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Harbour Front Festival: Nach NS-Eklat – Weitere Konsequenzen für Kühne-Stiftung

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Von: Kevin Goonewardena

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Eklat um NS-Vergangenheit von Kühne+Nagel beim Harbour Front Literaturfestival. Hauptsponsor: die Stiftung von Klaus-Michael Kühne.

Hamburg – Vor dem Start des Harbour Front Literaturfestivals (8. September bis 22. Oktober 2022) ist es zum Eklat zwischen Autor Sven Pfizenmaier und der Klaus-Michael Kühne Stiftung gekommen. Es geht um die NS-Vergangenheit des Logistikkonzerns Kühne+Nagel, deren Erbe und Hauptanteilseigner der HSV-Mäzen Klaus-Michael Kühne ist. Pfizenmaier, der für seinen Debütroman „Draußen feiern die Leute“ für den mit 10.000 Euro dotierten Klaus-Michael Kühne-Preis des Festivals nominiert ist, will am sogenannten Debütantensalon des Festivals nicht mehr teilnehmen und erst recht nicht mehr den Preis gewinnen.

Es geht ihm um den Umgang Klaus-Michael Kühnes mit der NS-Vergangenheit seines Unternehmens, so Pfizenmaier in der Begründung. Die Stiftung des Milliardärs und aktuell zweitreichstem Deutschen, die als Hauptsponsor des Festivals fungiert, reagiert beleidigt und droht damit, Preisverleihung und Förderung platzen zu lassen.

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Name:Klaus-Michael Kühne
Geburtstag und -ort:2. Juni 1937 in Hamburg
Vermögen:30,5 mrd. US-Dollar (2022)
Bekannt für:Kühne+Nagel, Hapag-Lloyd, The Fontenay, Kühne Logistics University

Harbour Front Festival: Mehr als 20.000 Besucher jedes Jahr – auch Dank Kühne-Stiftung

Das Harbour Front Literaturfestival findet in diesem Jahr bereits zum 14. Mal statt und hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der größten Veranstaltungen seiner Art entwickelt. Auch dank erheblicher finanzieller Unterstützung der Klaus-Michael-Kühne Stiftung, deren Namensgeber als Literaturfan gilt.

Da sich Klaus-Michael Kühne dagegen wehrt, die NS-Historie seines Unternehmens aufzuarbeiten, möchte ich meinen Text nicht in einen Wettbewerb um sein Geld und eine Auszeichnung mit seinem Namen stellen.

Sven Pfizenmaier zu seinem Rückzug von der Nominierten-Liste

Mehr als 20.000 Besucherinnen und Besucher besuchen die Programmpunkte in Spielstätten wie der Elbphilharmonie, der Laiszhalle, Fabrik oder dem Altonaer Museum. So fühlt sich die Stiftung, wie man auf Anfrage der taz mitteilen ließ, „in dieser Angelegenheit im höchsten Grade ungerecht behandelt.“ Und: „Sie hat mit Vorgängen, die ca. 80 Jahre zurückliegen, nichts zu tun und wird die traditionelle Verleihung des Klaus-Michael Kühne-Preises jetzt überdenken.“

Klaus-Michael Kühne: Sonst wortgewaltig, bei NS-Unternehmensvergangenheit schmallippig

Die NS-Vergangenheit des bereits von Kühnes Großvater gegründeten Logistikunternehmens, dem Kühne selbst sein Milliardenvermögen verdankt, ist seit Jahrzehnten Gegenstand von Debatten. Der Unternehmer, HSV-Geldgeber und vielfältiger Kultursponsor (unter anderem der Salzburger Festspiele), ist in der Öffentlichkeit für sein ausgesprochen ausgebildetes Sendebewusstsein bekannt.

HSV-Mäzen Klaus-Michael Kühne
Sonst wortgewandter: Klaus-Michael Kühne wird schmallippig, wenn es um die NS-Vergangenheit des Weltkonzerns Kühne+Nagel geht, an dem er selbst die Mehrheit hält. © Dammann / Ruhnke / Imago

Auch in seiner Heimatstadt Hamburg mischt er sich gerne ungefragt und öffentlichkeitswirksam ein, wenn ihm danach ist. Zuletzt sorgte Kühne mit dem Plan für Schlagzeilen der Hansestadt eine neue Oper bauen zu wollen, da ihm die alte nicht mehr gefalle. Wenn es allerdings um die Rolle seines Vaters Alfred Kühne (1895-1981) während der NS-Diktatur (1933-1945) geht, wird der sonst so wortgewaltige Kühne ausgesprochen einsilbig, so schon seit Jahren die übereinstimmende Meinung der Meiden. Ihm wird vorgehalten, so die NS-Vergangenheit seines Unternehmens nicht öffentlich aufzuarbeiten.

