Exklusives Interview mit Alexander Röder

Michel-Pastor zu Ostern: „Corona lastet schwer auf uns“

  • Thanh Nguyen
    vonThanh Nguyen
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Das Coronavirus macht zum zweiten Mal Ostern in Kirchen unmöglich. Gottesdienste finden kaum statt. 24hamburg.de sprach mit St. Michaelis-Hauptpastor Röder.

Hamburg – Ostern steht vor der Tür und die meisten Kirchen-Türen in Hamburg sind aufgrund der Corona-Maßnahmen geschlossen, Gottesdienste sind nur begrenzt möglich. Auch im Hamburger Wahrzeichen St. Michaelis wird es Ostersonntag, was die Gemeinde betrifft, eher trist aussehen. Zwar wird die Ostermesse online übertragen, viele Gläubige sind aber in der Kirche nicht zu erwarten. 

Bund und Länder hatten die Deutschen letzte Woche zurück in den Knallhart-Lockdown geschickt: Statt Lockerung steht bis zum 18. April eine Verschärfung der bestehenden Corona-Regeln auf dem Programm. Darauf hatten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten bei ihrem Corona-Gipfel* geeinigt. Insbesondere über die Osterfeiertage soll das öffentliche Leben nahezu zum Erliegen kommen.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) warb um Verständnis für das harte Vorgehen. „Die Lage ist ernst“, sagte er im Anschluss an die Videokonferenz der Ministerpräsidenten der Länder mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die Ausbreitung der Corona-Virusvarianten und das stark ansteigende Infektionsgeschehen drohe das Gesundheitssystem an die Belastungsgrenzen zu bringen. „Wir brauchen eine richtig starke Bremswirkung, um die beschleunigte Ausbreitung in den Griff zu bekommen“, erklärte Tschentscher.

Alexander Röder, Hauptpastor an der Hauptkirche St. Michaelis (Der Michel), predigt vor leeren Kirchenbänken.

24hamburg.de sprach mit Alexander Röder, seit dem Jahr 2005 Hauptpastor der St. Michaelis-Kirche über die Corona-Pandemie, die Auswirkungen und wie ihm der Glaube in dieser schwierigen Zeit hilft.

Herr Röder, wie ist die aktuelle Lage im Michel?

Die Pandemie lastet schwer auf allen – auch auf dem Michel. Letztes Jahr zu Ostern waren Gottesdienste verboten. Aber jetzt dürfen wir wenigstens Gottesdienste feiern. Finanziell ist Corona natürlich eine Herausforderung, weil wir nur 15 Prozent unserer Ausgaben aus Kirchensteuern decken können. Alles Weitere muss anders erwirtschaftet werden, zum Beispiel durch Touristen, die zu uns kommen.

Wie viele Besucher kommen denn normalerweise in den Michel?

1,5 Millionen Besucher pro Jahr sind es ungefähr, die auf den Turm steigen oder die Krypta besuchen. Das ist kostenpflichtig. Der Besuch der Kirche an sich ist natürlich kostenfrei. Das ist seit letztem März so gut wie ausgefallen.

Wie sieht Ihr Alltag derzeit aus?

Wir versuchen ganz nah an unserer Gemeinde zu sein. In den letzten Wochen waren zu den Gottesdiensten im Schnitt 100 Leute in der Kirche. Wir könnten nach dem Hygienekonzept 400 setzen. Es hat uns gefreut, dass so viele kommen. Wir halten tapfer durch, vor allem auch was unsere täglichen Mittagsandachten angeht, in denen sich ab und zu nur drei Leute verlieren, aber wir bieten es an, weil wir es wichtig finden.

Wir haben versucht, gerade in der Seniorenarbeit jeden einzelnen zu betreuen, beispielsweise mit ihnen spazieren zu gehen oder für sie einzukaufen. Es sind gerade die Menschen, die die Corona-Pandemie in ihrem Alleinsein trifft. Das führt zur Vereinsamung. Wir versuchen telefonisch, per Post, aber auch im direkten Kontakt da zu sein für die Menschen.

