Impfstrategie erfolglos

Senat weiter ratlos: Hamburgs Inzidenz explodiert zur bundesweit höchsten!

  • Susanne Kröber
    VonSusanne Kröber
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Mit einer Inzidenz von knapp 30 ist Hamburg trauriger Spitzenreiter im Vergleich der Bundesländer. An den Corona-Regeln soll sich jedoch erstmal nichts ändern.

Hamburg – Die Inzidenz in Hamburg steigt und steigt. Mit einem Wert von 26,8 (Stand: 27.07.) liegt Hamburg somit inzwischen vor Berlin (24,8) und dem Saarland (22,6). Eine Woche zuvor hatte die 7-Tage-Inzidenz in Hamburg noch bei 15,9 gelegen. Wer nun aber verschärfte Corona-Regeln erwartet, der wird enttäuscht.

Corona-Impfungen in Deutschland:Quelle: Our World in Data, Stand: 26. Juli 2021
Verabreichte Dosen:89,7 Mio.
Vollständig geimpft:41,3 Mio.
% der Bevölkerung vollständig geimpft:49,8 %

In einer Landespressekonferenz informierte der Hamburger Senat heute über die neue Verordnung, die am 28. Juli in Kraft treten soll. Trotz steigender Infektionszahlen wird es bis auf kleinere Ausnahmen keine Veränderungen geben. Für Besucher von Pflegeeinrichtungen sind sogar leichte Lockerungen geplant, so entfällt etwa die vorherige Anmeldung.

Hamburger Senat: Keine neue Strategie gegen steigende Inzidenzwerte

Sollte der Inzidenzwert in Hamburg die kritische 35er-Marke überschreiten, müsste der Senat weitere Schutzmaßnahmen zur Verhinderung der Virusausbreitung treffen, so schreibt es das Infektionsschutzgesetz vor. Und obwohl dieser Wert nicht mehr weit entfernt ist, sieht der Hamburger Senat aktuell offenbar keine Notwendigkeit, die Corona-Regeln zu verschärfen.

Der Inzidenzwert in Hamburg explodiert, aber der Senat hat keinen Plan. Es fehlt an Strategie und Lösungen. Erster Bürgermeister Peter Tschentscher und Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegeband scheinen ratlos. 

Das liegt laut Martin Helfrich vor allem daran, dass die Inzidenz nicht mehr allein zur Beurteilung des Infektionsgeschehens genutzt werden könne. Eine große Rolle spiele auch die „Hospitalisierungsrate“, so der Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, „weshalb die Entwicklung in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen mit hoher Aufmerksamkeit betrachtet wird.“

Corona-Erkrankungen: Wie ist die Lage in den Hamburger Krankenhäusern?

Aber wie sieht es überhaupt aktuell in den Hamburger Krankenhäusern aus? Auf den Intensivstationen werden laut dem Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) aktuell 18 mit Covid-19 infizierte Menschen behandelt (Stand: 26.07.) Die gute Nachricht: „Wir sehen in Hamburg sehr deutlich einen massiven Rückgang gen null bei den Neuinfektionen in Alterssegmenten mit einer hohen Durchimpfungsrate“, so Helfrich.

Impfen, impfen, impfen – so soll das Coronavirus in Hamburg in Schach gehalten werden. Allerdings scheint die Impfbereitschaft der Hamburgerinnen und Hamburger momentan zu stagnieren. „Nach wie vor gibt es mehrere Zehntausend Menschen in Hamburg, die impffähig sind, aber bislang noch keine Impfung erhalten haben“, gibt Helfrich zu bedenken. Die Impfquote in Hamburg liegt aktuell (Stand: 27.07.) bei 46,7 Prozent – nur Sachsen liegt mit 45,8 Prozent im bundesweiten Vergleich dahinter.

Trotz Impfen ohne Termin: Warum lässt die Impfbereitschaft in Hamburg zu wünschen übrig?

Seit dem 26. Juli 2021 können sich alle Hamburgerinnen und Hamburger ab 16 Jahren im Impfzentrum in den Messehallen ohne vorherigen Impftermin impfen lassen. 10.000 Impfungen pro Tag sind möglich, am ersten Tag nutzten jedoch lediglich 2000 Impfwillige das Angebot, sehr zur Enttäuschung des Teams. „Es ist schwierig, die Moral hochzuhalten“, erklärt Dirk Heinrich, der medizinischer Leiter des Hamburger Impfzentrums, gegenüber dem Hamburg Journal.

Um eine vierte Corona-Welle zu verhindern, wäre eine Impfquote von rund 85 Prozent nötig, daher appelliert Martin Helfrich an alle bisher Ungeimpften. „Die Neuinfektionen, und davon vor allem die schwereren Verläufe, spielen sich im Bereich derer ab, die nicht geimpft sind“, so der Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde. „Gerade weil wir jetzt in einer Situation sind, in der jede und jeder über 16-Jährige schnell und unkompliziert eine Corona-Schutzimpfung erhalten kann, sollte also niemand mehr zögern.“ Das Angebot des Impfzentrums bleibt nur noch bis Ende August bestehen, danach wird der Betrieb eingestellt. Erstimpfungen können laut dpa noch bis zum 10. August angeboten werden, für ihre Zweitimpfung erhalten Spontanbesucher beim Verlassen des Impfzentrums einen Termin.

