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„Katastrophe“: Klimaforscher warnt – Hamburg simuliert Ernstfall

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Von: Steffen Maas

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Der Hamburger Klimaforscher Mojib Latif warnt eindrücklich vor Wetterextremen. Um vorbereitet zu sein, simulierte der Hamburger Senat jetzt einen Notfall.

Hamburg – Hitzewelle, Waldbrandgefahr, 35 Grad in Hamburg: Das Wetter erinnert einen schmerzhaft an die weiter wachsende Gefahr des Klimawandels. Das große und wichtige Ziel, die Erderwärmung im Vergleich zur vor-industriellen Zeit auf 1,5 Grad zu begrenzen? Nicht mehr zu erfüllen – sagt der Meteorologe Mojib Latif. Für den Präsidenten der Akademie der Wissenschaften in Hamburg sind selbst zwei Grad Erwärmung unrealistisch. „Nimmt man das, was die Politik weltweit derzeit macht, sind wir eher auf dem Kurs drei Grad“, stellte der Klimaforscher nun gegenüber den Zeitungen der Mediengruppe Bayern ernüchtert fest.

Name:Mojib Latif
Geburtsort:Hamburg
Beruf:Meteorologe, Hochschullehrer
Funktion:Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg

„Zeit abgelaufen“: Mojib Latif enttäuscht über Tatenlosigkeit in der Klimakatastrophe

Der in der Hansestadt Hamburg geborene Latif warf der Politik Tatenlosigkeit vor. Es gebe scheinbar immer Wichtigeres als den Umweltschutz, beklagt der Klimaforscher: „Weltweit betrachtet haben wir in den letzten Jahrzehnten das Klimaproblem praktisch ignoriert.“ Die Konsequenz:

Wir nähern uns dem Punkt, an dem man sich eingestehen muss: Die Zeit ist abgelaufen.

Mojib Latif, Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg

Latifs Aussagen kommen passend zum Petersberger Klimadialog, bei dem bis zum heutigen 19. Juli 2022 die Vertreter von über 40 Nationen rund um Bundeskanzler Olaf Scholz in Berlin neueste Erkenntnisse und Ideen besprechen und die kommende Weltklimakonferenz vorbereiten. Bisher ist aus den Gesprächen wohl nicht viel Zählbares herausgekommen, was Mojob Latifs düsterer Prophezeiung mehr Gewicht verleiht, wenn er vom durch Tatenlosigkeit ausgelösten Worst-Case-Szenario spricht:

Drei Grad wären eine Katastrophe.

Mojib Latif, Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg

Klimareport in Hamburg: Mehr Hitze, mehr extreme Wetterereignisse

Regelmäßig warnen Wissenschaftler und Experten vor den extremen Auswirkungen des von Menschen gemachten Klimawandels – auch in Hamburg. Erst Ende des vergangenen Jahres veröffentlichte der Deutsche Wetterdienst gemeinsam mit der Umweltbehörde den ersten Hamburger Klimareport. Die Ergebnisse und Modellierungen waren schockierend.

Abgesehen vom Aufhänger-Thema Hitze – Hitzetage mit mehr als 30 Grad haben sich seit 1950 in Hamburg von 2,1 auf 7,3 Tage pro Jahr mehr als verdreifacht – sind besonders die anschließenden katastrophalen Auswirkungen für die Natur frappierend. Extreme Wettereignisse würden zunehmen. Darunter auch: Eine höhere Anzahl an Starkregenfällen, die zusätzlich durch immer ausgetrocknetere Böden nicht aufgenommen werden könnten.

Flutkatastrophe im Ahrtal: Stadt Hamburg will lernen

Passiert ist genau das im vergangenen Jahr im Ahrtal – mit verheerenden Folgen. Die Stadt Hamburg will daraus lernen und auf die wachsenden Klima-Herausforderungen für die Hansestadt vorbereitet sein. Im Senat hat man daher die Wetterdaten aus dem Ahrtal genommen und sie in ein Hamburger Szenario eingespeist.

