Prekäre Verhältnisse

Hartz IV: Armut bedroht viele Kinder – obwohl Corona-Bonus vorhanden

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
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Hartz IV betrifft immer mehr Kinder. Trotz Corona-Boni bleibt Armut ein ungelöstes Problem. Besonders arm ist Berlin dran. Prekäre Lage in der Hauptstadt.

Hamburg/Berlin – Urlaub? Kino? Schulausflüge? Für viele Minderjährige sind solche Aktivitäten auch ohne eine Corona-Pandemie unbezahlbar. Denn sie leben in Hartz-IV-Familien. Allein in Berlin sind 162.412 Minderjährige in sogenannten Bedarfsgemeinschaften gemeldet, die Regelleistungen nach dem Sozialgesetzbuch II erhalten. Damit wohnten 27 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren in Haushalten mit Hartz-IV-Bezug. Das geht aus einer aktuellen Antwort des Senats auf eine Anfrage der Linkspartei hervor, über die der RBB kürzlich berichtete. Mehrheitlich betroffen sind dabei Minderjährige mit ausländischen Wurzeln oder Kinder von Alleinerziehenden.

Stadt in Deutschland:Berlin
Fläche:891,8 km²
Bevölkerung:3,645 Millionen (2019)
Zahl der Arbeitslosen:211.918 Personen

Ein Einzelfall? Keineswegs. Vielerorts sind Kinder und Jugendliche in Zeiten der Coronavirus-Pandemie von Armut bedroht. Während in Berlin fast jedes vierte Kind betroffen war, ist es in Sachsen-Anhalt fast jeder siebte Jugendliche. Und auch in Bremen oder in einigen Kommunen im Westen und Nordwesten ist die Situation oftmals sehr angespannt.

Hartz IV: Viele Kinder von Armut bedroht – In Berlin lebt jeder vierte Jugendliche von Grundsicherung

Die Entwicklung ist dabei kein ganz neues Phänomen. Bereits vor einem Jahr warnte die Bertelsmann-Stiftung in einem Report vor einem stark wachsenden Problem. Kinderarmut bleibe eine „unbearbeitete Großbaustelle“. Den Angaben zufolge wuchsen im Jahr 2020 bundesweit rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche in Armut auf, also fast jeder fünfte Heranwachsende.

Prekäre Lage: Viele Kinder sind in der Corona-Krise von Hartz-IV bedroht. (24hamburg.de-Montage)

Seit Jahren sei der Kampf gegen Kinderarmut eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland. Jedoch leider mit wenig Fortschritten, kritisierten die Studienautoren. Zwei Drittel der armen Kinder könnten zum Beispiel mit ihrer Familie nicht einmal eine Woche im Jahr in Urlaub fahren. Selbst für Kinobesuche einmal im Monat reiche das Geld oftmals nicht. Auch einfache Einladungen von Freunden nach Hause seien häufig schwierig. Der Mangel an sozialer Teilhabe wirke sich erheblich auf die Entwicklung der Betroffenen aus, hieß es in der Analyse.

Der Linksfraktionsvorsitzende im Bundestag, Dietmar Bartsch, bezeichnete damals gegenüber dem RBB die Kinderarmut in einem reichen Land als „unfassbaren Skandal“. Es sei ein schweres Versäumnis von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), in diesem Zusammenhang keine Verbesserung erreicht zu haben.

Hartz IV: Kinderarmut bleibt Problem – Bundesregierung lehtn Reform ab und zahlt Corona-Bonus

Die Corona-Krise droht die Situation nun erneut zu verschärfen. Durch die monatelangen Zwangsschließungen und Beschränkungen für viele Betriebe mussten vielen Arbeitnehmer in Kurzarbeit oder in die Arbeitslosigkeit. Sozialverbände schlagen seit Monaten Alarm und fordern eine deutlich verbesserte Unterstützung. So fordert ein Bündnis aus 36 Gewerkschaften zum Beispiel eine deutliche Erhöhung des Hartz-IV-Regelsatzes. Doch derzeit gibt es dafür keine parlamentarische Mehrheit.

Während Grüne und SPD die Agenda-Politik gerne reformieren wollen, lehnt die CDU jegliche Änderungen an der Hartz-IV-Gesetzgebung ab. Deshalb könnte ein gesetzlicher Vorstoß frühestens nach der Bundestagswahl kommen, vorausgesetzt, die Mehrheitsverhältnisse ändern sich. Einigen konnte sich die Große Koalition um Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lediglich zuletzt auf die Zahlung eines einmaligen Corona-Bonus, mit dem die schlimmsten Folgen in der Coronavirus-Pandemie abgefedert werden sollen. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Patrick Pleul/dpa/picture alliance & Ralf Hirschberger/dpa/picture alliance

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