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S-Bahn Hamburg: Kontrolle eskaliert – „Schienbein genau auf dem Hals der Frau“

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Von: Kevin Goonewardena

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Szenen die an Georg Floyd erinnern, spielten sich im Hamburger Hauptbahnhof ab. Rassismus- und Gewaltvorwürfe gegen S-Bahn und Bundespolizei.

Hamburg – Mehrere Sicherheitskräfte der S-Bahn Hamburg und der Bundespolizei sehen sich mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert. Dabei geht es um rassistische Äußerungen und den übermäßigen Einsatz von Gewalt. Der Vorfall, von dem derzeit Videos auf Social Media kursieren, ereignete sich bereits am Diensttag dieser Woche. Mehrere Medien berichteten übereinstimmend von dem Vorfall. Was ist passiert?

Name:S-Bahn Hamburg
Gegründet:1907 (seit 1997 selbstständiges Tochterunternehmen der Deutschen Bahn)
Anzahl Linien:6
Anzahl Stationen:69

Masken-Kontrolle in Hamburg: Bedienstete der S-Bahn-Wache sollen nicht locker gelassen haben

Am Dienstagnachmittag,14. Juni 2022, hatten Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes eine junge Frau, die in der S31 zwischen Sternschanze und Dammtor unterwegs war, ermahnt, ihre Corona-Schutzmaske aufzusetzen. Die Frau, die telefonierend in die Bahn gestiegen sei, hatte nach ihren Aussagen vergessen, die Maske aufzusetzen. Darüber hinaus habe sie sich entschuldigt, berichtet ein Zeuge der Szenerie dem Nachrichtenportal t-online später.

Doch die Mitarbeiter des Sicherheitsdiensts haben nach Aussage des jungen Mannes, der mit seiner Freundin ebenfalls in der S-Bahn in Hamburg unterwegs war, nicht locker gelassen. Am Hamburger Hauptbahnhof sei die Situation dann nach dem Eintreffen weiterer Sicherheits-Bediensteter und der dazu gerufenen Bundespolizei eskaliert.

Das war schockierend zu sehen. Es gab auch einen Zeitpunkt, da hatte der Polizist sein Schienbein genau auf dem Hals der Frau.

Zeuge der Vorfälle gegenüber t-Online

Masken-Kontrolle eskaliert: Am Boden liegende Frau gefesselt –Bundespolizei: Maßnahmen „erforderlich und verhältnismäßig“

Der Zeuge berichtet von rassistischen Bemerkungen, die gefallen sein sollen. Auf mehreren Videos, die in den sozialen Netzwerken Facebook, Instagram und TikTok veröffenticht wurden, ist zu sehen, wie mehrere Bundespolizisten die Frau auf dem Boden des Bahnsteigs fixieren und ihr Handschellen anlegen. Die Frau hatte mittlerweile den Zug der Linie S31 an der Station Hauptbahnhof verlassen. Währenddessen schirmt das Sicherheitspersonal den Vorgang ab, die Aufnahmen zeigen Umherstehende, die auf die Sicherheitskräfte einreden und schreien. Andere halten das Geschehen mit ihren Mobiltelefonen fest. Die Maßnahmen seien „aus strafprozessualer Sicht erforderlich und verhältnismäßig“ gewesen, so Thomas Hippler, Sprecher der Bundespolizei. Eine Gefahr für die Gesundheit der Frau habe nicht bestanden, heißt es weiter.

Einsatz von Bundespolizei am Hamburger Hauptbahnhof: Situation erinnert Zeugen an George Floyd

Die Situation habe ihn an die Geschehnisse, die die zum Tod des Amerikaners George Floyd geführt haben, erinnert, so der Zeuge gegenüber t-Online. Auch auf den Videos ist zu hören, wie eine umherstehende Person sagt, dass die am Boden liegende Frau keine Luft bekomme. Die Videos wurden bereits mehrere zehntausend Mal geteilt.

