Grüne Scheinwelt?

Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock: Große Angst vor Umfragen-Absturz

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
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Union unten, Grüne vorn: Annalena Baerbock hat beste Chancen auf das Kanzleramt. Umfragen sprechen für sie. Doch Zahlen sind nicht alles. Die Tücke.

Hamburg/Berlin – Martin Schulz (SPD) könnte ein Vorbild für Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne) sein. Zumindest ein warnendes Beispiel. Vor vier Jahren hatte sich der Präsident des Europaparlaments auf den Weg gemacht, um Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden. „Martin, Martin“, schallten die Sprechchöre auf dem Nominierungsparteitag – und die Medien waren entzückt: „Der Schulz-Zug rollt durch das Land“, titelten mehrere Blätter.

Deutsche Politikerin:Annalena Charlotte Alma Baerbock (Grüne)
Geboren:15. Dezember 1980 (Alter: 40 Jahre) in Hannover
Privat:verheiratet, zwei Kinder, wohnhaft in Potsdam
Aktuelle Ämter:Bundesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete

Die Zeichen standen auf Neuanfang. Schulz, der aus Brüssel nach Berlin kam, galt als erfrischende Alternative zur Langzeitkanzlerin Angela Merkel (CDU). Die SPD legte kräftig in den Umfragen zu, alles deutete auf einen Erdrutschsieg hin. Doch am Ende kam alles anders: Die Deutschen bestätigten Merkel wie immer im Amt – und Schulz fuhr das schlechteste Ergebnis in der Geschichte der Sozialdemokraten ein.

Annalena Baerbock (Grüne): Kanzlerkandidatin liegt in Umfragen vor der CDU

Könnte Baerbock eine ähnliche Entzauberung drohen? Das fragen sich dieser Tage viele Grüne. Seit ihrer Nominierung als Kanzlerkandidatin eilt die 40-jährige Parteivorsitzende von Umfragehoch zu Umfragehoch. In mehreren Analysen der großen Meinungsforschungsinstitute haben die Grünen in der vergangenen Woche die Union mit Kanzlerkandidat Armin Laschet an Platz eins abgelöst. Die SPD mit Kanzlerkandidat Olaf Scholz liegt weit abgeschlagen dahinter.

Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne) liegt in den Umfragen vorn – vor dem Ziel bloß nicht stolpern. (24hamburg.de-Montage)

Doch wie realistisch sind die Chancen von Baerbock auf das Kanzleramt? Die Vorzeichen stehen ähnlich wie bei Schulz. Neben dem Umfragehoch präsentiert sich die grüne Spitzenfrau als junge, entschlossene und vor allem frische Alternative zu den etablierten Kandidaten. Politologen sehen durchaus nach 16 Merkel-Jahren so etwas wie eine Wechselstimmung im Land. Doch ob das am Ende ausreicht, um als Siegerin aus der Bundestagswahl hervorzugehen?

Dass die Umfragen nicht absolut belastbar sind, das wissen die grünen Wahlstrategen. Dafür gab es zu viele Beispiele in jüngerer Vergangenheit. 2011 lag Bundestagsfraktionschefin Renate Künast (Grüne) im Wahlkampf um das Berliner Abgeordnetenhaus lange Zeit weit vor dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Und in der Hansestadt Hamburg wurde bei der Wahl zur Bürgerschaft der Zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) im Jahr 2020 beste Chancen auf den Chefsessel vom Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) bescheinigt. Gewinner waren am Ende aber die Amtsinhaber.

Annalena Baerbock (Grüne): Verhilft ihr eine Wechselstimmung ins Amt der Kanzlerin?

Ein Platzen der Blase könnte wieder durchaus drin sein. Zumindest hoffen darauf Baerbocks Gegner. Die Absturzgefahr sei „real“, sagte etwa Frank Stauss von der Agentur Richel-Stauss, der für die Bundes-SPD arbeitet und bereits mehreren SPD-Ministerpräsidenten zum Sieg verholfen hat, kürzlich dem „Tagesspiegel“. Seiner Einschätzung nach sind die Grünen bereits am oberen Ende ihres Wählerpotenzials angeschlagen – und das auch nur, weil „die anderen Parteien sich in Schlechtform präsentieren“, sagte der Experte. Ob die Deutschen für den Wechsel oder auf Sicherheit stimmten, werde sich erst noch zeigen.

Bei den Grünen kommt es jetzt viel auf Geschlossenheit an. Zwar treten auch in der Öko-Partei leichte Risse im absoluten Harmonie-Bild* auf, doch im Vergleich zum Personal-Hickhack innerhalb der Union stehen die Grünen nach wie vor vorbildlich da. Je mehr die Union im Chaos versinkt, umso mehr kann die noch regierungsunerfahrene Baerbock punkten.

Parteiinterner Streit zerstörte am Ende übrigens auch die Kampagne von Martin Schulz (SPD). Als er ins Rennen ging, hatte er sein Wahlprogramm noch nicht festgelegt. Über Monate konnten sich der linke und der rechte Parteiflügel nicht auf eine Marschrichtung festlegen – und Schulz wusste nicht, was er eigentlich als Kanzlerkandidat präsentierte. Das TV-Duell mit Merkel geriet zum Desaster.

Grüne im Bundestagswahlkampf: Mit Geschlossenheit kann Baerbock punkten

In dieser Hinsicht hat Baerbock, die sich auch immer wieder persönliche Angriffe und Anfeindungen gefallen lassen muss, dem SPD-Mann bereits etwas voraus. Zusammen mit Co-Parteichef Robert Habeck stellte sie bereits vor vielen Wochen einen Programmentwurf vor, der auch ihre Handschrift trägt. Insofern muss sie sich hier keine Sorgen mehr machen. Es liegt vor allem an ihr selber, dass Umfragehoch zu bewahren. Derzeit stellt sie sich offenbar etwas geschickter an, als einige ihrer Vorgänger.

Das ahnt bereits auch schon Sigmar Gabriel (SPD), der ihr jüngst bescheinigte: „Baerbock hat beste Chancen auf das Kanzleramt.“ Und der ehemalige Außenminister muss es wissen. Vor vier Jahren hatte er den Martin-Schulz-Zug als SPD-Parteichef höchstpersönlich auf die Schiene gestellt – und am Ende mit vor den Prellbock gefahren. * 24hamburg.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Bernd Weißbrod/dpa & Martin Müller/imago images

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