Stühlerücken bei der Berliner SPD

Beliebter SPD-Politiker aus Hamburg wirft hin: Darum ging Johannes Kahrs

  • Enno Eidens
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Er ist einer der beliebtesten Hamburger SPD-Politiker. Nun hat Johannes Kahrs plötzlich all seine politischen Ämter niedergelegt. Warum ging Kahrs?

  • SPD-Politiker Johannes Kahrs trat überraschend am 5. Mai zurück.
  • Seit 1998 sitzt Kahrs für Hamburg-Mitte im Bundestag.
  • Stühlerücken innerhalb der SPD könnte den Rücktritt begünstigt haben.

Hamburg/Berlin - Diese Nachricht schockte am Dienstagabend die Hauptstadtpolitik und die Hamburger SPD. Haushaltsexperte Johannes Kahrs (56) legte mit sofortiger Wirkung alle Ämter nieder. Auch auf sein Bundestagsmandat will er verzichten. Kahrs war Bundestagsabgeordneter und Kreisvorsitzender der SPD in Hamburg-Mitte. Offiziell ging es bei seinem Rücktritt um einen Posten im Bundestag, doch auch Berliner SPD-Personalfragen könnten eine Rolle gespielt haben. Die Hamburger SPD beschäftigt sich gerade mit ihren Koalitionsverhandlungen mit den Grünen. Ob sich die Causa-Kahrs auf diese auswirkt, ist unklar.

Johannes Kahrs: Hamburgs beliebter SPD-Politiker im Bundestag tritt von allen Ämtern zurück

Mit so einem abrupten Schlussstrich hatte in Berlin und Hamburg wohl niemand gerechnet. Der SPD-Politiker Johannes Kahrs legte am Dienstag, 5. Mai all seine politischen Ämter nieder. Kahrs saß 22 Jahre mit Direktmandat aus Hamburg-Mitte für die SPD im deutschen Bundestag. Bei den Hamburgern war er stets sehr beliebt. Für die SPD-Bundestagsfraktion saß Kahrs bis zuletzt als Sprecher im Haushaltsausschuss. Im konservativen Seeheimer Kreis der SPD arbeitete er ebenfalls seit 2004 als einer von drei Sprechern, auch dieses Amt legt der gebürtige Bremer nieder

Überraschend ist dabei, wie ruckartig Kahrs seinen Rückzug vollzogen hat. Accounts auf Instagram und Twitter, die der Hamburger SPD-Politiker häufig benutzt hat, wurden deaktiviert. Auf seiner persönlichen Website gibt es nur noch einen Text auf rotem Hintergrund. Kahrs richtet sich hier mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit. Dort spricht er von einem „persönlichen Neuanfang“, den er sich für 2020 vorgenommen habe. Als Grund für seinen Rückzug nennt er das Amt des Wehrbeauftragten, für das er gerne im deutschen Bundestag kandidiert hätte. Die SPD hatte jedoch eine andere Person ins Rennen geschickt.

Ist SPD-Stühlerücken in Berlin für den Rücktritt von Kahrs verantwortlich?

Sie wurde statt Kahrs nominiert: die Berliner SPD-Poltikerin Eva Högl.

In seiner Erklärung bedankt sich Kahrs bei alten Weggefährten und politischen Begleitern. Der SPD sei er weiterhin zutiefst verbunden. Die Plötzlichkeit mit der sich Kahrs zurückgezogen hat, lässt jedoch einige Fragen offen. Laut Spiegel Online wurde der Hamburger Politiker nicht für das Amt des Wehrbeauftragten vorgeschlagen, weil er von der Union nicht die nötigen Stimmen bekommen hätte. Die Berliner SPD-Politikerin Eva Högl soll nun von SPD und ihren Koalitionspartnern gewählt werden, darauf hat man sich bei der SPD in Berlin geeinigt.

Kahrs macht Platz im großen Berliner Stühlerücken der SPD. Die Bundestagsabgeordnete Eva Högl hat im März bekannt gegeben, nicht mehr für den SPD-Kreisvorsitz in Berlin-Mitte kandidieren zu wollen, weil sie sich auf ihre Arbeit im Bundestag konzentrieren wolle, so der Berliner Tagesspiegel. Ihre Kandidatur als Wehrbeauftragte könnte Teil eines Berliner SPD-Deals sein. Bereits Anfang des Jahres hatte Högl ihren Spitzenplatz an der SPD-Landesliste abgegeben, noch 2017 zog sie als Erstplatzierte in den Bundestag ein.

Berlins Bürgermeister Michael Müller möchte zur Bundestagswahl 2021 nun den ersten Platz der Landesliste besetzen und sich so ohne Wahlkreis in den Bundestag wählen lassen. Damit würde er den Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg für ein Direktmandat von Kevin Kühnert freimachen. Dieser hat seine Kandidatur im März in einem Interview mit dem Spiegel angekündigt.

Johannes Kahrs wuchs in norddeutscher SPD-Traditionsfamilie auf

Was seine persönliche Zukunft angeht, gab Kahrs bisher wenig bekannt. Mit seinem „persönlichen Neuanfang“ meint er offenbar keine weitere politische Funktion. In seiner Erklärung drückt er Enttäuschung über die Entscheidung der SPD aus. Die Bundeswehr läge ihm als Oberst der Reserve sehr am Herzen, weshalb er Wehrbeauftragter im Bundestag werden wollte. Kahrs bricht dennoch nicht mit der SPD, in der schon seine Großeltern Mitglied waren. Sein Vater Wolfgang Kahrs war SPD-Justizsenator in Bremen, seine Mutter Bringfriede Kahrs Bildungssenatorin.

Johannes Kahrs heiratete im September 2018 seinen langjährigen Lebenspartner Christoph Rode, kämpfte vorher für die gesetzliche Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften. Im Bundestag fiel er durch seine direkte und offene Sprache auf. Vor allem gegen die AfD teilte der Hamburger Politiker aus. So kontrovers wie Tübingens Bürgermeister Boris Palmer bei Markus Lanz äußerte er sich jedoch nie.

Eine Karriere abseits der Politik ist bei einem Johannes Kahrs kaum vorstellbar. Doch der Wahlhamburger hat auch außerhalb der Partei viele Interessen und Engagements. Er engagiert sich für das Technische Hilfswerk (THW) in Hamburg, ist Mitglied der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und diverser Hamburger Fußballvereine, unter anderem vom FC St. Pauli. Zudem ist Kahrs in der Deutschen Atlantischen Gesellschaft sowie der Deutsch-Israelischen Gesellschaft international vernetzt. In dem Hamburger Verein Jugend gegen AIDS ist Kahrs als Beiratsmitglied aktiv und setzt sich für Präventions- und Aufklärungsarbeit ein.

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/picture alliance/dpa

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