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Kampf gegen Obdachlosigkeit: Werbe-Anhänger hilft kreativ – und doppelt

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Von: Steffen Maas

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Seit Monaten engagiert sich ein Projekt kreativ für Obdachlose in Hamburg – mit einem Anhänger. Ein erstes Fazit ist positiv.

Hamburg – Rund 2000 Obdachlose gab es laut einer Studie der Sozialbehörde der Stadt Hamburg im Jahr 2018. Die Tendenz schon da: stark steigend. Dabei sollte diese Zahl optimalerweise genau Null sein – so zum zumindest das Ziel der EU bis 2030, das sich auch Hamburg steckte. Einen Beitrag dazu leistet seit einigen Monaten ein Projekt der Obdachlosenzeitung „Hinz und Kunzt“: Ein Werbe-Anhänger bietet Wohnungslosen sicher, hygienisch und unkompliziert Schutz in der Nacht. Und mit den Einnahmen des Werbeflächenverkaufs finanziert die Initiative weitere Aktionen im Kampf gegen Obdachlosigkeit.

Name:Hinz und Kunzt
Art der Publikation:Hamburger Straßenmagazin
Erstausgabe:November 1993
Monatliche Auflage:60.000 Exemplare (Stand: 2020)

Obdachlose in Hamburg: Anhänger zum Übernachten – „Null bis 2030“ ist Ziel

„Null bis 2030“ prangt als Slogan auf der Seite des Werbe-Anhängers. Das Ziel ist klar: Null Wohnungslose in der Hansestadt bis zum Jahr 2030. Im Kleinen trägt der Anhänger selbst jede Nacht dazu bei, indem der Raum mit Dämmung, intelligenter Belüftung, Notausgang, Notfallknopf und Steckdose Obdachlosen unkompliziert Unterschlupf ermöglicht. Schon andere Hamburger Unternehmen überlegten sich innovative Ideen, um Obdachlosen in Hamburg zu helfen.

Ein Werbe-Anhänger in Hamburg als Mini-Zuflucht für Obdachlose.
Seit mehr als einem halben Jahr können Obdachlose in dem Werbeanhänger in Hamburg einen geschützten Schlafplatz finden. Finanziert wird die Mini-Unterkunft durch Werbung auf den beiden Dachseiten. © Christian Charisius/dpa

Im Großen soll die Kampagne Aufmerksamkeit schaffen für den Kampf gegen die Obdachlosigkeit: „Das ist eine große Aufgabe, die große Anstrengungen erfordert“, erklärt das Projekt auf seiner Homepage die Idee hinter dem sogenannten „City Life Billboard“. In der Vergangenheit hatte man das Gefühl, dieser Aufgabe sei die Stadt Hamburg nicht angemessen gewachsen gewesen.

Obdachlose in Hamburg: Mini-Unterkunft wird gut angenommen

Die Mini-Unterkunft ist seitdem gut angenommen worden, heißt es von den Initiatoren des werbefinanzierten Schlafplatzes. Konkrete Zahlen gibt es nicht, weil respektvoll mit der Privatsphäre der Obdachlosen umgegangen werden soll und die Belegung deshalb nicht dokumentiert wird, wie eine Sprecherin der für das Projekt mitzuständigen Werbeagentur der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg sagte. „Doch soweit wir nachvollziehen können, ist das ‚City Life Billboard‘ nahezu jede Nacht belegt. Da es regelmäßig den Standort wechselt, gehen wir bei der Belegung von wechselnden Bewohnern aus.“

Obdachlose in Hamburg: Mehr als 40 Tote in 2021

Im vergangenen Jahr sind mindestens 40 Obdachlose in der Hansestadt gestorben, das ging im November aus einer Antwort des Senats auf eine Anfrage der Linken-Fraktion hervor. 23 von ihnen sind laut Antwort auf den Hamburger Straßen verstorben, Auffindeorte waren unter anderem: unter der Brücke, im Parkhaus, im U-Bahnhof, auf einer Parkbank, auf einem Grünstreifen. Zudem starben mindestens 17 Menschen ohne festen Wohnsitz nach der Einlieferung in ein Krankenhaus.

Sozialarbeiter unter dem „Hinz und Kunzt“-Dach berichteten anschließend von einer noch größeren Zahl und sprachen von mindestens 29 Toten. „Ich finde keine Worte für die dramatische Situation, in der sich Obdachlose auf Hamburgs Straßen befinden“, äußerte sich Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer im November.

Auffällig an den Zahlen des Senats war zudem, dass viele der Toten in und um die Sommermonate aufgefunden wurden. Eine der größten Gefahren für Obdachlose sind Erfrierungen aufgrund der niedrigen Temperaturen im Winter.

Dem Reinigungsdienst zufolge werde der Schlafplatz zudem von seinen Bewohnern respektvoll behandelt und sehr gut angenommen. „Ein Bewohner wurde sogar selbst beim Putzen des ‚City Life Billboards‘ angetroffen“, ergänzte eine Sprecherin des Hamburger Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“. Ein obdachloser Stadtteilkünstler habe zudem eins seiner Werke mit einem emotionalen Dankeschön dem Projekt und dem Team gewidmet.

Anhänger für Obdachlose in Hamburg: Werbeeinnahmen finanzieren das Projekt – und mehr

Auch mehrere Unternehmen haben das Konzept seitdem mit Werbung auf dem sogenannten „City Life Billboard“ unterstützt. „Ein Kunde fand das Projekt sogar so gut, dass er gleich zwei Plakate gebucht hat“, so die Agentur-Sprecherin. Die Anzeigen kosten den Angaben zufolge für sieben Tage rund 5000 Euro. Über den Sommer gebe es noch freie Kapazitäten.

Dank der ersten Werbekunden sind die Herstellungskosten für den Werbe-Anhänger mit integriertem Schlafplatz bereits gedeckt. Seitdem werde mit jedem weiteren Plakat Gewinn erzielt, hieß es weiter. Das Geld geht vollständig als Spende an „Hinz & Kunzt“ und wird über einen Fonds dafür eingesetzt, Obdachlosen auch langfristig ein Dach über dem Kopf bieten zu können.

Auslaufendes Winternotprogramm sorgte für Probleme für Obdachlose in Hamburg

Ende April lief das Winternotprogramm der Stadt Hamburg aus, das laut einem Bericht des NDR im Winter 21/22 rund 670 Menschen zeitweise Unterschlupf bot, und zuvor aufgrund der Corona-Pandemie ungewöhnlicherweise beinahe durchgehend seit zwei Jahren durch einen erheblichen Kraftakt der Sozialbehörde am Laufen gehalten wurde. Das Projektteam des „City Life Billboards“ mahnt, dass mit dem Ende des Programms wieder hunderte Obdachlose ohne Unterkunft sind.

Im Kampf gegen Obdachlosigkeit geht aber auch die Stadt Hamburg auch neue Wege: Im Juli beginnt offiziell das auf drei Jahre angelegte Modellprojekt „Housing First“. In der mit 880.000 Euro geförderten Maßnahme werden bis zu 30 Wohnungen bereitgestellt und Bewohner mit der Sicherheit eines festen Wohnsitzes betreut und bei der täglichen Problemlösung professionell begleitet. (Mit Material der dpa)

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