SS-Wachmann vor Gericht

Hamburger Landgericht: Historiker schildert KZ-Horror – SS-Monster will sich nicht erinnern

  • Enno Eidens
    vonEnno Eidens
    schließen

Im Prozess um den früheren SS-Wachmann Bruno D. vor dem Hamburger Landgericht kommen schreckliche Geschichten ans Tageslicht: hunderte Morde am Strand in Holstein. Der SS-Mann habe das nicht mitbekommen.

  • Bruno D. wurde mit 17 Jahren Wachmann im KZ Stuthoff bei Danzig.

  • Die Anklage vorm Landgericht Hamburg*: Beihilfe zum Mord an 5.230 Menschen.

  • Ein Historiker berichtet nun von schrecklichen Morden am Strand in Holstein.

Hamburg – Seit Oktober 2019 steht Bruno D. vor dem Hamburger Landesgericht. Der ehemalige SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof muss sich für die „heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge verantworten“ berichtete der Norddeutsche Rundfunk (NDR). Auch in der Coronavirus-Sars-Cov-2-Krise* wird der Prozess unter strengen Vorschriften fortgesetzt.

Nun gibt es Zweifel an bestimmten Aussagen des 93-jährigen Angeklagten. Ein Historiker berichtete am Dienstag, 9. Juni von einem Massenmord gegen Kriegsende – der SS-Wachmann will nichts gesehen haben.

Gericht in HamburgLandgericht Hamburg Ziviljustizgebäude
AdresseSievekingpl. 1, 20355 Hamburg
Telefon040 428280
PostfachLandgericht Hamburg; 20301 Hamburg
Bankverbindung:IBAN: DE10 2000 0000 0020 0015 01; BIC: MARKDEF1200

Landgericht Hamburg: Prozess um SS-Wachmann Bruno D. geht weiter

Der angeklagte Bruno D. sitzt in einem Plexiglaskasten – auch beim Prozess um den SS-Wachmann wird sich strikt an die Coronavirus-Sars-Cov-2-Regeln* gehalten. Sein Anwalt Stefan Waterkamp trägt Mundschutz. 75 Jahre nach den brutalen Morden im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig gehen die Verhandlungen weiter. Bruno D. wird Beihilfe zum Mord an 5.230 Menschen vorgeworfen.

Bruno D. schützt sich gegen das Coronavirus und die Kameras der Reporter.

Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit war groß, als Bruno D. im Oktober 2019 vor dem Hamburger Landgericht erschien und der Prozess begann. Dieser wurde durch erst nach einer Änderung der Rechtssprechung in 2011 möglich. Seitdem können KZ-Wachen auch dann verurteilt werden, wenn sie „nicht persönlich für die einzelnen Tötungen verantwortlich sind“, schreibt der NDR.

Den Präzedenzfall lieferte der ehemalige SS-Wachmann John Demjanjuk, der im deutschen Vernichtungslager Sobibor im heutigen Polen wegen Beihilfe am Mord in mehr als 28.000 Fällen angeklagt wurde. Demjanjuk und Bruno D. wird vorgeworfen die brutalen Vernichtungsakte im KZ durch ihre Arbeit unterstützt zu haben.

Historiker mit schrecklichem Bericht vor dem Hamburger Landgericht

Nun gibt es Zweifel an den Aussagen des ehemaligen SS-Wachmanns. Am Dienstag, 9. Juni äußert sich ein Historiker vor dem Hamburger Landgericht. Der Experte von der KZ-Gedenkstelle Neuengamme in Hamburg-Bergedorf spricht nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur über die letzten Kriegstage. Schauplatz ist die Stadt Neustadt in Schleswig-Holstein. Dort seien am 3. Mai Boote mit KZ-Gefangenen aus dem KZ-Stutthof angekommen. Kurz nach der Ankunft kam es zu einem Massenmord an den Häftlingen.

Einige der Gefangenen versuchten zu fliehen. Gemeinsam mit den örtlichen Ordnungskräften machten sich die KZ-Männer über die Fliehenden her, erschossen und erschlugen sie. Bis zu 256 Menschen sollen dort nach Angaben der Lübecker Staatsanwaltschaft brutal ermordet worden sein. Doch der Angeklagte Bruno D. erinnert sich anders: „Da ist keiner erschossen worden.”

Die Richterin Anne Meier-Göring im Hamburger Landgericht hat Zweifel an den Aussagen des 93-Jährigen. Ein Experte für psychische Erkrankungen von alten Menschen (Gerontopsychiater) soll die Aussage von Bruno D. auf ihre Glaubwürdigkeit hin bewerten. Dessen Antwort ist zwar nicht eindeutig, aber aufschlussreich. Bruno D. habe keine Demenz, an weit zurückliegende Dinge könne er sich erinnern. Aber auch der 93-jährige SS-Mann könne „Dinge verschweigen“ so Gerontopsychiater Bernd Meißnest.

Das sagt der SS-Wachmann über die Morde in Schleswig-Holstein

Nach eigenen Angaben bekam der Angeklagte am Vormittag des 3. Mai 1945 den Befehl, die Gefangenen vom Strand in den Hafen zu bringen. Auf diesem Weg habe er keine Leichen gesehen. Mit anderen SS-Wachen wurde er dann gegen Mittag wieder zum Strand im Neustädter Stadtteil Pelzerhaken geschickt worden. Der Auftrag: Leichen wegräumen. Sechs oder sieben Tote hätten sie auf einen Lkw gelegt.

Der Krieg war da schon fast zu Ende, als die brutalen Morde passierten. Bruno D. bekommt noch am selben Tag die Meldung, dass die Briten bereits in Neustadt seien. Offiziere schicken ihn und seine Kollegen nach Hause. Fünf Tage später kapituliert die Wehrmacht bedingungslos. Am 8. Mai ist der Zweite Weltkrieg vorbei.

Einen ähnlichen brisanten Prozess gibt es aktuell am Hamburger Landesgericht: Der Witwe des Berliner Gangsta-Rappers und späteren IS-Mitglieds Denis Cuspert („Deso Dogg“) wird der Prozess gemacht*.

Quelle: 24hamburg.de

* 24hamburg.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare