Pandemie

Hartz IV: Vorteile für Arme bei Corona-Impfung

  • Jens Kiffmeier
    vonJens Kiffmeier
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Corona-Bedrohung in sozialen Brennpunkten soll bekämpft werden. Hamburgs Idee: Hartz-IV-Bezieher sollen bei Impfungen bevorzugt werden. Obwohl Impfstoff knapp ist.

Hamburg – Angesichts einer erhöhten Corona-Ansteckungsgefahr in sozialen Brennpunkten hat die Hansestadt Hamburg jetzt reagiert: Ab dem 3. Juni 2021 soll Hartz-IV-Beziehern in einem Jobcenter im Stadtteil Wilhelmsburg eine Schutzimpfung angeboten werden. Trotz knapper Impfstoffmengen soll ein mobiles Impfteam bis zu 600 Leistungsempfänger in der Grundsicherung gegen das Coronavirus impfen. Dadurch könne man Menschen in prekären Lebenssituationen besser erreichen und Zugangsschwelle abbauen, teilte Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (SPD) mit.

Stadt in Deutschland:Hamburg
Fläche:755,2 km²
Bevölkerung:1,841 Millionen
Arbeitslosenquote:8,0 Prozent

Der Vorstoß des Hamburger Senats kommt nicht von ungefähr. Zwar sinken derzeit die Inzidenzwerte in Hamburg täglich und der Knallhart-Lockdown wird angesichts der sich positiv entwickelnden Zahlen schrittweise gelockert. Doch laut Hamburgs Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) ist die Ansteckungsgefahr nach wie vor nicht gebannt. Und nach aktuellen Studien ist das Risiko für eine Covid-19-Erkrankung dabei unterschiedlich in der Stadt verteilt.

Hartz IV: Hamburg will Empfänger der Grundsicherung bei Corona-Impfung vorziehen

Den Angaben zufolge ist der ärmere Osten stärker vom Corona-Infektionsgeschehen betroffen als der reichere Westen. Demnach haben Bewohner ärmerer Stadtteile wie Hamm, Billstedt oder eben Wilhelmsburg ein signifikant höheres Risiko an Covid zu erkranken und dabei einen schweren Verlauf durchzumachen als Bewohner in reicheren Vierteln. Laut einer Auswertung der AOK Rheinland/Hamburg haben Bezieher von Arbeitslosengeld II ein 84 Prozent erhöhtes Risiko, mit einer Covid-Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden zu müssen als ein Durchschnittsbürger.

Schutz vor Covid: Hamburg will Hartz-Bezieher jetzt im Jobcenter gegen Corona impfen. (24hamburg.de-Montage)

Die Fachleute führen das auf die Tatsache zurück, dass ärmere Menschen und Hartz-IV-Empfänger eher in beengten Wohnverhältnissen leben und den Auswirkungen der Corona-Krise schlechter ausweichen können. So können auch viele Geringverdiener ihre Arbeit schlechter ins Homeoffice verlagern. Bereits vor Wochen hatten deshalb Verbände, aber auch Politiker wie Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) die Bevorzugung von Hartz-IV-Empfängern in der Impfpriorisierung gefordert.

Zwar fällt nach einem Bund-Länder-Beschluss am 7. Juni 2021 die Impf-Priorisierung in Deutschland. Dennoch will der Hamburger Senat ein niederschwelliges Angebot für die Hochrisikogruppen schaffen. Auch andere Länder gehen entsprechende Wege*. Deshalb soll nun in Wilhelmsburg ein Pilotprojekt gestartet werden. Wer in Wilhelmsburg Leistungen vom Jobcenter bezieht, soll in den kommenden Tagen ein Schreiben mit einem Impfangebot bekommen. Das Schreiben ist extra in mehreren Sprachen verfasst, heißt es. Verimpft wird der Impfstoff von Johnson & Johnson.

Hartz IV: Trotz Impfstoff-Knappheit verteilt Senat 600 Impf-Termine im Jobcenter

Die Aktion ist ein Modellversuch. Laut Behördenangaben kann er möglicherweise auch auf andere Viertel und Jobcenter ausgeweitet werden. Das hängt allerdings von der weiteren Belieferung der Hansestadt mit ausreichend Impfstoff ab. Zuletzt war Hamburg bei der Beschaffung benachteiligt worden, weshalb sich der Senat lautstark bei Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) beschwerte. So beklagte Tschentscher das Fehlen von bis zu 50.000 Impfdosen. Beim Bund-Länder-Gipfel am Donnerstagabend wurde aber eine Nachlieferung zugesagt.

Trotz der knappen Impfstoffmengen verteidigte Senatorin Leonhard das Projekt. Zwar blieben die Spielräume „begrenzt“, sagte die SPD-Politikerin. „Aber wir wollen mit den Schutzimpfungen besonders diejenigen schützen, die weniger Möglichkeiten haben, sich selbst zu schützen.“ * 24hamburg.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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