Exklusives Interview

Koks, Kippen und Kartell-Killer: Hamburgs Zoll-Boss verrät alles

  • Fabian Raddatz
    VonFabian Raddatz
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Der Hamburger Zoll kämpft gegen den täglichen Drogen-Wahnsinn in der Hansestadt. Zoll-Leiter René Matschke über Junkies und Respekt für die Gegenseite.

Hamburg – Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe: Mehr als 16 Tonnen Kokain im Hamburger Hafen gefunden! Absoluter Europa-Rekord. René Matschke, Leiter der Hamburger Zoll-Behörde, war an diesem Tag Ende Februar gerade im Urlaub, als ihn ein Kollege anruft. 16 Tonnen? Er muss nochmal nachfragen, dann setzt er sich ins Auto – und fährt zum Hafen. Das muss er mit eigenen Augen sehen.

Behörde in Hamburg: Hamburger Zoll
Anzahl Mitarbeiter: 1983 (Stand 2009)
Leiter: René Matschke
Sitz: Sieker Landstraße 13, 22143 Hamburg

24hamburg.de hat den Boss des Hamburger Zolls interviewed und ihn genau zu diesem legendären Ereignis – und mehr – befragt.

Herr Matschke, wissen Sie noch was Sie gedacht haben, als Sie die 16 Tonnen Koks vor sich sahen?

Erschüttert ist vielleicht das falsche Wort, aber es ist unvorstellbar. Man fragt sich: Wer kauft sowas ein? Natürlich sagt man: Es ist ja nicht alles, was wir erwischen, rechts und links läuft viel durch. Als ich vor sechs Jahren hier angefangen habe, da hatten wir 450 Kilogramm im Jahr. Und jetzt... Man versucht, sich solche Mengen zu erklären, aber man kann es nicht mehr.

Aber wenn Sie es versuchen, woran kann das liegen?

Man liest immer wieder: Kokain ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Zeiten als Schickimicki-Droge in den 90er-Jahren ist vorbei, ein Gramm kostete damals 400 bis 500 D-Mark. Das konnte sich ein normaler Mensch nicht leisten. Heute kann ich Kokain für 60 bis 80 Euro auf der Straße kaufen. Da können ein bis zwei Leute abends ein paar Lines draus ziehen.

Haben Sie Verständnis dafür? Statt mich literweise mit Alkohol voll laufen zu lassen, zieh ich lieber eine Line?

Natürlich habe ich eine private Meinung zum Drogenkonsum allgemein, darüber lässt sich trefflich diskutieren. Doch als Leiter einer Ermittlungsbehörde kann ich nur sagen: Wir haben ein Gesetz. Das schützen wir. Da lass ich die private Meinung zu Hause.

Wenn Sie diesen Fund nicht gemacht hätten, was wäre mit den 16 Tonnen passiert?

Die 16 Tonnen sollten nach Holland gehen. Da gibt es Lagerhallen, wo die Ware gewaschen und weiterverarbeitet wird. Das ist eine Sache von ein, zwei Tagen. Dann kann es in Europa verteilt werden.

Vorher muss man die Ware aber aus dem Hamburger Hafen bringen. Wie läuft das ab als Drogenhändler? Über den Zaun und weg?

Nicht ganz: Da brauch ich Leute, die am Hamburger Hafen arbeiten, Zugang haben. Innen-Täter. Die holen das schnell aus dem Container, dann kommt es auf die Fahrzeuge, raus aus dem Hafen.

Zoll-Boss René Matschke steht vor Überbleibseln des Koks-Rekordfunds. Die Drogen in den Kanistern sind mehrere Millionen Euro Wert. (24hamburg.de)

Stichwort „Kartell-Maulwürfe“ am Hamburger Hafen: Die werden wahrscheinlich gut bezahlt, oder?

Ja, da geht es um Summen um die 60.000 Euro. Da kann man schon schwach werden, wenn einer fragt: Du, kannst Du mir den Container mal da hinstellen, mal was rausholen? Diese Menschen sind für die Kartelle wichtig, sind schwer ersetzbar, darum sind sie auch so gut bezahlt. Wenn wir die finden, schmerzt das die Kartelle. Unser Ziel: Strukturen nachhaltig sprengen. Den Geldfluss stören. Das tut denen am meisten weh.

Das Ziel ist ja auch, an die Hintermänner zu kommen, das stell ich mir schwierig vor. Kartell-Killer sind bekanntermaßen nicht gerade zimperlich. Also, ich würde lieber nichts sagen.

Das haben wir leider oft. Es gibt aber die Möglichkeit zum Zeugenschutz-Programm. Aber ja, andere zu verraten, ist gefährlich, die sind nachtragend. Organisierte Kriminalität und Gewalt gehen Hand in Hand. In Holland werden Rechtsanwälte und Kronzeugen umgebracht. Das wollen wir in Hamburg nicht. Wir wollen daran arbeiten, die Strukturen so zu zerstören, dass es beispielsweise keine Schießereien wegen Drogen gibt. Denn die gab es.

Warum nehme ich als Kartell eigentlich den Weg über den Hamburger Hafen? Die wissen doch, dass dort genau geguckt wird. Gibt es nicht andere Wege, sind U-Boote nicht mehr „in“?

