Mercedes-Rambo

Mit 100 km/h durch die Spielstraße, fast Kita-Gruppe überfahren – Freispruch!

  • Fabian Raddatz
    vonFabian Raddatz
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Mit seinem aufgemotzten Mercedes rast ein Mann durch eine Spielstraße, verfehlt eine Gruppe Kinder nur knapp. Nun wurde er freigesprochen.

Hamburg – Eine Gruppe Kita-Kinder muss schnell auf den Bürgersteig flüchten, ein Polizist rettet sich mit einem beherzten Sprung zur Seite. Ein Mercedes-Rambo rast am 4. Juni durch Hamburg-Harburg – und mit 100 Sachen durch eine kleine Spielstraße. Offenbar ohne Rücksicht auf das Leben anderer. Vorher soll er vor einer Polizeikontrolle geflüchtet sein.

Stadtteil von Hamburg:Harburg
Fläche:3,9 km²
Einwohner:26.156 (31. Dez. 2019)
Bezirk:Harburg

Ende eines Raser-Prozesses vor dem Hamburger Amtsgericht – bei der sich alles um die Frage drehte: Wer saß an diesem Tag am Steuer des Mercedes C 300? Die Anklage lautet auf Straßenverkehrsgefährdung. Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher: Hätten die Kinder nicht rechtzeitig die andere Straßenseite erreicht, der Fahrer hätte nicht mehr bremsen können.

Mit 100 km/h durch die Spielstraße: Wer saß am Steuer?

Angeklagt ist Frank. T. (25). Zu ihm führten die Ermittlungen. Doch die Verteidigung argumentiert: Ihr Mandat habe den Mercedes nicht gelenkt. Registriert ist der PS-Bolide auf jemand anderen: Yunus Ö. (28).

Doch Ö. soll an diesem Tag ebenfalls nicht den Mercedes gesteuert haben. Die Aussagen der Polizisten, die an diesem Tag in der Spielstraße waren, unterstützen das. Einer von ihnen will den Fahrer vom Hals aufwärts gut gesehen haben. Und das soll nicht Ö. gewesen sein.

Fast Kita-Gruppe überfahren: Polizist kann Raser nicht identifizieren

Doch wer dann? Laut den Polizisten fing Ö. bei der Frage an, rumzudrucksen, behauptete, er habe an diesem Tag den Mercedes an jemanden ausgeliehen, sagt er. Eine Probefahrt zwecks Verkauf. An wen, fragten die Polizisten. Ö. nannte einen Namen: Frank T.

Zu 80 Prozent sicher.

Ein Polizist auf die Frage, ob er anhand eines Fotos T. als Raser erkannte.

Auch als der Beamte damals ein Foto des Beschuldigten sah, sei er sich „zu 80 Prozent sicher gewesen“, dass es T. war, der am Steuer saß. Doch vor Gericht sagte der Polizist nun, dass er sich heute nicht mehr so sicher ist, T. nicht mehr als Täter identifizieren könnte. Sein Kollege auch nicht.

Mercedes-Rambo gesucht: Warum ruderte Ö. zurück?

Schlechte Karten für die Anklage. Die Aussage von Ö. hätte T. noch hätte belasten können, doch der will vor Gericht nicht das wiederholen, was er damals den Beamten der Hamburger Polizei sagte. Ö. könne sich nicht mehr erinnern, an wen er das Auto auslieh. Frank T. soll es jedenfalls nicht gewesen sein, auch wenn er ihn flüchtig kenne.

Weil er durch eine Spielstraße gerast – und dabei Kinder gefährdet haben soll – stand ein 25-Jähriger in Hamburg vor Gericht.

Warum ruderte Ö. plötzlich zurück? Offenbar hätte er sich mit einer Aussage selbst strafbar machen können. Gerichtssprecher Kai Wantzen zu 24hamburg.de: „Stellt sich raus, dass Ö. seinen Wagen an jemanden ohne Führerschein verliehen hätte, würde er sich selbst einer Straftat bezichtigen.“ Und das muss sich vor Gericht niemand.

Mercedes-Raser-Prozess in Hamburg: Richter mit Appell

Keine Beweise, nur eine Personenbeschreibung, die grob auf T. passt. Zu wenig für eine Verurteilung. Da beantragte selbst der Staatsanwalt Freispruch. Denkbar sei „eine Menge“ gewesen, sagte er, aber nachweisen lasse sich: nichts. Dem schloss sich auch der Richter an. Er sprach den Angeklagten frei, appellierte am Prozessende: Es müsse so gefahren werden, dass nichts passieren kann. „Denn sonst wäre etwas geschehen, das nicht wieder gutzumachen wäre.“

Für Aufsehen sorgte auch ein anderer Fall, der vor dem Hamburger Amtsgericht verhandelt wurde: Dort stellte sich die Frage, ob ein Mann seinen Nachbarn totfahren wollte. Auch sorgen Raser in der Stadt Hamburg immer wieder für Polizeieinsätze. Entweder, weil sie besoffen und auf Drogen fahren oder weil sie sich Straßenrennen mit ihren Protz-Karren liefern.

Rubriklistenbild: © David Ebener/dpa

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