Kühne+Nagel: Zentrale Rolle beim Abtransport jüdischen Eigentums

Kühne+Nagel, unter anderem von Klaus-Michael Kühnes Großvater August Kühne 1890 in der Schweiz gegründet, spielte während der Naziherrschaft eine zentrale Rolle beim Abtransport jüdischen („arisierten“, das heißt geraubten) Eigentums aus von der Vermacht eroberten Gebieten ins Deutsche Reich. 1933 drängten Adolf und sein Bruder Werner Kühne ihren damaligen Miteigentümer jüdischer Herkunft Adolf Maass aus dem Unternehmen. Maass wurde später in Auschwitz ermordet. Vater Alfred und Onkel Werner Kühne waren seit 1933 NSDAP-Mitglieder. Ihr Unternehmen wurde mehrfach als NS-Musterbetrieb ausgezeichnet und wuchs in der Folge der NS-Herrschaft auf internationalem Gebiet.

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Kühne bedauert Vorkommnisse in der NS-Zeit – systematische Aufarbeitung lehnt er ab

Kühne erklärte zwar mittlerweile sein „Bedauern über die Vorkommnisse im ‚Dritten Reich’“, etwa 2021 gegenüber der Zeit. Eine systematische Aufarbeitung der NS-Geschichte des Unternehmens durch Historiker und andere Fachleute hält der 85-Jährige jedoch weiterhin für unnötig. Wie die taz berichtet, habe unter anderem diese Haltung dazu geführt, dass die linke Tageszeitung sich seit 2015 um ein „Arisierungs“-Mahnmal bemüht, dessen Bau der Bremer Senat im Februar 2022 beschlossen hat – in Sichtweite des Stammsitzes des einst in Bremen gegründeten Unternehmens.

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Harbour Front Literatur Festival: Linker Blog bringt Eklat ins Rollen

Pfizenmaiers Verlag „Kein und Aber“ hatte den Roman des Autors bei dem Festival und auch für den Klaus-Michael-Kühne-Preis angemeldet. Der Autor selbst entschloss sich nach einer Interviewanfrage des Hamburger Blog „Untiefen – Das Stadtmagazin gegen Hamburg“, zu dem Schritt.

Auch wenn er, wie Pfizenmaier sagte, das Preisgeld, hätte er es gewonnen, gut für die Arbeit an seinem zweiten Roman hätte gebrauchen können. Und stellte klar: „Es ist eine Entscheidung, die mir mit Hinblick auf meine Mitnominierten und die Mitarbeitenden des Festivals nicht leicht gefallen ist. Daher möchte ich sie explizit nicht als Vorwurf gegen diese Menschen verstanden wissen.“

Harbour Front Festival schweigt und ersetzt Autor

Beim Harbour Front Festival ist der Name Sven Pfizenmaier mittlerweile von der Website verschwunden. Der Eintrag in der Nominierten-Liste wurde durch Przemek Zybowski und dessen Debütroman „Das pinke Hochzeitsbuch“ ersetzt. Zu der Entfernung Sven Pfizenmaiers oder einstigen Nominierung findet sich kein Hinweis, als hätte es den Autoren und sein Werk auf der Liste nie gegeben.

Harbour Front Literaturfestival: Weitere Absage wegen fehlender NS-Aufarbeitung der Kühne-Stiftung

Die Absage Sven Pfizenmaiers und das darauffolgende Medienecho habe sie zum Nachdenken gebracht, so die ebenfalls nominierte Autorin Franziska Gänsler. Gänsler, deren Debütroman „Ewig Sommer“ ebenfalls im Verlag „Kein & Aber“ erschienen ist, teilte ihren Rückzug vom Harbour Front Literaturfestival 2022 und der Nominierung für den Klaus-Michael-Kühne-Preis am Mittwoch mit.

