Neuer Wall und Große Bleichen bald autofrei

Die Grünen in Hamburg verbieten Autos auf dem Jungfernstieg – Opposition auf 180: „Schlag ins Gesicht“

  • Johanna Ristau
    vonJohanna Ristau
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Streit um Hamburger Jungfernstieg: Der Hotspot im Herz der Hansestadt wird bald autofrei sein. Der Umbau soll im Herbst 2021 starten. Das Vorhaben des Verkehrssenators Anjes Tjarks (Die Grünen) gefällt aber nicht jedem. Im Gegenteil: CDU-Mann David Erkalp ist aufgebracht. 

  • Hamburger* Verkehrssenator Anjes Tjarks verbannt Autos vom Jungfernstieg.
  • Ab Oktober 2020 dürfen keine Autos mehr über den Jungfernstieg fahren.
  • Fahrräder, Busse, Taxis und Lieferwagen dürfen den Jungfernstieg weiter befahren.

Hamburg – Der Hotspot der Hamburger City soll im Schweinsgalopp zur autofreien Zone werden. Schon ab Oktober 2020 sollen keine Autos mehr über den Jungfernstieg fahren dürfen. Lieferwagen, Taxis, Fahrräder und Busse des Hamburger Verkehrsverbunds (HVV*) sollen allerdings in der Tempo-30-Zone weiterhin erlaubt sein. Das kündigte Verkehrssenator Anjes Tjarks (39, Grüne) am Donnerstag, 6. August 2020, an, wie der Norddeutsche Rundfunk (NDR*) berichtet. Der 39-jährige Hamburger dazu: „Wir wollen noch in diesem Jahr die Autos aus dem Jungfernstieg herausnehmen.“

Politiker:Anjes Tjarks
Geboren: 12. März 1981 (Alter 39 Jahre), Hamburg
Partei: Bündnis 90/Die Grünen
Alma Mater: Humboldt-Universität zu Berlin

Was genau den Grünen dazu bewegt hat, erklärt er auch: „Es ist einer der schönsten Orte in dieser Stadt – und wir wollen ihn noch schöner zum Flanieren machen. Wir wollen, dass die Hamburgerinnen und Hamburger diesen Ort nochmal auf eine andere Art und Weise sinnlich erfahren können.“ Der Umbau und die Befreiung von Autos sieht er auch als Zeichen für die Mobilitätswende.

Hamburger Jungfernstieg schon vor Umbau autofrei: Vorteile für Fußgänger und Radfahrer

Die Nachteile für Autofahrer kommen Radfahrern und Fußgängern zugute: Radler können zukünftig auf den Straßen fahren, der alte Radweg wird zu einem breiteren Fußweg für Spaziergänger an der Alster* umgebaut. Die Fahrbahnmitte soll ein markierter Streifen mit Pollern und Pflanzen schmücken. An drei Stellen rund um den Jungfernstieg soll es barrierefreie Möglichkeiten geben, die Fahrbahn zu überqueren. Dominik Lorenzen, Vorsitzender der Grünen Bürgerschaftsfraktion erklärt in einer Pressemitteilung: „Es ist knapp ein Jahr her, dass wir Grünen in Hamburg unsere Ideen für eine autoarme Innenstadt vorgestellt haben. Die große, positive Resonanz darauf machte deutlich, dass die Menschen in Hamburg wieder mehr attraktive öffentliche Plätze mit mehr Lebensqualität haben möchten.“

Zufrieden mit seinem Plan: Anjes Tjarks will ab Oktober 2020 Autos vom Jungfernstieg verbannen.

Hamburger Jungfernstieg bald autofrei – auch Neuer Wall und Große Bleichen betroffen

Anjes Tjarks packe laut Lorenzen bereits in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit „einen der zentralen Punkte des Rot-Grünen Koalitionsvertrages an und zeigt, dass die Mobilitätswende kein abstrakter Begriff ist, sondern mit Leben gefüllt werden kann.“ Und: Nicht nur der Jungfernstieg ist bald vom Fahrverbot für Otto-Normal-Autofahrer verboten. Auch am Neuen Wall und auf den Großen Bleichen ist „Flanieren mit dem Auto“ bald tabu. Statt Autos will Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (63, SPD) bald mehr Grün und schönere Plätze im Kern der City sehen. „Der weitgehend autofreie Jungfernstieg wird ein erster Schritt sein, den wir mit größter Sorgfalt angehen. Immer mit dem Ziel, Hamburgs prominenteste Flaniermeile behutsam weiterzuentwickeln, zu einem attraktiven grünen und lebenswerten Ort in unserer Stadt“, heißt es in einer Pressemitteilung vom Senat, der die Innenstadt „Stück für Stück städtebaulich deutlich aufwerten und die Plätze und Freiräume und Wegverbindungen qualitätsvoll umgestalten“, wolle.

