100 Euro ohne Kontrolle

Hartz IV: Verprassen Eltern den 100 Euro Kinderbonus?

  • Jens Kiffmeier
    VonJens Kiffmeier
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In der Corona-Krise bekommen Hartz-IV-Familien einen Kinder-Freizeitbonus. Die Höhe? 100 Euro. Die große Frage: Kommt das Geld auch wirklich bei den Kindern an?

Hamburg – Für Eis und Freibad, oder doch lieber für eine andere Neuanschaffung? Im August bekommen Hartz-IV-Familien einen Kinderfreizeitbonus in Höhe von 100 Euro von der Arbeitsagentur ausgezahlt – und zwar ohne Bedingungen. Über die fehlende Kontrolle ist nun eine Debatte entbrannt. Insbesondere die Linkspartei wehrte sich dabei gegen den Verdacht, dass ein Großteil des Geldes nicht bei den Kindern und Jugendlichen ankommen könnte.

Finanzielle Hilfe für Arbeitslose:Arbeitslosengeld II (genannt Hartz 4)
Eingeführt:1. Januar 2005
Grundlage für ALG II:Zweites Buch der Sozialgesetzgebung

„Es ist leider ein nicht auszurottendes Vorurteil, dass Eltern im Hartz-IV-Bezug Geldleistungen lieber für eigene Zwecke verwenden würden, als es ihren Kindern zukommen zu lassen“, teilte die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Sabine Zimmermann, 24hamburg.de mit. Doch das genaue Gegenteil sei der Fall. „Ich habe viele Familien erlebt, die alles tun, damit es ihren Kindern besser geht, selbst wenn sie sich das Geld vom Munde absparen müssen.“

Hartz IV: Auszahlung ab August – Freizeitbonus für Kinder soll Folgen Corona-Krise abfedern

Ab August 2021 bekommen die Empfänger von Hartz-IV zusätzlich zum Regelsatz einen Freizeitbonus von 100 Euro ausgezahlt. Der Bundestag beschloss diese Einmalzahlung in der vergangenen Woche. Der Bonus ist als Ausgleich für die Corona-Krise gedacht, die speziell auch ärmere Familien durch die Schul- und Kitaschließungen enorm belastet hat. So fiel zeitweilig zum einen das Mittagessen weg, zum anderen auch die sozialen Kontakte. Außerdem wurden viele Hartz-IV-Schüler bei der Umstellung des Präsenzunterrichts auf das Homeschooling benachteiligt.

100 Euro extra für Hartz-IV-Empfänger: Im August zahlt daas Jobcenter einen Freizeitbonus für Kinder. Doch kommt das Geld richtig an?

Vor diesem Hintergrund stellte die Bundesregierung das Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona“ auf die Beine. Es umfasst insgesamt zwei Milliarden Euro. Ein Teil des Geldes ist für Förder- und Nachhilfeprogramme gedacht. Der andere Bereich finanziert den Freizeitbonus. Anspruch auf die 100 Euro haben insgesamt 2,7 Millionen Kinder. Bis auf wenige Ausnahmen muss das Geld nicht extra beantragt werden. Ab August wird die Arbeitsagentur das Geld den Eltern mit dem Regelsatz überweisen. Es dürfe dann „nach Lust und Laune“ ausgegeben werden, hatte Familienministerin Christine Lambrecht (SPD) bei der Verabschiedung des Gesetzespakets gesagt.

Eine Überprüfung der Ausgaben wird es aber nicht geben. Das bestätigte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) unserem Nachrichtenportal. „Eine Kontrolle findet nicht statt“, teilte die Behörde 24hamburg.de mit. Die Pandemie habe den Familien viel abverlangt und es sei wichtig, insbesondere Haushalte mit geringen Einkommen zu unterstützen. Deshalb habe man bewusst auf eine „Verwendungsvorgabe“ verzichtet. „Der Kinderfreizeitbonus kann somit gegebenenfalls auch für andere Zwecke eingesetzt werden“, hieß es in der Stellungnahme.

Hartz IV: Zusätzlich zum Regelsatz – Corona-Bonus für Kinder kommt ohne Kontrolle aufs Konto

Die Linke begrüßt den unbürokratischen Ansatz. Neben Bundestagsfraktionsexpertin Zimmermann bezeichnete auch die Fraktionschefin der Linken in der Hamburger Bürgerschaft, Sabine Boeddinghaus, den Verzicht auf Kontrollen als absolut „vertretbar“. Dass Hartz-IV-Empfänger das Geld zweckentfremden würden, sei eine bösartige Unterstellung, sagte Boeddinghaus zu 24hamburg.de. Genauso müsste man allen Empfängern von Kindergeld vorwerfen, das Geld nicht zum Wohle der Kinder einzusetzen. Denn da gebe es ebenfalls keine Kontrollen.

„Auch Eltern, die Hartz IV-Leistungen beziehen, wollen ihren Kindern ein schönes Leben ermöglichen, können das aber oft nicht“, stellte die Hamburger Politikerin klar. Denn nach wie vor seien die ALG-II-Regelsätze viel zu niedrig bemessen für den Alltag. Bereits seit langem fordern Vertreter der Linkspartei zusammen mit einem breiten Bündnis von 36 Gewerkschaften die Erhöhung der Grundsicherung von derzeit 446 Euro auf 600 Euro pro Monat – bislang jedoch vergeblich. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Franziska Kraufmann/dpa

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