Wir haben letzten Sommer eine Spendenaktion ins Leben gerufen, was eine halbe Million Euro gebracht hat. Das hat uns schon sehr weitergeholfen für 2020.

Es gab einen Corona-Fall in der Mitarbeiterschaft, aber sonst nichts. Das hat uns beruhigt, denn dies bedeutet, dass unsere Maßnahmen bzw. Vorkehrungen funktionieren. Der Mitarbeiterin geht es inzwischen auch wieder gut.

Wir sind darüber hinaus sehr viel digitaler geworden. Das ist auch etwas Positives in dieser Zeit, nämlich dass die Kirche und die Gemeinde, was Digitalisierung angeht, einen großen Sprung nach vorne gemacht hat. Wir haben Online-Andachten und Online-Orgelspiele.

Was genau machen Sie?

Eine eigene App, Instagram und Facebook hatten wir schon früher beziehungsweise wir haben alles überarbeitet. Wir wollen auch Gottesdienste im Internet streamen, aber das ist noch recht mühsam.

Wir sind sehr motiviert, auch wenn wir sehr eingeschränkt sind. Gottesdienste ja, aber keine Chorproben, keine Treffen. Es gibt wieder ein paar Taufen, aber Trauungen sind abgesagt, weil Familien ja nicht feiern können. Normalität ist auf Sparflamme da. Mehr aber auch nicht.

Freie und Hansestadt Hamburg: Blick vom Turm der St. Michaelis Kirche auf den Hamburger Hafen und die Elbe. Darüber und noch viel mehr berichtet 24hamburg.de rund um die Uhr.

Was ist zu Ostern geplant?

Unser Ostergottesdienst um 10 Uhr wird live im Internet gestreamt. Das ist eine tolle Möglichkeit, mehr Menschen zu erreichen.

Hilft der Glaube den Menschen? Gibt er ihnen mehr Halt?

Das ist auf jeden Fall so. Der Glaube ist eine andere Form des Nach-vorne-guckens. Jeder tut das natürlich und hofft, dass es irgendwann besser wird. Aber das ist im Glauben immer noch was anderes. Er spielt eine große Rolle – gerade jetzt in der Osterzeit. In dieser Zeit bricht Leben auf. Das ist eine andere Form von Hoffnung. Anders als die Hoffnung, dass Gesetze geändert werden oder die Politik sich zusammensetzt und sagt, dass wir wieder rausdürfen.

Der Glaube ist eine Freiheit, die Hoffnung und Trost gibt und ermutigt und damit fröhlicher sein lässt.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,845 Millionen (30. Juni 2020)
Erster Bürgermeister:Peter Tschentscher (SPD)

Kommen bei Ihnen in Gesprächen auch Fragen auf, warum Gott uns eine solche Plage schickt? Ist er ein gerechter Gott?

An den Rändern der Kirche kommt vielleicht schon etwas auf, dass die Pandemie eine Strafe Gottes ist. Aber die Frage sollte eher sein: „Wo kommt das her?“ Dass sich so ein Virus in Windeseile auf der ganzen Welt ausbreiten kann, hat etwas zu tun mit der Art und Weise wie wir leben. Das ist eine Frage an unsere Lebensform, die sich in den letzten zwölf Monaten radikal verändert hat. Wer reist denn noch? Innenstädte werden nun neu geplant, weil es zu viele Büros gibt, die man vielleicht später nicht mehr brauchen wird.

Es sind ethische Fragen, die wir uns stellen beziehungsweise stellen sollten, aber ich würde es nicht in eine Ecke stellen wollen, dass es eine Strafe Gottes ist, der von oben auf uns eindrischt. Wir sollten etwas nachdenklicher sein, wo und wie wir leben und ob das ethisch verantwortbar ist. Corona ist auch eine Chance, innezuhalten.

Glauben Sie, dass es in diesem Jahr noch normale Gottesdienste geben wird?

