen der Corona-Infektionslage sämtliche Theater, Kinos, Bühnen, aber auch Bars, Kneipen und Clubs geschlossen. Bis mindestens zum 7. März wird sich daran auch nichts ändern. Erst am Donnerstag hatte der Hamburger Senat den Lockdown verlängert. Wie es danach weitergeht, ist ohnehin offen.

Nach einem Bund-Länder-Beschluss soll über weitgehende Lockerungen erst entschieden werden, wenn der wichtige Sieben-Tage-Inzidenzwert dauerhaft unter 35 liegt – und davon ist Hamburg noch ein gutes Stück entfernt. Und die Wiederaufnahme von Veranstaltungen stehen dann auf der Prioritätenliste alles andere als oben.

Littmann warnt vor Pleitewelle: Die Szene setzt jetzt auf Selbsthilfe

Die Sorge um eine riesige Pleitewelle ist jedenfalls unter den Kulturschaffenden groß. Erst kürzlich machte darauf Theatermacher Corny Littmann aufmerksam. Im Interview mit 24hamburg.de mahnte der Betreiber der Schmidt Theater in St. Pauli bessere Hilfen für Künstler und Schauspieler an. Derzeit hielten sich noch viele Betriebe nur knapp über Wasser, so Littmann. Aber bei ausbleibender Unterstützung werde es im Frühjahr für die meisten Veranstalter „kritisch“, warnte Littmann, der auf St. Pauli und der Reeperbahn eine Legende ist. Allein in diesem berühmten Amüsierviertel der Stadt treiben sich pro Jahr 20 Millionen Besucher herum. Doch seit Monaten herrscht dort gähnende Leere. Alle Beschäftigten sind in Kurzarbeit oder bereits arbeitslos.

Statt auf Scholz setzt die Szene deshalb lieber auf Hilfe zur Selbsthilfe. Ein Versuch, die bedrohten Betriebe vor dem Aus zu retten, ist dabei eine Aktion der Firma Juststickit. Unter dem Motto „Kleben für Hamburger Kulturschaffende“ legten sie ein Panini-Sticker-Album auf. Zahlreiche Promis, darunter TV-Koch Tim Mälzer, Panikrocker Udo Lindenberg oder Musiker Jan Delay, ließen sich für das Projekt fotografieren und rührten eifrig die Werbetrommel. Und das mit Erfolg. Denn innerhalb weniger Tage war das Fotosammelalbum vergriffen. Der Erlös von 100.000 Euro soll nun unter den Betrieben verteilt werden. *24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes

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