Über ihren Verlag ließ Gänsler verlauten, dass sie gerne auf dem Festival gelesen und sich über die Nominierung für den Preis gefreut habe. Der Rückzug Pfizenmaiers habe sie beschäftigt und sie in der Folge einen öffentlichen Diskurs gebraucht „der ein Ernstnehmen seiner Kritik erkennbar macht und zeigt, dass es das Anliegen der Stiftung ist, genau das zu fördern – kritische literarische Stimmen.“ Die Reaktionen auf den Rückzug Pfizenmaiers hätten ihr gezeigt, dass dies nicht gegeben scheint, so die Autorin. „Unter diesen Umständen weiter auf die Auszeichnung zu hoffen, erscheint mir, unabhängig von der finanziellen Komponente, wie ein Wegsehen, das ich nicht gut mit mir und meinem Schreiben vereinbaren kann“, wird Gänsler in dem Branchenblatt Buchreport zitiert.

Autorin Franziska Gänsler
Auch ihr Rückzug vom Harbour Front Literaturfestival hat zu den weitreichenden Änderungen beim Hamburger Literaturfestival beigetragen: Autorin Franziska Gänsler ©  Linda Rosa Saal / Kein & Aber

Auch Autor Domenico Müllensiefen meldete sich in der Debatte zu Wort. Er wird zwar weiterhin am Harbour-Front-Festival teilnehmen, sollte er den Klaus-Michael-Kühne-Preis gewinnen, das Preisgeld von 10.000 Euro zu einem „beträchtlichen Teil” einem Verein zukommen lassen, der Opfer rechter Gewalt betreut, ließ Müllensiefen gegenüber der Wochenzeitung Die Zeit verlauten.

Harbour Front Festival: Kühne-Stiftung nicht mehr Hauptsponsor

Nach dem Rückzug von Franziska Gänsler am Mitwoch, überraschte das Harbour Front Literaturfestival 2022 am Donnerstag mit der Meldung, dass die Stiftung von Klaus-Michael Kühne zukünftig nicht mehr als Hauptsponsor der Veranstaltung auftreten wird. Laut der Website des Festivals, auf deren Informationen sich verschiedene Medienberichte stützen, werden zukünftig die Hapag-Lloyd Stiftung und die Bodo Röhr Stiftung als Hauptsponsoren des Festivals in Erscheinung treten. Mit den aktuellen Ereignissen habe der Wechsel bei den Sponsoren nichts zu tun, erklärte Heinz Lehmann, Mitglied des Leitungsteams des Festivals, auf Anfrage der Hamburger Morgenpost. „Dieser Schritt hat überhaupt nichts mit dem aktuellen Wirbel um die Vergangenheit der Familie Kühne zu tun, sondern war seit Monaten geplant.“ 

Harbour Front Literaturfestival: Preis wird umbenannt - neuer Vergabeort

Der Rückzug der beiden Autoren Sven Pfizenmaier und Franziska Gänsler, sowie der Kühne-Stiftung als Hauptsponsor des Harbour Front Literatur Festival, bleiben nicht die einzogen Konsequenzen der Debatte um die NS-Vergangenheit der Kühne-Stiftung und der fehlenden Aufarbeitung eben jener. Wie am Mittwoch, 15. September 2022 bekannt wurde, wird auch der Preis, für den Pfizenmaier und Gänsler ursprünglich nominiert waren, mit sofortiger Wirkung einen neuen Namen tragen: Aus dem „Klaus-Michael-Kühne-Preis“ wird der „Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals“. Und zwar schon bei der aktuell laufenden Ausgabe des Literaturfestivals. Ebenfalls geändert wurde der Ort der Preisverleihung: Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird nun im Nachtasyl des Thalia Theaters vergeben und nicht, wie ursprünglich geplant, in kühnes Hotel „The Fontenay“. Der Preis bleibt weiterhin durch die Kühne-Stiftung gefördert.

Das Harbour Front Literaturfestival beginnt am 08. September und dauert bis zum 22. Oktober 2022. Das Hamburger Festival hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Literaturfestivals des Landes entwickelt.

(TRANSPARENZHINWEIS: Dieser Artikel wurde am 08., 09. und 16. September 2022 um neue Informationen ergänzt.)

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