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Intensivpfleger Ricardo Lange kritisiert: „Es ist zum Verrücktwerden“

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Von: Kevin Goonewardena

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Der Intensivpfleger Ricardo Lange sprach mit dem Magazin Stern über die vierte Welle, die Gründe für den Pflegekräftemangel und was ihn verrückt werden lässt.

Hamburg – Vor zwei Jahren zu Beginn der Pandemie wurden Pflegekräfte für ihren Einsatz beklatscht, später gab es eine Bonuszahlung vom Bund. Doch viel getan an den Arbeitsbedingungen hat sich hingegen nicht. Nun rollt die vierte Corona-Welle über Deutschland, umso wichtiger wäre es gewesen, die Mängel in der Zwischenzeit zu beheben. Im Interview mit dem Stern spricht Intensivpfleger Ricardo Lange über die aktuelle Lage in der Pflege.

Gesundheitspersonal in Deutschland gesamt:5,7 Millionen
Davon Intensivpflegekräfte:25.000 (Stand November 2020)
Anzahl Intensivbetten Deutschland gesamt:24892 (Stand 03. Dezember 2021)
Anzahl belegter Intensivbetten Deutschland gesamt:21935 (Stand 03. Dezember 2021)

Ricardo Lange über die aktuelle Situation in den Kliniken

Die Situation in den Kliniken bezeichnet Lange als „schlimmer als in den Wellen zuvor.“ Als Grund nannte er, dass viele Intensivpflegekräfte den Beruf verlassen haben oder in andere Klinikbereiche gewechselt seien, in denen sie weniger körperlicher Belastungen und Stress ausgesetzt seien. Dadurch würde es zu Personalmängeln kommen. An freien Betten würde es hingegen nicht fehlen, so Lange, nur eben an fachkundigem Personal, dass diese betreuen könnte.

Ricaordo Lange darüber, wieso Pflegekräfte ihren Job verlassen

Lange spricht davon, dass seine Kollegen und Kolleginnen die Hoffnung verloren hätten, dass sich an ihrer Situation im Zuge der Corona-Krise etwas ändern würde. Er spricht von der Illusion, die sich Pflegerinnen und Pfleger zu Beginn gemacht hätten, dass „die Politik den Personalnotstand angeht, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern.“ Lange schloss sich selbst mit ein, spricht davon „naiv“ gewesen zu sein. Nun sei nach der Bundestagswahl und inmitten der vierten Welle, so Lange, die Hoffnung auf Änderungen verpufft.

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Ricardo Lange über die drohende Triage

Lange sagt, über die bereits in Sachsen drohende Triage, sie sei für ihn „eine Katastrophe, ein grausiges Szenario.“ Er hoffe „dass wir nie an diesen Punkt gelangen“, so Lange gegenüber dem Stern und betonte in diesem Zusammenhang noch einmal, dass es keineswegs an fehlenden Betten, Beatmungsgeräten oder dergleichen mangeln würde, sondern an Personal und für diesen Umstand die Politik verantwortlich sei. Doch auch wenn die Triage bisher nicht zur Anwendung gekommen ist, es würden in deutschen Kliniken bereits Maßnahmen eingeleitet werden, die nicht unter die Definition des Begriffs Triage fallen, aber schon jetzt Fälle priorisieren würden.

Intesivpfleger Ricardo Lange vor einem Zimmer auf einer Intensivstation im Krankenhaus.
Ricardo Lange erzählt auf der Bundespressekonferenz von seinen Corona-Erfahrungen als Intensivpfleger. © Kai Nietfeld/dpa & Ole Spata/dpa

Ricardo Lange über „priorisierende Maßnahmen“

Wie diese Maßnahmen genau aussehen, erklärt Lange im Verlauf des Gesprächs. Die meisten Menschen würden unter der Triage eine Situation verstehen, „in der Kliniken komplett überlastet sind und die Teams vor Ort entscheiden müssen, wer leben darf und wer sterben muss. Aber Triage fängt ja schon im Kleineren an, subtiler“, erzählt Lange. Es sei schon eine Form von Triage „wenn Stationsärzte überlegen müssen, welchen Patienten sie am ehesten von der Intensivstation nehmen können, um ein freies Bett für einen anderen schwerkranken Patienten zu schaffen“. Diese Verlegungen würden täglich passieren, so Lange.

Ricardo Lange über die kommenden Wochen

Lange, der an mehreren Berliner Kliniken als Intensivpfleger über eine Zeitarbeitsfirma arbeitet, beschreibt seine Gefühle als „verbittert“ beim Blick auf die kommenden Wochen. Schon den zweiten Sommer infolge habe die Politik nichts gemacht, was einen Anstieg der Zahlen im darauffolgenden Winter hätte verhindern können. Er sagt „Man hat das Virus einfach kommen lassen“ und kritisiert, dass man auch im zweiten Pandemiejahr noch über den Zustand der Pflege diskutiere.

„Alle Maßnahmen, die zur Eindämmung der Pandemie getroffen wurden, wurden immer damit begründet, das Gesundheitssystem müsse vor Überlastung geschützt werden. Und da, wo man wirklich angreifen müsste – dem Flaschenhals Pflege – wird einfach nichts gemacht. Das ist zum Verrücktwerden“, so Langer gegenüber dem Stern. *24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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