Helden kochen für Helden

Corona-Lockdown in Hamburg: Gastronom Koral Elci kocht für Obdachlose

  • Leonard von Steuber
    vonLeonard von Steuber
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Vor der Corona-Pandemie hat der Hamburger Gastronom Koral Elci Unternehmenskantinen versorgt. Im Lockdown kümmert sich Elci rührend um Obdachlose und Bedürftige.

Hamburg – Im März 2020 schlägt der bundesweite Lockdown zu. Die meisten Geschäfte und alle Gastronomien schließen, zwischenmenschliche Kontakte werden stark eingeschränkt, auch soziale Institutionen wie die Hamburger Tafel müssen vorerst schließen. Eine schwierige Zeit für viele. Die Gastronomie macht von einem auf den anderen Tag keinen Umsatz mehr, und Obdachlose in ganz Deutschland haben plötzlich nichts mehr zu Essen mehr.

Koral Elci, zusammen mit seinem Bruder Onur Geschäftsführer der kulinarischen Agentur „Kitchen Guerilla“ aus St. Pauli, passt das nicht. Sie wollen helfen. Mit staatlichen Hilfen gefüttert zusehen, wie Obdachlose in Hamburg verhungern, das ist einfach nicht ihre Mission. Viele Bedürftige in Hamburg bekommen nicht einmal mehr das Nötigste an Nahrungsmitteln gestellt.

Also tun sie was nötig ist: Ein Verein lässt sich so schnell nicht gründen, deshalb nehmen sie keine Spenden an, sondern verkaufen online für sieben Euro virtuelle Tickets, die dann als vollständige Mahlzeit mit Getränk, Hauptgericht und Obst ausgegeben werden können. Das hat bis jetzt knapp 20.000 Mal geklappt.

Firma:Kitchen Guerilla
Geschäftsführer:Koral Elci, Onur Elci
Aktivitäten:Kantinenbetreuung, Digitalkontent, Eventgastronomie
Gründung: 2009
Agenda:Gesundes Essen populär machen

Kochen im Lockdown hat positiven Effekt – für Obdachlose und für die eigenen Mitarbeiter

Über 18.000 Mahlzeiten wurden in den letzten zwölf Monaten an Obdachlose ausgegeben – das macht sich bemerkbar. Zum einen in den Mägen von den aktuell gut 1900 Obdachlosen, zum anderen aber auch im psychischen Zustand der Mitarbeiter. Das Geld ist in Kurzarbeit natürlich wesentlich weniger, auch die Stunden sind reduziert. Es ist aber zumindest etwas im Gegensatz zur fristlosen Zwangskündigung mit kleiner Abfindung.

Koral Elci und seine Kitchen Guerilla kochen schon seit Anfang 2020 für Obdachlose.

Das finden auch die Mitarbeiter: „Es ist enorm wichtig für mich, den Rückhalt von meinem Arbeitgeber zu spüren“ erzählt Stephen Bennet, Küchenleiter der Kitchen Guerilla, im Gespräch mit 24hamburg.de. Auch auf die Frage, warum er sich in dieser Zeit noch sozial engagiert, hat er eine klare Antwort:

Die Frage stellt sich nicht. Wir leben hier im absoluten Luxus, und wenn es eine Möglichkeit gibt, etwas zurückzugeben, nehme ich sie wahr.

Stephen Bennet, Küchenleiter Kitchen Guerilla

Wie Tim Mälzer: Corona-Held ist dankbar für Hilfen – Staat sei aber überfordert

Ganz so einfach war es für die Kitchen Guerilla jedoch nicht, den Obdachlosen, zu denen In Coronazeiten auch mehr und mehr Kinder gehören*, schnelle Hilfe anzubieten. In den ersten Wochen wurde von Koral und seinem Bruder zwar kein Profit gemacht, aber durch die großen „getarnten“ Spendenzahlen jede Menge Umsatz generiert. Zu viel um genau zu sein, um die Überbrückungshilfe I in Anspruch nehmen zu können.

Wir haben auf beiden Seiten geholfen, und wurden dafür bestraft.

Koral Elci

Sowohl einen offenen Brief an Hamburgs Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), als auch eine Petition ans Bundeswirtschaftsministerium hatte die Kitchen Guerilla letztes Jahr deshalb erstellt – ohne nennenswerten Erfolg. Ähnlich wie TV-Koch Tim Mälzer musste man sich also größtenteils selbst helfen.

Doch den Politikern selbst möchte Elci nicht die Schuld dafür geben. Viel mehr ginge es um unsere ausgeprägte Bürokratie, wie er im Interview sagte: „Krisenmanagement ist einfach nicht so unser Ding, dafür ging es uns auch zu lange gut.“

Ein kleines Aufatmen könnte es mittlerweile jedoch geben – Vizekanzler und Bundesfinanzminister Olaf Scholz gab Anfang April bekannt, umfangreichere Corona-Hilfen und eine deutliche Senkung der Mehrwertsteuer für die Gastronomie umsetzen zu wollen – verstummen tat die Kritik am Umgang mit Restaurants aber deshalb noch nicht.

Gesundes Essen: Nicht nur für Obdachlose – auch für Pfleger

Doch nicht nur Obdachlosen hat die Kitchen Guerilla letztes Jahr etwas Gutes getan, auch die Pflegeberufe litten massiv unter dem Lockdown. Viele Lieferketten konnten nicht eingehalten werden, vor allem aber waren aufgrund der angezogenen Hygienevorschriften die meisten Krankenhauskantinen geschlossen – auf ein Mal mussten sich die im Lockdown am meisten beanspruchten Menschen selbst versorgen.

Das war einfach eine Geste, ein Dankeschön.

Koral Elci

Was in Berlin als die Initiative „Kochen für Helden“ begann, weil ein Gastronom seinen Rinderrücken verwerten wollte, breitete sich deshalb schnell nach Hamburg aus, und besteht mittlerweile aus einem Verbund von 103 Restaurants. Sogar Star-Koch Tim Mälzer beteiligt sich rege an der Aktion*.

Neben dem wohltätigen Aspekt passt dieses Projekt auch in die sonstige Agenda der Kitchen Guerilla, denn schon seit Jahren machen sich die Gebrüder Elci mit Kochbüchern und digital Content ihrer Agentur für gesünderes Essen im Arbeitsumfeld stark. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Koral Elci/Horst Ossinger/dpa/Fabian Sommer/dpa

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