Impfmüdigkeit: Warum stagnieren die Zahlen in Hamburg?

In der Landespressekonferenz lieferte Senatssprecher Marcel Schweitzer gleich zwei Erklärungen. Die positive lautet: „Es sind Sommerferien, es sind viele Menschen weggefahren und haben sich vorher überlegt, das klappt nicht mehr mit der Zweitimpfung, ich mach das alles nach dem Urlaub.“ Schweitzer gesteht aber: „Das ist ein optimistischer Antwortvorschlag im Sinne von, das wird schon.“

Die zweite Variante mutet da schon resignierter an: „Die, die geimpft werden wollten, sind geimpft. Sie haben die Angebote angenommen. Die, die wir alle impfen wollten, also insbesondere die Menschen, die ein gewisses Risiko einer sehr schweren Erkrankung in sich tragen, konnten wir alle impfen.“ Mit dem Wegfall der Impfpriorisierung und zuletzt sogar der Terminbuchung seien nun auch die letzten Hürden aus dem Weg geräumt worden. Eine Neuausrichtung der Impfkampagne wird es also nicht geben, lediglich die mobilen Impfangebote sollen noch ausgeweitet werden.

Wie erklärt sich der Hamburger Senat den Spitzenplatz bei der 7-Tage-Inzidenz?

Hamburg hat die höchste 7-Tage-Inzidenz aller Bundesländer. Das hat laut Senatssprecher Schweitzer zwei Gründe. Zum einen sei Hamburg eine Metropole mit sehr vielen Pendlern. „Wir haben also eine sehr hohe Mobilität. Das ist der eine Punkt, der uns schon seit Beginn der Pandemie immer wieder zu schaffen gemacht hat.“ Deshalb sei man auch immer etwas strenger gewesen als andere.

„Der andere Punkt ist: Wir haben sehr früh die Sommerferien gehabt und damit einhergehend eine sehr hohe Reisetätigkeit. Wir sind eines der ersten Bundesländer, kombiniert mit diesem Metropoleneffekt, das jetzt also spürt, wie sich die Sommerferien und die Reisetätigkeit in ganz Deutschland auswirken wird. Das werden auch andere Bundesländer sicherlich noch spüren“, so Schweitzer.

Ist die Strategie des Hamburger Senats im Kampf gegen die Corona-Pandemie überholt?

„Man darf nicht denken, dass Hamburg nichts tut“, verteidigt Schweitzer die Strategie des Hamburger Senats. Neu klingen die Maßnahmen allerdings nicht gerade! „Wir haben ein intaktes System an Schutzmaßnahmen, das auch gegen die Delta-Variante hilft. Wir haben Masken, wir haben Abstandsregeln, wir haben ein Testkonzept, wir haben eine Impfkampagne, wir haben noch zahlreiche Beschränkungen, die uns auch in der Vergangenheit viel Kritik eingebracht haben.“

Wie schon zu Beginn der Pandemie setzt Hamburg auf die Kontaktnachverfolgung. „Aus der Kontaktnachverfolgung wissen wir, dass die Infektionen vor allem von außen nach Hamburg eingetragen werden, deshalb haben wir die Kontaktnachverfolgung verstärkt und deshalb sind die Gesundheitsämter unserer Stadt sehr darum bemüht, Infektionsketten aufzudecken“, so Schweitzer.

Das bittere Fazit: „Das kommt für uns zu spät“

Die bestehenden Einreiseregeln kritisiert der Hamburger Senat scharf. „Der Bund diskutiert im Moment gerade eine verschärfte Verordnung, wird darin sicher auch die Hamburger Vorschläge aufnehmen, das ist auch gut, aber das kommt für uns zu spät“, beklagt Schweitzer und begründet auch direkt, warum aktuell trotzdem keine strengeren Corona-Regeln eingeführt werden.

Schweitzer führt die steigenden Inzidenzwerte größtenteils auf Reiserückkehrer zurück. „Und weil wir diesen Eintrag von außen nach Hamburg haben, haben wir auch kein Cluster oder keine Regelverletzung oder irgendeinen Grund, jetzt die Rechtsverordnung anzupassen und zu sagen, das Infektionsgeschehen ist zurückzuführen auf diesen einen Punkt, und den müssen wir jetzt verschärfen. Deshalb sind wir an dieser Stelle noch etwas zurückhaltend.“ Das kann sich aber natürlich auch ganz schnell wieder ändern: „Wegen des dynamischen Infektionsgeschehens behält sich der Senat aber selbstverständlich vor, die Rechtsverordnung jederzeit anzupassen.“ * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Georg Wendt

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