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6,2 Millionen Euro Mietkosten für Geflüchtete: Wucher? Vermieter wehrt sich

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Von: Steffen Maas

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Für die Unterbringung von ukrainischen Geflüchteten im Mundsburg Tower zahlt die Stadt Hamburg einen hohen Preis. Der Vermieter wehrt sich gegen Vorwürfe.

Hamburg – Schnell musste es gehen, um möglichst unkompliziert helfen zu können: Auch die Stadt Hamburg bringt zahlreiche Geflüchtete des Ukraine-Konfliktes unter. Ein Hamburger Unternehmen könnte diese humanitäre Hau-Ruck-Aktion der Hansestadt womöglich finanziell ausgenutzt haben. 3600 Euro Miete für eine Wohnung, die 30 Quadratmeter groß ist. So viel zahlt die Hansestadt Hamburg nämlich teilweise für die Unterbringung von ukrainischen Geflüchteten im Mundsburg Tower. Das geht aus der Antwort des Senats auf eine Anfrage der Linken hervor.

LandUkraine
HauptstadtKiew
Bevölkerung44,13 Millionen (2020)
LandesspracheUkrainisch

Mundsburg Tower: Bis zu 5400 Euro kostet eine Wohnung für Geflüchtete

30 Euro pro Person und Tag, so die Vereinbarung zwischen der Stadt und dem Vermieter. Verfügbar sind 60 Wohnungen, entweder die erwähnten Einzimmerwohnungen über 30 Quadratmeter, die für zwei bis vier Personen vorgesehen sind oder Zweizimmerwohnungen (65 Quadratmeter), in die vier bis sechs Personen einziehen. Im Maximalfall kassiert die Immobilienfirma dementsprechend 5400 Euro für eine Wohnung.

Die Mundsbürg-Türme in Hamburg.
Die Mundsburg-Türme am Einkaufzentrum Hamburger Meile. Hier fanden sich schnell Unterkünfte für ukrainische Geflüchtete. Schnell – und teuer für die Stadt. © Hanno Bode/Imago

Aktuell sind die Hälfte der Wohnungen in einem der Mundsburger Türme belegt, Ende Juni waren 154 Geflüchtete eingezogen, berichtet der Senat. „Zusätzlich sollen in drei unteren Geschossen Gewerbeflächen als Gemeinschaftsunterbringung mit bis zu 150 Plätzen hergerichtet werden“, heißt es in der Antwort weiter. Die 15-Quadratmeter-Zimmer in den unteren Etagen werden zukünftig von zwei Personen bezogen, hierfür gibt die Stadt pro Kopf 47 Euro aus – da in diesem Fall auch für Verpflegung gezahlt werden muss. Insgesamt, so die Auskunft, könne man so bis zu 450 Plätze schaffen.

Hamburger Bürgerschaft: Carola Ensslen (Linke) findet‘s „sittenwidrig“

Carola Ensslen, flüchtlingspolitische Sprecherin der Fraktion „Die Linke“ in der Hamburgischen Bürgerschaft, zeigte sich „entsetzt“ über einen solchen „Mietwucher“, auch wenn sie die Notsituation und das schnelle Handeln des Senats anerkannte. Aber:

Die Firma verdient sich eine goldene Nase auf dem Rücken von Geflüchteten. Das ist sittenwidrig. Auf so einen Deal hätte sich der Senat trotz der Unterbringungsnot nicht einlassen dürfen.

Carola Ensslen, Bürgerschafts-Fraktion „Die Linke“

Home United GmbH – Tomislav Karajica ist Geschäftsführer

Die Firma, das ist in diesem Fall die „Home United Spaces GmbH“, eine Tochter des Unternehmens „Home United GmbH“, das Eigentümer des Mundsburg Towers ist und dort gerade umbaut und modernisiert und zukünftig als Mitbetreiber im Fernsehturm operiert.

