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Aus Klimaschutzgründen: Genossenschaft will 160 Wohnungen abreißen

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Von: Kevin Goonewardena

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Ausgerechnet eine Genossenschaft will in Hamburg-Bahrenfeld 160 Wohnungen abreißen. Für den Klimaschutz. Die aktuellen Bewohner befürchten Verdrängung.

Hamburg – Die Genossenschaft Altonaer Bau- und Sparverein, kurz Altoba, will in Hamburg-Bahrenfeld insgesamt zehn Mehrfamilienhäuser aus ihrem Bestand mit in Summe 162 Wohnungen abreißen. Bei dem Vorhaben geht es angeblich um den Klimaschutz – denn die alten Gebäude sollen neuen weichen, die den heutigen Energiestandards genügen. So betont die Genossenschaft dann auch die ökologischen und nachhaltigen Aspekte der Neubaupläne.

Die Bewohner der Hamburger Siedlung aus den 1969er Jahren fürchten jedoch, dass sie verdrängt werden – sie haben Angst, sich die späteren Mieten nicht mehr leisten zu können.

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Name:Altonaer Spar- und Bauverein eG
Adresse:Barnerstraße 14 a, 22765 Hamburg
Gründungsjahr:1892
Wohnungsbestand:etwa 7000

Wohnen in Hamburg: Altoba Genossenschaft verteidigt Abriss – „Die Anlage hat ihre besten Jahre gehabt“

„Die Anlage hat ihre besten Jahre gehabt“, lässt Altoba-Sprecherin Silke Kok in der Hamburger Morgenpost wissen. Sowohl Dächer und Fenster als auch die Rohrleitungen müssten erneuert, die Wände gedämmt werden. Dass eine Modernisierung der Gebäude zwischen den Straßen Luthergrund und der Schmalkaldener Straße nördlich der Bahrenfelder Chaussee längst überfällig ist, ist unstrittig.

Ein Wohnhaus am Luthergrund in Hamburg und ein Bagger beim Abriss eines Hauses
Gut für das Klima? Die Hamburger Genossenschaft will 162 Wohnungen abreißen lassen. (Symbolbild) © Andre Lenthe/Wolfgang Maria Weber/imago/Montage

Strittig hingegen ist, ob eine Sanierung der Gebäude nicht ausreichend gewesen wäre und sich der Abriss und anschließende Neubau, für den sich die Altoba entschieden hat, somit nicht hätte gespart werden können. Altoba-Sprecherin Silke Kok sagt, der Abriss und Neubau sei wirtschaftlich und ökologisch nachhaltig. Und: „Natürlich sollen alle Bewohner dort auch in Zukunft leben können.“ Anders als die Kicker von Oberligist und Kult-Club Altona 93: Bis 2025 muss der Verein das Gelände der jetzigen Heimstätte Adolf-Jäger-Kampfbahn verlassen, dort entstehen neue Wohnungen. Bauherr auch hier: die Altoba Genossenschaft.

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Angst um Wohnraum in Hamburg: Neubau hält länger und ist günstiger – ermöglicht aber auch Nachverdichtung

Für die Zeit der Maßnahmen müssten die Bewohner in Bahrenfeld jedoch erstmal ausziehen. Die Genossenschaft plant zuerst einen Neubau mit Tiefgarage auf dem heutigen Parkplatz des Komplexes zu errichten, so die Mopo. Dorthin sollen die Bewohner ziehen, deren Häuser zuerst abgerissen werden. Nach und nach sollen weitere Bestandsgebäude abgerissen und neue gebaut werden. Durch eine Sanierung würde sich die Lebensdauer der Gebäude um 40 bis 50 Jahre, durch einen Neubau um 70 bis 80 Jahre verlängern. Eine Sanierung würde zudem mit zwei Dritteln der Kosten eines Neubaus zu Buche schlagen.

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Ist ein Neubau deswegen besser? Fakt ist: Bei Neubauten darf verdichtet werden – es würden also neue Gebäude und somit mehr Einnahmen für die Genossenschaft entstehen können. Tatsächlich würden auch die Kosten für die Bewohner steigen, Altoba-Sprecherin Kok erinnert daran, dass man allerdings auch auf die steigenden Nebenkosten achten müsse und die seien, auch in den Zeiten der aktuellen Energiekrise, bei Neubauten einfach geringer.

Altoba: Bereits in Gesprächen mit dem Bezirk – Baustart für 2024 geplant

Die Atoba befindet sich bereits mit dem Bezirk Altona im Gespräch. Geplant ist ein Start des Projektes für das Jahr 2024. Die Hamburger Stadtentwicklungsbehörde wiegelt ab. Erst nach abschließender Prüfung könne man sagen, ob eine nachhaltige Entwicklung des Geländes möglich ist. Ganz und gar nicht ökologisch und nachhaltig finden derartige Abrisspläne viele Architekten, Professoren und der Bund deutscher Architekten (BDA). Er hatte am 19. September 2022 in einem offenen Brief an die Bundesbauministerin Klara Geywitz ein Abriss-Moratorium gefordert.

Wissenschaftler fordern Erhalt statt Neubau in Deutschland

Auch aus Klimaschutzgründen haben deutsche Wissenschaftler, darunter auch Professoren der HafenCity Universität in Hamburg, die Sanierung von Bestandsgebäuden statt des Abrisses der selbigen gefordert. Sie argumentieren unter anderem mit der vermeidbaren Menge an Müll, die durch die dann wegfallenden Abrissarbeiten eingespart werden könne – und die Menge ist alles andere als unerheblich.

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„In Deutschland entstehen jedes Jahr 230 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle, was 55 Prozent des gesamten deutschen Abfalls ausmacht. Heute, wo die Klimaerwärmung spürbar, die Energieversorgung unsicher und die planetaren Grenzen erreicht sind, ist nicht der Erhalt von Gebäudestrukturen erklärungsbedürftig, sondern ihr Abriss“, heißt es in dem Appell der WIssenschaftler, „statt Abriss und Neubau stehen wir für Erhalt, Sanierung, Umbau und Weiterbauen im Bestand. Jeder Abriss bedarf einer Genehmigung unter der Maßgabe des Gemeinwohls, also der Prüfung der sozialen und ökologischen Umweltwirkungen.“

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