Doch, in Spanien wurde letztens ein U-Boot an der Küste sichergestellt. Aber das ist selten, der Platz für die Ware ist begrenzt, und durch den kompletten Atlantik mit dem U-Boot zu schippern, ist auch nicht ganz einfach. Es gilt die Regel: Die illegale folgt der legalen Ware. Und da, wo die meiste reinkommt, kann ich es am besten verstecken. 9 Millionen Container pro Jahr am Hamburger Hafen, da ist das Risiko, erwischt zu werden, berechenbar.

Zoll-Chef René Matschke zeigt ein Koks-Paket (9 Kilo). Wert: zirka 700.000 Euro. Gestreckt noch mehr! (24hamburg.de)

Haben Sie Respekt vor den Kartellen? Wie sehen Sie Ihre Rolle: Licht gegen Dunkel?

Man muss das immer auch bisschen sportlich sehen, mal gewinnt man, mal verliert man. Es sind nicht nur dumme Leute auf der anderen Seite, auch sehr clevere, das muss man respektieren – auch wenn sie aus unserer Sicht auf der falschen Seite sind. Ich muss jetzt keine Hochachtung haben, weil die Kokain schmuggeln, aber da sind Köpfe dabei, die könnten in der freien Wirtschaft gut überleben. Auch Kartelle haben Logistik, IT, und weiteres.

Die ärmsten Schweine in der Kette sind die Straßenverkäufer. Meist als erstes erwischt, am schlechtesten bezahlt. Empfinden Sie da so etwas wie Mitleid?

Jeder weiß, worauf er sich einlässt. Es ist nicht so: Die schlittern da rein. Wenn Sie mit 100 durch die Stadt Hamburg fahren, dann geblitzt werden, müssen Sie damit rechnen, dass der Führerschein weg ist.

Oft sind die Koks-Pakete in mehrere Schichten eingepackt. Dieser Fund hat einen Reinheitsgrad von über 80 Prozent. (24hamburg.de)

Herr Matschke, wo sind die 16 Tonnen?

Das würden Sie wohl gerne wissen. Aber Spaß beiseite: Die wurden größtenteils vernichtet, verbrannt. Wir wollen keinem die Hoffnung geben, etwas zurückzubekommen. Es ist ja nicht jeder glücklich, wenn ihm etwas weggenommen wird.

Abgesehen von Kokain, was macht der Hamburger Zoll sonst noch für kuriose Funde?

Da waren etwa sieben Container mit Nike-Schuhen, die zunächst relativ gut aussahen. Die sollten für 80 Euro im Internet verkauft werden. Natürlich waren sie gefälscht. Schlimmer ist das bei Flugzeugteilen oder Medikamenten, wenn die gefaked sind, kann das übel enden. Da passen wir auf, dass die nicht den Markt fluten. Und gefälschte Zigaretten! Der Schmuggel lohnt sich immer noch.

Wo kriegt man die?

Nicht in Hamburg. Die gehen eher ins Ausland. England beispielsweise, weil da Rauchen teuer ist.

Eine weitere beliebte Schmuggel-Ware sind Zigaretten. Auch davon zieht der Zoll eine Menge ein. (24hamburg.de)

Was ist mit anderen Drogen, Chrystal Meth, Heroin? Wo kommt das her?

Wenig über den See-Weg. Heroin kommt aus Asien, aus dem „Goldenen Dreieck“: Laos, Thailand und Myanmar. Das bringen Lkw über die Balkan-Route rein. Crystal Meth kam lange Zeit aus Tschechien. Inzwischen zieht Holland groß nach. Dort gibt es mittlerweile viele Labore.

Werden im Hamburger Hafen auch Menschen oder Tiere geschmuggelt?

Nein, das gibt die See-Route nicht her. Der Weg ist zu weit, die Temperaturen in den Containern zu hoch. Das überlebt man nicht. Höchstens die Spinnen in den Bananenkisten.

Was war die kreativste Schmuggel-Art, die Sie bislang erlebt haben?

Da gab es einmal drei Container voll mit Holzkohle-Briketts, aber das waren sie natürlich nicht, sondern Kokain! Wirklich aufwendig gestaltet, mit dem bloßen Auge nicht von normalen Briketts unterscheidbar. Aber es gibt auch Kokain in Holzmöbeln verarbeitet, Kokain auf Kleidung, die dann ausgekocht wird. Da ist so viel Geld im Spiel, da gibt es in Sachen Ideen-Reichtum keine Grenzen.

Das klingt alles nach einem ewigen Katz-und-Maus-Spiel. Hand aufs Herz: Würde eine andere Drogen-Politik Ihre Arbeit nicht erleichtern?

Es ist nicht so, dass die organisierte Kriminalität bei einer Legalisierung ab morgen zu Aldi an die Supermarkt-Kasse geht. Die würden sich etwas anderes suchen: Zigaretten-Schmuggel, gefälschte Marken, Prostitution, Schutzgelderpressung. Wenig Arbeit, wenig Aufwand, illegal viel Geld verdienen. Vielleicht ändert eine andere Drogenpolitik etwas bei den Usern, aber die organisierte Kriminalität bleibt weiter bestehen. Das viele Geld wird verdient, weil es gefährlich und verboten ist. Das ist meine Erfahrung, das ist die Erfahrung aus 100 Jahren Kriminalgeschichte.

Also keine Verschnaufpause für Ihre Behörde?

Nein, nicht, solange es organisierte Kriminalität gibt. Und ich gehe davon aus, dass es die immer geben wird. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Fabian Raddatz/24hamburg.de

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