Geschäftsführer ist Tomislav Karajica, der mit seinen lokalen Projekten kein Unbekannter in Hamburg ist. Auf der To-do-Liste des Gesellschafters des Basketball-Erstligisten Hamburg Towers steht aktuell auch noch der Bau einer Multifunktionshalle – der „Elbdome“ soll nach seiner Realisierung mal 8000 bis 9000 Zuschauer fassen.

Home United Spaces GmbH: Mehr als klassische Wohnraumvermietung

Mit dem Vorwurf des Mietwuchers konfrontiert, wehren sich die Verantwortlichen der Home United GmbH. Hauptsächlich, weil es im Prinzip nicht nur um Miete geht: „Es handelt sich hier nicht um eine klassische Wohnraumvermietung. Der Vertrag mit der Stadt definiert ein Betreiberpaket, das zahlreiche Leistungen beinhaltet, die unsererseits im Rahmen der Unterbringung erbracht werden“, sagte Sprecher Matthias Linnenbrügger auf Anfrage der Hamburger Morgenpost in der vergangenen Woche.

Wollte man sich gegenüber der Mopo aufgrund vertraulicher Vertragsinhalte zunächst nicht konkret zu den „zahlreichen Leistungen“ äußern, stieg der öffentliche Druck wohl mittlerweile so weit, dass Linnenbrügger am Montag, 11. Juli, auf eine Anfrage des Hamburger Abendblattes ausführlicher antwortete und das „Betreiberpaket“ aufdröselte.

Ukrainische Geflüchtete: Betreuung durch Dolmetscher, Projektleiter und Caterer

Neben dem frisch renovierten Wohnraum, für den der Vermieter eine einfache Möblierung und einen Internetanschluss bereitstellt sowie eine Küche einbaut, geht es vor allem um aufwendiges Fachpersonal. So stellt das Unternehmen zwei Mitarbeiter zur Betreuung zur Verfügung, ab August sollen es sogar drei oder vier werden. Sie sprechen Ukrainisch und haben den direkten Draht zu den Geflüchteten.

Hinzu kommt die administrative Leitung rund um das Tagesgeschäft und das Gebäude: Man stelle einen Projektleiter vor Ort als Ansprechpartner sowie einen Hausmeister, Handwerker und Sicherheitskräfte, die sich um bauliche Mängel kümmern oder für die Sicherheit sorgen, so Sprecher Linnenbrügger gegenüber dem Abendblatt.

Auch die angesprochene Verpflegung der Geflüchteten, die in den Gemeinschaftswohnraum in den unteren Etagen einziehen, übernimmt Home United Spaces. Ein dafür beauftragter Caterer versorgt die Bewohner mit drei Mahlzeiten pro Tag.

Hamburger Sozialbehörde weist auf Notsituation hin

„Nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine mussten sehr rasch Möglichkeiten gefunden werden, viele Tausend Schutz­suchende unterzubringen“, erklärte Martin Helfrich, Sprecher der Hamburger Sozial­behörde, im Abendblatt die Dringlichkeit der humanitären Hilfe. Das bedeutet: „Wir sind in der Situation, dass wir Flächen anmieten und auch den entsprechenden Preis zahlen müssen.“ 

Konkret heißt das im ausgehandelten Zeitraum bis zum 30. Juni 2023: Für die Unterbringung von 300 Geflüchteten in den 60 Wohnungen des Mundsburg Tower zahlt die Stadt Hamburg 3,56 Millionen Euro. Es gibt die Option, die Laufzeit dieses Vertrages bis 2025 zu verlängern. Die Kapazitäten für weitere 150 Geflüchtete, die in den kommenden Wochen in den Gemeinschaftsunterkünften einziehen werden, bezahlt man mit 2,64 Millionen Euro.

Insgesamt überweist die Hansestadt der Home United Spaces GmbH somit in einem Jahr 6,2 Millionen Euro. Konkrete Hilfe beim Thema Wohnraum können auch Privatpersonen leisten, wenn sie Wohnraum zur Verfügung stellen möchten.

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