Tödlicher Winter

Hamburgs Obdachlose: Der traurige Kampf gegen den Kälte-Tod

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
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Der harte Winter bedroht Hamburgs Obdachlose. Seit Dezember sind 12 Menschen gestorben. Sozialarbeiter sind auf den Straßen unterwegs – warnen und helfen.

  • Der kalte Winter und Corona sind in diesem Jahr für Obdachlose eine große Herausforderung.
  • Seit Dezember sind bereits 12 Obdachlose in Hamburg gestorben.
  • Die Stadt Hamburg weitet das Winternotprogramm aus – zu wenig, meinen Experten.
  • Sozialarbeiter und Ehrenamtliche warnen Obdachlose, nachts nicht auf der Straße zu schlafen.

Update vom Dienstag, 9. Februar 2021: Hamburg – Es ist der kälteste Winter seit Jahren. Die eisigen Temperaturen in Hamburg können für Obdachlose den Tod bedeuten. Sozialarbeiter und Ehrenamtliche sind nun auf Hamburgs Straßen unterwegs, um die Obdachlosen zu warnen. Derweil forderten Demonstranten an diesem Wochenende, dass die Stadt die Obdachlosen in leerstehenden Hotels unterbringen soll.

Das ist bislang nicht geschehen. Die Stadt reagierte auf die hohen Todeszahlen – und eröffnete eine Notunterkunft mit 35 Plätzen in Einzelzimmern. Auch das Winternotprogramm wurde erweitert: Unterkünfte sind diese Woche bis Montag, den 15. Februar 2021, ganztägig geöffnet. In Hamburg leben etwa 2000 Menschen auf der Straße.

12 Obdachlose sind bereits diesen Winter gestorben. Demonstranten und Experten fordern eine Unterbringung in Hotels (24hamburg.de-Collage)

Update vom Mittwoch, 20. Januar 2021, 10.44 Uhr: Hamburg – Acht Tote seit Dezember auf Hamburgs Straßen. So lautet die düstere Bilanz. Die Stadt Hamburg reagiert nun auf die heftigen Todeszahlen* – und weitet die Öffnungszeiten des Winternotprogramms aus. Wie das Hamburger Straßenmagazin Hinz & Kunzt berichtet, haben die Unterkünfte seit Montag, 18. Januar 2021, nun von 15 Uhr bis morgens um 10 Uhr geöffnet. Vorher ging es von 17 Uhr bis 9.30 Uhr. Experten geht dieser Schritt nicht weit genug. Der Landesleiter der Caritas Hamburg, Michael Edele, sagte gegenüber Hinz & Kunzt: „Angesichts der Pandemie und der widrigen Temperaturen benötigen wir kleine dezentrale Unterkünfte und eine Öffnung der Hotels.“

Erstmeldung vom 10. Januar 2021: Hamburg – Der Streit um die Obdachlosenhilfe während der Corona-Krise ist in eine neue Runde gegangen: Trotz fünf verstorbener Menschen auf Hamburgs Straßen hat Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) die Forderung nach einer Hotelunterbringung kategorisch abgelehnt. Die Sozialdemokratin verwies dabei auf bereits bestehende Kapazitäten des städtischen Winternotprogramms. „Menschen, die ohne Obdach und in einer Notsituation sind, sollten nicht zögern, dieses Hilfsangebot anzunehmen“, teilte sie in einer Pressemitteilung mit. Das Angebot reiche aus, um alle Menschen zu versorgen. Die zusätzliche Zahlung von Hotelkosten sei nicht notwendig, hieß es. Bei Sozialverbänden und den Oppositionsparteien in der Hamburger Bürgerschaft löste die Ankündigung großen Unmut aus.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,845 Millionen (30. Juni 2020)
Erster Bürgermeister:Peter Tschentscher (SPD)

Angestoßen worden war die Debatte durch eine traurige Bilanz: So starben seit Silvester auf den Straßen Hamburgs bereits fünf Menschen, unter anderem in St. Pauli auf der Reeperbahn, in Altona, an den Landungsbrücken und im Schanzenviertel. Ob durch Nässe, Kälte oder Corona – noch ist die genaue Todesursache in allen Fällen nicht klar. Aber wie auf 24hamburg.de berichtet, hat die Polizei Ermittlungen aufgenommen.

