Schifffahrt

Illegale Verschrottung: Bekannter Hamburger Reeder unter Verdacht

Große Schiffe wurden an der Küste vor Gadani auf Grund gesetzt, damit sie abgewrackt werden können.
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Immer wieder werden an den Stränden Pakistans illegale Schiffsabwrackungen vorgenommen. (Symbolbild)
  • Johannes Nuß
    VonJohannes Nuß
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Ermittler haben am Mittwoch sieben Objekte in Hamburg durchsucht. Ein Hamburger Reeder steht im Verdacht, Schiffe illegal abgewrackt zu haben.

Hamburg/Islamabad – Bekannt ist Erck Rickmers in Hamburg eher als Philanthrop und Wohltäter mit äußerst ausgeprägtem sozialen Gewissen. Auch war er von 2011 bis 2012 SPD-Abgeordneter der Hamburgischen Bürgerschaft. Daher wiegen die Vorwürfe umso schwerer, die gegenüber dem gebürtigen Bremerhavener und mehr als ein Dutzend weiterer Unternehmer erhoben werden.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,22 km²
Einwohner:1.851.430 (Stand: 31. März 2021)
Vorwahl:040
Erster Bürgermeister:Dr. Peter Tschentscher (SPD)

Konkret steht seit Mittwoch der Verdacht im Raum, dass die Rickmers Gruppe an einer illegalen Schiffsentsorgung in Pakistan beteiligt sein soll. Davon geht jedenfalls die Staatsanwaltschaft Hamburg aus. Insgesamt geht es um drei Schiffe in dem Ermittlungsverfahren. Was die Sache für den Menschenfreund Rickmers so pikant macht: Das Abwracken von Schiffen in Pakistan geschieht unter äußerst umweltschädlichen Bedingungen. Von den Menschenrechten der Arbeitskräfte die diese Tätigkeiten ausführen einmal ganz zu schweigen.

Hamburger Reeder unter Verdacht illegaler Schiffsentsorgung: Staatsanwaltschaft durchsucht sieben Objekte

Im Zuge eines Ermittlungsverfahrens ließ die Behörde am Mittwoch in Hamburg insgesamt sieben Objekte durchsuchen, darunter auch die Villa an der Alster in der die Rickmers Gruppe ihren offiziellen Firmensitz hat. Bei den Durchsuchungen sind laut einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur „schriftliche Unterlagen und elektronische Daten sichergestellt worden, die derzeit ausgewertet werden“.

Es geht um den Vorwurf, die Unternehmer hätten die Schiffe nicht ordnungsgemäß abwracken lassen, sondern verkauft – im Wissen darum, dass die Käufer die Schiffe nach Pakistan schaffen, „wo sie auf einen ungesicherten Strand gefahren und dort unter umweltgefährdenden Umständen abgewrackt wurden“, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Im Einzelnen nennen die Ermittler die Schiffe „MS Florida I“, „MS Alexandra Rickmers“ und „MS E. R. Hamburg“.

Die Schiffe sollen am Strand zerlegt worden sein, hierbei sei insbesondere der Schrottwert für die Käufer wirtschaftlich von Bedeutung. In der Schifffahrtsbranche wird dieses Vorgehen nach dem englischen Wort für Strand „Beaching“ genannt. Für den unterstellten Verstoß gegen das Abfallverbringungsgesetz ist laut Staatsanwaltschaft eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren vorgesehen.

Hamburger Reeder unter Verdacht illegaler Schiffsentsorgung: 19 Jahre altes Schiff wurde 2017 verkauft

Zuvor hatte „Bild“ über die Durchsuchungen berichtet und dabei die Investment- und Vermögensverwaltungsgruppe E.R. Capital des Hamburger Kaufmanns und Reeders Erck Rickmers namentlich genannt. „Aus der Erck Rickmers Gruppe ist von diesen Untersuchungen ein Schiff betroffen, das rund 350 Investoren gehörte“, teilte E.R. Capital dazu mit. Die Investoren hätten dieses damals 19 Jahre alte Schiff 2017 meistbietend verkauft.

„Der weitere Betrieb des Schiffes lag nach dem Verkauf ausschließlich in der Verantwortung der Käufergesellschaft“, heißt es weiter. „Die Erck Rickmers Gruppe begrüßt es, wenn Verstöße gegen Umweltvorschriften aufgeklärt werden. Sie ist sich keines Verstoßes bewusst und kooperiert vollumfänglich mit den ermittelnden Behörden.“

Gegenüber mopo.de wies Reeder Erck Rickmers die erhobenen Vorwürfe zurück. „Das Unternehmen meint, alle Vorschriften eingehalten und nicht gegen das Abfallverbringungsgesetz verstoßen zu haben“, zitiert das Medium den Reeder. Gegenüber dem Abendblatt räumte Rickmers die Durchsuchungen und Ermittlungen ein.

Hamburger Reeder unter Verdacht illegaler Schiffsentsorgung: EU regelt das Abwracken von Schiffen genau

Das Abwracken alter Schiffe ist in der EU mit einer Verordnung geregelt. Danach dürfen diese nur in von der EU zertifizierten Einrichtungen recycelt werden; die Anlagen selbst dürfen sich auch außerhalb der Union befinden. Außerdem gibt es seit 2009 ein internationales Abkommen über eine umweltgerechte und sichere Abwrackung alter Schiffe, das von Deutschland 2019 ratifiziert wurde.

Allerdings tritt diese sogenannte Hongkong-Konvention erst in Kraft, wenn mindestens 15 Staaten mit 40 Prozent der weltweiten Handelsflotten-Tonnage beigetreten sind. Seit Spaniens Beitritt in diesem Jahr sind es zwar schon 17 Länder, die nach Angaben der Internationalen Schifffahrts-Organisation IMO aber erst knapp 30 Prozent der Tonnage repräsentieren.

Die internationale Nichtregierungsorganisation Shipbreaking Platform prangert seit Jahren Umweltschäden, Menschenrechtsverletzungen, Kinderarbeit, Krankheits- und Todesfälle sowie Unfälle im Zusammenhang mit der Abwrackung von Altschiffen via „Beaching“ an. „Der überwiegende Teil der weltweiten Altschiffflotte, die voller giftiger Stoffe ist, wird einfach an den Stränden Südasiens abgewrackt – von Hand“, kritisiert die Organisation. „Dort nutzen skrupellose Schifffahrtsunternehmen die minimale Durchsetzung von Umwelt- und Sicherheitsvorschriften aus, um ihre Gewinne zu maximieren.“ * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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