Überschwemmungen im Ahrtal, Ort Dernau, im Juli 2021.
Unglaubliche Zerstörung, ausgelöst durch Starkregen: Im Ahrtal wurden im Juli 2021 durch Überschwemmungen etliche Existenzen ruiniert. © Christoph Hardt/imago

134 Menschen kamen ums Leben, 7154 Häuser wurden zerstört, 15 Milliarden Euro Sachschäden entstanden: Die Flutkatastrophe von einem Jahr im Ahrtal im Südwesten der Republik forderte viele Opfer und ruinierte viele Existenzen. Hundertprozentigen Schutz gibt es vor so einem extremen Wettereignis nicht, doch um so gut vorbereitet zu sein wie möglich, ließ der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) in Abstimmung mit der Umweltbehörde nun genauso viel Regen auf Hamburg prasseln wie damals im Ahrtal – auf dem Computer.

Überschwemmungen in Hamburg – echt und am Computer simuliert

Nicht, dass die Hansestadt Hamburg nicht ihre ganz eigenen Erfahrungen mit Sturmfluten und Überschwemmungen gemacht hat. Immerhin mehr als 180 Starkregenereignisse wurden in den letzten zehn Jahren in Hamburg verzeichnet – teils auch mit größeren Sachschäden. Doch gerade deshalb ist man bei der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA) sensibilisiert für die Gefahren mit Niederschlägen und Gewässern.

„Das Klimaproblem praktisch ignoriert“: Klimaforscher Mojib Latif warnt vor weiteren Wetterextremen
„Das Klimaproblem praktisch ignoriert“: Klimaforscher Mojib Latif warnt vor weiteren Wetterextremen. © Daniel Reinhardt/Daniel Bockwoldt/Bodo Marks/dpa/Montage

Mit einer modellbasierten Hochwassersimulation versuchten die Experten vom LSBG die Niederschlagsdaten des extremen Regenereignisses vom Juli 2021 im Ahrtal auf die Hamburger Gewässer Alster, Kollau und Wellingsbüttler Grenzgraben zu übertragen. Das Ergebnis? „Trotz der großen Unterschiede bei den Randbedingungen hätte ein solches extremes Regenereignis auch in Hamburg erhebliche Auswirkungen“, heißt es im Bericht des Senats.

Starkregen-Simulation zeigt tagelange Überschwemmungen

Abflussmengen, Strömungsgeschwindigkeiten, Überschwemmungen und Überflutung – das sind die Kategorien, die bei solchen Simulationen im Fokus stehen. Die Ausmaße in all diesen Kategorien wären bei Ahrtal-Niederschlägen auch in Hamburg äußerst hoch – selbst im Vergleich zu einem „seltenen Hochwasserereignis“, das bisher für Berechnungen herangezogen wurde.

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Aufgrund der unterschiedlichen landschaftlichen Gegebenheiten wären bei solchen Regenfälle in Hamburg mit einer „weniger ausgeprägten Hochwasserdynamik mit geringeren Fließgeschwindigkeiten“ zu erwarten. Allerdings: Aufgrund der flacheren Geographie würde das Hochwasser länger stehen: Bis zu fünf Tage lang würde es rund um die Alster zu Überschwemmungen kommen.

Simulation: Schäden an der Infrastruktur und Probleme für die Notdienste

„In Kombination mit den Wassermengen sind bei dieser Dauer eine Beeinträchtigung des Verkehrs und Schäden an der Infrastruktur nicht auszuschließen“, stellt das Experten-Team fest. Das bedeutet neben Sachschäden auch, dass medizinische Notfälle zu größeren Herausforderungen würden: „In dicht besiedelten Gebieten würde die Dauer des Hochwasserereignisses die Rettungsdienste vor besondere Herausforderungen stellen und Evakuierungsmöglichkeiten erschweren.“

Bedenklich ist vor allem, dass das Ausmaß eines solchen Wettereignisses offenbar nochmal ein Vielfaches von dem beträgt, was bisher zur Berechnung als Grundlage galt. Die Anzahl der betroffenen Gebäude rund um Alster und Kollau würde bei Regenfällen wie im Ahrtal um das Fünffache steigen.

Dass es zu so extremen Regenfällen wie im Ahrtal kommt, ist unwahrscheinlich – aber meteorologisch und hydrologisch möglich. Für die Stadt ist eine solche Simulation des Worst-Case-Szenarios auf jeden Fall hilfreich, denn: „Regenereignisse des Ausmaßes vom Juli 2021 im Ahrtal können in Hamburg zu einer höheren und komplexeren Hochwassergefahr führen, als die bisherige Ermittlung der Gefahren- und Risikokarten aufgezeigt hat.“

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