Tote Obdachlose in Hamburg: „Winternotprogramm reicht nicht aus“

Ungeachtet dessen hat sich bei vielen Hamburgern eine gewisse Sprachlosigkeit breit gemacht. Angesichts leerstehender Hotels, die wegen der harten Corona-Beschränkungen im aktuellen Lockdown für den normalen Reiseverkehr nicht geöffnet haben dürfen, sollte eine geeignete Unterbringung der Bedürftigen eigentlich möglich sein. Die Hamburger Obdachlosenzeitung Hinz & Kunzt hatte schon Ende des vergangenen Jahres die Umwidmung der Herbergen auf Kosten des Senats gefordert. Bislang hat allerdings nur Berlin als einziges Bundesland so ein Modell in die Tat umgesetzt. In allen anderen Ländern, darunter auch Hamburg, Schleswig-Holstein oder Niedersachsen, gibt es nur vereinzelt ein paar private Initiativen.

Bei der Hamburger Caritas stieß die ablehnende Haltung der Sozialsenatorin auf Kritik. Die fünf Todesfälle seien „erschreckende Zahlen, die deutlich machen, dass in dieser Stadt etwas geschehen muss“, sagte Caritas-Landesleiter Michael Edele der Deutschen Presseagentur (dpa). „Das Sterben auf der Straße muss sofort beendet werden“. Das bestehende Hilfesystem sei nicht ausreichend, betonte er.

Aus Sicht der Hilfsorganisationen weist das Hamburger Winternotprogramm erhebliche Schwierigkeiten auf. So handele es sich vor allem um Großunterkünfte mit Sechsbettzimmern. Das würde von den obdachlosen Menschen nicht angenommen. Gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen falle es schwer, sich auf diese Unterbringungen einzulassen. Außerdem biete eine Großunterkunft in Pandemie-Zeiten keinen geeigneten Schutz – dezentrale Einrichtungen und Hotels mit Einzelzimmer aber schon. Der Sozialbehörde sei das auch bekannt, kritisierte Edele. Ähnlich hatten sich zuvor auch schon Vertreter der CDU- und Linksfraktion in der Hamburger Bürgerschaft geäußert.

Behörde betont: Land stellt 1000 Betreuungsplätze zur Verfügung

Sozialsenatorin Leonhard wies die Kritik unterdessen zurück. Den Angaben zufolge stellt die Hansestadt Hamburg über die gesamten Wintermonate insgesamt 1000 Betreuungsplätze für die obdachlosen Menschen zur Verfügung. An drei zentralen Standorten, die durch einen Busshuttle mit der Innenstadt verbunden seien, stünden Übernachtungs-, Dusch und Wasch- und Essensmöglichkeiten bereit, hieß es in der Mitteilung des Senats. Medizinisches Fachpersonal überwache außerdem ein strenges Hygienekonzept, das regelmäßiges Reinigen und Lüften der Zimmer sowie die Isolierung von Corona-Verdachtsfällen vorschreibe. „Für solche Fälle gibt es Bereiche, in denen betroffene Personen gesondert untergebracht werden können“, schrieb die Sozialbehörde.

Den Hilfsorganisationen geht das aber nicht weit genug. Trotz der Stellungnahme der Senatorin wollen sie von ihrer Forderung nicht abrücken. Bereits am Mittwochnachmittag versammelten sich deshalb rund 40 Menschen zu einer Mahnwache auf der Reesendammbrücke in der Hamburger Innenstadt, wie dpa berichtete. Dazu aufgerufen hatte wieder das Straßenmagazin Hinz & Kunzt. Die Teilnehmer stellten dem Medienbericht zufolge Kerzen und ein Schild mit der Aufschrift „Open the hotels now“ auf.

Rubriklistenbild: © Christian Charisius/dpa & Markus Scholz/dpa

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