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Kontrolle am Hamburger Hauptbahnhof: Laut Bundespolizei hat sich Vorfall anders zugetragen

Am Folgetag also MIttwoch, 15. Juni 2022, veröffentlichte die Bundespolizei eine Pressemitteilung, in der der Vorfall, anders dargestellt wird. Angesprochen auf die fehlende Mund-Nase-Bedeckung habe sich die Frau gegenüber den Sicherheitsmitarbeitern nicht ausweisen wollen, daraufhin sei die Bundespolizei alarmiert worden. „Als die Beamten zum Zwecke der Identitätsfeststellung den Einsatzort erreichten, trafen sie auf einen Mitarbeiter des Prüfdienstes, der die Frau daran hinderte, sich über die Rolltreppe vom Einsatzort zu entfernen“, sagt Bundespolizeisprecher Thomas Hippler laut Mitteilung.

Rassismus-Vorwürfe: Eine Maskenkontrolle am Hamburger Hauptbahnhof eskaliert völlig
Rassismus-Vorwürfe: Eine Maskenkontrolle am Hamburger Hauptbahnhof eskaliert völlig. © Bundespolizeiinspektion Hamburg

Bundespolizei: Frau versucht zu fliehen – und soll gewalttätig gegenüber Beamten geworden sein

Wie genau der Mitarbeit des Prüfdiensts die Frau gehindert hat, den Bahnsteig zu verlassen, bleibt ungeklärt. Ein weiterer Beamte habe ihren Griff an das Treppengeländer gelöst. In der Pressemitteilung heißt es weiter: „In diesem Moment riss sich die 24-Jährige los und versuchte erneut, gewaltsam auf die Beamten einzuwirken, woraufhin sie durch diese kontrolliert zu Boden gebracht wurde. Auch hierbei setzte sich die Frau massiv zur Wehr, weswegen ihr Handfesseln angelegt wurden.“ Dann kommen die Szenen, die in den Videos zu sehen sind.

Bundespolizei sei „besonders geschult“ und „natürlich sensibilisiert“

Angesprochen auf eben diese Szenen, äußerte sich Polizeisprecher Hippler gegenüber t-online wie folgt „Unsere Kolleginnen und Kollegen sind besonders geschult, was diese sogenannten Eingriffsmaßnahmen angeht und natürlich sehr sensibilisiert darauf, dass es nicht zu irgendwelchen Handlungen kommt, durch welche die Gesundheit der betreffenden Personen gefährdet werden könnte.“ Außerdem ist die Rede von „zahlreichen Schaulustigen“, die die Arbeit der Polizei, behindert hätten.

Weitere Angaben könne er erst machen, wenn das Material der Videokameras am Bahnsteig gesichtet sei. Eine Anfrage von Radio Hamburg übrigens, so berichtet der Sender, ließen sowohl die Bundespolizei, als auch die S-Bahn Hamburg unbeantwortet. Eine Sprecherin der S-Bahn-Wache, äußerte gegenüber dem Radiosender ihr Bedauern über die Vorfälle und versicherte, dass die Ereignisse ernst genommen und geprüft werden würden. Namentlich genannt werden wollte sie allerdings nicht.

Bundespolizei leitet Ermittlungsverfahren ein - 93 Prozent der Ermittlungen gegen Polizisten eingestellt

„Gegen die 24-Jährige, wegen der die Bundespolizei einschreiten musste, „wurden Ermittlungsverfahren, unter anderem wegen Widerstands und tätlichen Angriffs gegen Vollstreckungsbeamte, eingeleitet“, so Hippler. Ob die Frau ihrerseits Anzeige gegen die Bundespolizisten stellte, ist nicht bekannt. Die Chancen auf eine Verurteilung im Falle einer Anzeige ohnehin gering.

Wie „Die Zeit“ berichtet, werden 93 Prozent aller gegen Polizeibeamte und Polizeibeamtinnen gestellten Anzeigen fallen gelassen. Nur in sieben von 3400 Fällen in einer von der Hamburger Wochenzeitung thematisierten Untersuchung endeten mit einer Verurteilung der Beschuldigten.

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