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„Sehen wir sehr kritisch“: Hamburger Kneipen wollen Fußball-WM in Katar nicht zeigen

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Von: Steffen Maas

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Die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar ist aufgrund der kläglichen Menschenrechts-Bilanz umstritten. In Hamburg wird sie deshalb vielerorts kaum zu sehen sein.

Hamburg – Die Liste der Argumente gegen die Ausrichtung einer Fußball-Weltmeisterschaft im Wüstenstaat Katar ist lang. Sehr lang. Dabei reicht eigentlich schon ein einziger Punkt: Im Emirat sind laut Amnesty International allein zwischen 2010 und 2019 über 15.000 Gastarbeiter gestorben – viele von ihnen durch die unmenschlichen und sklavenartigen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen für die Stadien und die Infrastruktur der WM 2022. Die größten Fußballverbände der Welt reisen im November trotzdem nach Vorderasien, um in der Wüste ein „Fußball-Fest“ zu feiern. Nach Hamburg werden diese Feierlichkeiten nicht überschwappen: Der Senat, Event-Organisatoren und Kneipenbesitzer wollen mit der Veranstaltung nichts zu tun haben.

Veranstaltung:FIFA Weltmeisterschaft 2022
Ausrichter:Emirat Katar
Staatsform:Absolute Monarchie
Einwohnerzahl:2.677.001

Hamburger Senat: Kein Public Viewing zur WM 2022 in Hamburg

Mit dem Boykott der Wüsten-WM stehen die Hamburger nicht alleine dar: Nachdem französische Großstädte wie Bordeaux, Nancy und Paris bereits eine Absage an öffentliche Fan-Feste erteilt hatte, zog zuletzt in Deutschland auch Frankfurt nach. Und auch in Hamburg werden keine Steuergelder ins „Rudelgucken“ investiert: „Anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar wird in Hamburg kein städtisches Public Viewing veranstaltet“, unterstreicht eine Sprecherin der Behörde für Inneres und Sport auf 24hamburg.de-Anfrage.

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Aber wirklich proaktiv wird man in der Hansestadt Hamburg nicht: Im Gegensatz zur Stadt Frankfurt nutze man die Gelegenheit nämlich nicht, um sich als Behörde „an Projekten und Kampagnen, die auf die Missstände hinweisen und diese anprangern“ zu beteiligen. Zudem weist die Behördensprecherin darauf hin, dass die Stadt selbst generell kein Veranstalter solcher Events ist. Anfragen für die Ausrichtung von Public Viewings habe man jedoch auch nicht erhalten.

Wann beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar?

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar beginnt mit dem Eröffnungsspiel Katar gegen Ecuador am Sonntag, 20. November 2022, um 17 Uhr. Die Vorrunde geht bis einschließlich Freitag, 2. Dezember 2022. Das Finale des Turniers findet schließlich am Sonntag, 18. Dezember 2022, um 16 Uhr statt.

Aufgrund der geografischen Begebenheiten und der Tatsache, dass es in der katarischen Wüste im Sommer regelmäßig bis zu 40 Grad werden, findet die FIFA WM 2022 in diesem Jahr im Winter statt. An regulären Spieltagen der Gruppenphase finden die Begegnungen zu den mitteleuropäischen Zeiten von 11:00 Uhr, 14:00 Uhr, 17:00 Uhr und 20:00 Uhr statt.

Ein Veranstalter, der sich sonst um das gemeinsame Mitfiebern bei Fußball-Großveranstaltungen kümmert, ist die Hamburger „Bergmanngruppe“. Deren Verantwortliche hatte etwa zuletzt zur Weltmeisterschaft 2018 das Public Viewing auf dem Heiligengeistfeld organisiert. Doch zur WM 2022 in Katar positioniert man sich hier klar: „Sich im Rahmen dieser doch sehr kontroversen Winter-WM als Veranstalter zu präsentieren, kommt für uns nicht infrage“, erteilte eine Sprecherin gegenüber der Deutschen Presse-Agentur dem Rudelgucken eine klare Absage.

Kneipen in Hamburg zeigen klare Kante: Möchten mit Katar „nichts zu tun haben“

Diese starke und ablehnende Haltung gegenüber einer Weltmeisterschaft, deren Vergabe wohl schon ein Meisterstück der Korruption war, teilen in Hamburg noch andere Unternehmer, die eigentlich von Events und Fußballübertragungen profitieren. So teilen die Betreiber des „Aalhaus“, einer beliebten Bar in Altona, auf ihrer Homepage mit: „Das Aalhaus wird keine Spiele der kommenden Fußball-Herren-WM übertragen. Wir mögen den Sport und lieben vor allem die soziale Begegnung am Tresen, die er bietet. […] Aber die z.T. haarsträubenden Entwicklungen des Geschäfts Fußball sehen wir sehr kritisch.“ Konsequente Schlussfolgerung:

Die kommende WM ist darüber hinaus auch in anderer Hinsicht extrem fragwürdig, deshalb möchten wir damit nichts zu tun haben.

Betreiber der Bar „Aalhaus“, Eggerstedtstraße 39 in Altona

Deutliche Worte hört man ebenfalls vom Team des „ÜberQuell“, einer Kneipe auf St. Pauli: „Wir als ÜberQuell stehen schon seit jeher für Toleranz und ein buntes Miteinander. Deswegen können wir keine WM in einem Land unterstützen, in der Homosexualität gesetzlich verboten ist, die individuelle Lossagung vom Islam als Kapitalverbrechen verfolgt wird und Frauen durch gesetzliche Regelungen stark benachteiligt werden.“ Sie haben sich deshalb der deutschlandweiten Boykott-Bewegung unter Gastronomen, „#BoycottQatar2022“, angeschlossen und stellen klar:

Wir wollen keine WM, bei der für unseren Torjubel Menschen sterben mussten und Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Deswegen boykottieren wir die WM und werden bei uns im ‚ÜberQuell‘ kein Spiel zeigen.

Betreiber der Brauwerkstätten „Überquell“, Fischmarkt 28-32 auf St. Pauli

Gastronomie Hamburg: Verzicht überhaupt möglich bei finanzieller Lage?

In einer Umfrage der Hamburger Morgenpost positionierten sich auch die Eimsbüttler Gaststätten „Baradona“ und „Amanda 66“ deutlich gegen die Übertragung der Fußball-WM. Andere Stimmen unterstreichen jedoch auch, dass nicht alle Gastronomen in einer Branche, die von Corona-Pandemie und Energiekrise arg gebeutelt ist, den Luxus haben, auf die Mehreinnahmen eines solchen Riesen-Events verzichten zu können.

23.04.2022, xblx, Fussball 1.Bundesliga, SC Freiburg - Borussia Moenchengladbach emspor, v.l. Plakat, Banner gegen die W
Immer wieder wird der Protest gegen die Fußball-WM in Katar öffentlich gezeigt – wie hier bei einem Bundesliga-Spiel. © IMAGO/Blatterspiel

Letzten Endes werden also auch Leute, die darüber hinwegsehen können, dass Katar beim Freiheitsindex von „Freedom House“ nur 25 von 100 Punkten erreicht oder beim Ranking zur Geschlechtergleichheit des „World Economic Forum“ nur Platz 134 von 146 belegt, ab November in Hamburg in Gesellschaft die Fußball-WM feiern können.

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