Das ist noch nicht in meinem Blick. Die Vorstellung, dass sich über 2000 Menschen im Michel gleichzeitig aufhalten, ist etwas geschwunden.

Ich habe vor Kurzem Bilder von einem Konzert in Berlin mit 1000 Menschen gesehen. Da ist man schon vollkommen elektrisiert. Ich glaube, für uns wird es so sein, wie wenn man von einem Zwölf-Tage-Total-Fasten wieder zurückkommt. Dann ist es sinnvoll, erstmal mit einem Apfel anzufangen. Wir müssen uns also auch langsam daran gewöhnen, dass wir mit vielen Menschen zusammen sein dürfen – irgendwann, wenn es denn wieder geht.

Das Wetter in Hamburg wird in den nächsten Tagen wechselhaft.

Aber dazu braucht es auch den Mut und Überwindung der Menschen, sich zu vertrauen und sich den vielen Menschen auszusetzen. Vielleicht wird es zu Weihnachten schon so weit sein.

Wenn mehr Menschen geimpft sind, wird dies dazu führen, ein größeres Sicherheitsgefühl im Umgang miteinander zu bekommen. Diese körperliche Distanz aktuell ist befremdlich. Wir brauchen die Nähe, dieses Miteinander. Wir sind Social Animals, das heißt wir brauchen auch die körperliche Berührung. Das wird aber wiederkommen.

Woraus schöpfen Sie persönlich Kraft?

Ich bin ein sehr spiritueller und frommer Mensch. Mein Glaube hilft mir außerordentlich stark, ob im Gebet, Meditation oder beim Lesen in der Bibel. Es ist extrem wichtig für mich, das jeden Tag zu tun. Das hat mir im letzten Jahr vor allem zu Ostern geholfen, wo wir keine Gottesdienste hatten. Ich bin trotzdem in die Kirche gegangen, um dort in die leere Kirche hinein Lesungen der einzelnen Ostersonntage zu lesen - nur für mich, für Gott, für jeden, der es gehört hat. Alleine das war für mich schon wie ein Gottesdienst. Aber für mich ist es zweifelsohne die schwierigste Zeit und größte Herausforderung, die ich je hatte.

Die Hamburger Hauptkirche St. Michaelis ist ein Highlight für jeden Besuch der Hansestadt.

Haben Sie einen Wunsch für das Jahr 2021?

Mein größter Wunsch wäre, wieder zur Normalität zurückzukehren: Turm offen, viele Menschen in der Kirche, Kirchenführungen, Gottesdienste und vieles mehr, was Kirche ausmacht.

Corona-Zahlen und Fakten in Hamburg

In Hamburg liegt die Inzidenz seit über einer Woche über dem Schwellenwert von 100. Deshalb hatte der Senat bereits am vergangenen Wochenende die schärferen Kontakt- und Öffnungsregeln umgesetzt. Auch Bremen zog inzwischen die Notbremse*. Darüber hinaus sollen die Städte und Landkreise nun aber noch weitere Instrumente an die Hand bekommen. So könnten bei Bedarf auch prinzipiell Ausgangssperren verhängt oder Maskenpflichten im Freien angeordnet werden. Ausnahmen gibt es bislang nur für Schulen und Kitas. Sie sollen vorerst offen bleiben.

Die Notbremse* ist eine Art Sicherheitsleine, die Bund und Länder bereits vor vier Wochen für den Fall eines ansteigenden Corona-Infektionsgeschehens kreiert hatten. Sie soll überall dort gezogen werden, wo die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen die 100er-Marke knackt. Dann sollen konsequent alle zuvor eingeleiteten Öffnungsschritte für den Einzelhandel, Museen, Wildtiergehege oder Zoos wieder zurückgenommen werden. Einen Sonderweg geht hier allerdings Bremerhaven: Während alles andere dicht ist, blieb der Zoo am Meer zunächst offen.* 24hamburg.de und nordbuzz.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa | Markus Scholz

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