Hamburger Jungfernstieg bald autofrei – Parkhäuser in der Innenstadt bleiben erreichbar

Dorothee Stapelfeldt weiter: „Menschen können künftig den Blick über die Binnenalster genießen. All das wird die Anziehungskraft Hamburgs stärken.“ Während der Neue Wall und die Großen Bleichen ab Oktober 2020 nur noch für Radfahrer offen sein werden, wird die Einbahnstraßenrichtung in der Poststraße umgekehrt. Damit soll sich der verkehrsberuhigte Bereich der Anleger der Binnenalster bis ins erste Drittel des Passagenviertels ausdehnen und so die Aufenthaltsqualität der Straßen verbessern. Die Bergstraße bleibe vom Balindamm kommend geöffnet. Hingegen wird das Linksabbiegen vom Gänsemarkt kommend in Richtung zum Neuer Jungfernstieg nicht mehr möglich sein. Das soll auch dem Gänsemarkt zu deutlich höhrer Attraktivität verhelfen. Parkhäuser in der Hamburger Innenstadt bleiben weiterhin erreichbar.

Hamburger Jungfernstieg bald autofrei – CDU-Abgeordneter David Erkalp auf dem Baum

Der endgültige Umbau des Areals startet allerdings erst im Herbst 2021. Man wolle die von der Coronavirus*-Krise geschwächten Einzelhändler nun nicht gleich wieder durch große Baustellen belasten. Auch die Mönckebergstraße* ist von der Mobilitätswende betroffen. Während der Sanierungsarbeiten der U-Bahn werden die Busse ab März 2021 von der Hamburger Einkaufsmeile verbannt. Sollte es keinen Protest geben, sollen sie auch nicht mehr zurückkehren. Diese Neuerungen gefallen der Opposition nicht: „Die Sperrung des Jungfernstiegs ohne Konzept für Verkehrsströme und eine Aufwertung des Areals ist ein Schnellschuss des neuen Verkehrssenators“, wettert beispielsweise CDU-Abgeordneter David Erkalp (46) in einer aktuellen Pressemitteilung.

Sperrung des Hamburger Jungfernstiegs für CDU-Mann David Erkalp „Mogelpackung“

Das Vorhaben sei zudem eine „Mogelpackung“: „In Wahrheit wird nicht nur der Jungfernstieg, sondern damit auch das gesamte innerstädtische Areal zwischen Rathaus und Gänsemarkt de facto gesperrt.“ Zudem sieht der 46-Jährige in dem Plan der Grünen ein Quell des Nadelöhrs. „Es ist völlig unklar, wie die ohnehin Stau geplagte Hamburger Innenstadt damit vorangebracht werden soll.“ Anders als die Rot-Grüne-Fraktion, die den Einzelhandel in der Hamburger City mit dem Auto-Verbot stärken wolle, sieht Erkalp die zukünftige Einschränkung als „Schlag ins Gesicht für Einzelhändler und Gastronomen.“

Der CDU-Mann positioniert sich klar: „Viele wissen nicht einmal, ob sie wirtschaftlich überhaupt bis Jahresende überleben werden, und den Grünen fällt nichts Besseres ein, als nun auch noch die gesamte City für Autofahrer zu sperren.“ Auch vonseiten der Wirtschaft hagelt es Skepsis: „Ich hoffe, dass dem berechtigten Interesse des Hamburger Handwerks an einem flüssigen Handwerks-, Liefer- und Wirtschaftsverkehr Rechnung getragen wird“, merkt etwa Hjalmar Stemmann, Präses der Handwerkskammer, an. * 24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes.

Rubriklistenbild: © Ulrich Perrey/dpa

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